Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 „bie wert« Seite 9 der Menschen, die eine gegebene Bodenflache zu beherbergen vermag: eine gerade für unser Wjerk äusserst wichtige Tatsache. /Hier setzt der „Bezalel" mit einer unschätzbaren Hilfeleistung ein. Er will den Hausfleiss in Gestalt des höchstentwickelten Kunstgewerbes einführen, d. h. eine Organisation schaffen, die gleichzeitig die höchsten Kulturwerte pflanzt und den höchsten wirtschaftlichen Eeinertrag gewährleistet. Teppichknüpferei, Holz- und Steinbildhauerei, Metallkunst in edlen und unedlen Stoffen und in ihren unzähligen Varianten : all das und mehr hat' Schatz in seinen Herstellungsmethoden und Stilarten genau erforscht und ist befähigt und gewillt, als technischer Lehrer und entwerfender Künstler die jüdische Bevölkerung Palästinas darin zu unterweisen. Ein unendlich ausgedehnter und sehr kaufkräftiger Markt ist diesem Hauskunstfleiss vom vornherein gesichert, weil Palästina als heiliges Land1 der drei grossen Eeligionen seinen Erzeugnissen einen besonderen Affektionswert verleiht, und vor allem> weil die heiligen Stätten eine sehr grosse und jährlich anschwellende Zahl frommer Pilger aufsucht, die sämtlich geneigt sind, künstlerische Andenken und Geschenke, namentlich für ihre heimischen Gotteshäuser, mitzunehmen. Da Boris Schatz sich seinem Werke gänzlich ohne Entschädigung zur Verfügung stellen will, ist mit winzigen Mitteln das Anfangsstadium zu überwinden, nach dessen Ablauf das Unternehmen sich selbst zu unterhalten und aus eigenen Kräften auszubreiten verspricht. Wenn diese geringen Mittel — und dazu muss der Appell an das jüdische Herz und das Nationalgefühl ausreichen, wie er auch ausgereicht hat, uns für unsere „Probebauten" die Mittel zu schaffen •— wenn diese geringen Mittel aufgebracht sein werden, dann wird unsere Probekolonisation fest auf zwei Beinen stehen. Wir werden in jeder unserer Mhisterkolonien, sobald die ersten technischen Schwierigkeiten der agrarischen Anfänge überwunden sein werden, eine odfer mehrere Werkstätten mit von) Schatz ausgebildeten Werkmeistern und Arbeitern einsetzen und derart nicht nur Kulturzentren höherer Art schaffen, sondern auch unseren freien Bauern und ihren Familien für die Saison morte der Landwirtschaft einen hoch entgoltenen Nebenerwerb schaffen. Und darüber hinaus werden wir von vornherein in jede Siedlung eine Anzahl gewerblicher Elemente einführen können, die in kleinerem Haus- und Gartenbesitz ihr wirtschaftliches Rückgrat haben, aber im Haupterwerbe vom Kunstfleiss existieren, und es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollte man des breiten auseinandersetzen, welche sittlichen, geistigen und vor allem wirtschaftlichen Vorteile die Angliederung solcher Elemente für jede Dorfschaft besitzt. Sie bilden einen kaufkräftigen Nahemarkt für die Produkte der Landwirtschaft, deren vollen Preis sie bezahlen, ohne dass Transportkosten in Abzug zu bringen wären; sie liefern Dünger unld in drängender Zeit billige Hilfskräfte für die Erntearbeiten; sie verstärken alle Genossenschaften für Ein- und Verkauf, Kredit und Bautenbesehaffung etc.; sie ermöglichen jene Verdichtung der Bevölkerung, des Marktes, ohne die das isolierte Dorf der meisten Errungenschaften der Kultur entbehren muss. lEür uns aber, deren Aufgabe unter allen Umfetändeni darin bestehen wird, grosse Menschenmengen auf verhältnismässig engem Kaum anzusiedeln, gibt diese Kombination die unschätzbare Möglichkeit, die bei rein agrarischer Kolonisation doch immerhin beschränkte Dichtigkeit der Bevölkerung fast ins Grenzenlose zu vermehren. . Es ist nicht viel Zeit zu verlieren, wollen wir diese höchst nützliche, ja unentbehrliche Parallelaktion ins Werk Betzen. Es werden einige Jahre darüber hingehen, bis aus der in Jerusalem geplanten Schule die ersten selbständigem Zeichner, Färber und erfahrenen Vorarbeiter hervorgehen werden. Und ungefähr ebensolange wird es dauern, bis. die ersten Siedlungsgenossenschaften drüben genügend erstarkt und gesichert sein werden, um gewerblichen Elementen einen sturmfreien Hafen zu bieten. Sorgen wir dafür, dass das eine Glied der Kette das andere fertig vorfindet. Ohne feste agrarische Organisation] bringt der Schatzsche Plan auf die Dauer nur das kapitalistische Elend in das Land unserer Väter; und ohne eine genügende gewerbliche Vorbereitung kann die agrarische Organisation den Grad des Wohlstandes und der Kultur nie herbeiführen, den wir erreichen wollen und müssen» Es ist klare Pflicht aller Zionisten, den „Bezalel" zu fördern. . , , '..: .-— - ■• .- ~..... •'/Ti.i •■ Bezalel Komitee zur Begründung judischer Hausindustrie und Kunstgewerbe in Palästina. Nicht Almosen, sondern Arbeit* das ist heute die anerkannte Richtschnur für jeden Einsichtigen, der an der Hebung grösserer Volksmassen mitarbeiten will. Nicht Almosen, sondern Arbeit, das muss der Wahlspruch werden auch bei dem Hilfsdienst an den palästinensischen Juden; Denn eines ist klar: Dass die „ChaMeKah", der Zufluss yon milden Gaben aus der ganzen Welt, so sehr sie dem jüdischen Herzen zur Ehre gereicht und die Ehrfurcht vor dem alten Lande der Bibel bezeugt, unsere Stammesbrüder in Palästina nicht wirtschaftlich fördert, sondern geradezu systematisch der kraftvollsten wirtschaftlichen Antriebe beraubt. Schaffung von A r b ei t smöglic h k e it, Erziehung zur Arbeit und Selbsthilfe durch wirtschaftliche Organisation, das muss das Programm der zukünftigen jüdischen Hilfstätigkeit i« P a l ä s t i n a sein. Ein erster Schritt sind die jüdischein' Kolonien, in denen ein kräftiger und arbeitsfreudiger Bauernstand sich entwickelt* Allein es liegt in der Natur der Sache, dass die landwirtschaftliche Kolonisation nur langsam einen Teil der landansässigen Juden aus den überfüllten Städten heraus in Licht und Luft zu produktiver Arbeit zu bringen vermag. Dagegen kann ein anderer Weg schneller zu dem Ziele führen, Tausenden Brot zu schaffen: Die Einführung von Hausindustrien und die Entwicklung eines palästinensischen Kunsthandwerkes. Kaum irgend ein anderes Land bietet solche Aussichten für das Gedeihen eines Kunsthandwerkes wie gerade Palästinai Im Lande selbst sind tausende von Pilgern und! Reisenden, die es immer in wachsenden Zahl besuchen, sichere Abnehmer kunstgewerblicher Erzeugnisse. Und das ganze Abendland* das in Palästina die Geburtsstätte dreier Weltreligionen verehrt, bietet ein unbegrenztes Feld des Exportes für künstlerisch gearbeitete Gegenstände für den Gebrauch der Gottesdienste und den. Schmuck von Gotteshäusern, Friedhöfen und Privathäusern. Für die Künstler selbst wird es wahrlich nicht an Anregungen fehlen in einem Lande, in dem jeder Fussbreit Bodens ein Dokument uralter Traditionen und) versunkener Kulturen ist! Zur Verwirklichung dtieser Gedanken bietet sieb gerade jetzt eine Gelegenheit, wie sie kaum sobald wieder sich einstellen dürfte. Professor Boris Schatz aus Sofia, ein bekannter Bildhauer, Schüler von Antokolsky, ist im Begriff, auf mehrere Jahre zu künstlerischen Studien nach Palästina zu gehen. Von ihm geht die Anregung zu unserem Plan aus, und er ist mit freudiger Begeisterung bereit, die Einrichtung und Oberleitung des Werkes ohne Entschädigung, nur aus Interesse an der Sache, selbst int die Hand zu nehmen. Professor Schatz ist auch im Kunstgewerbe ein Fachmann im besten Sinne des Wortes; er hat schon in Bulgarien durch ein gleiches im Auftrage! der Regieirung ausgeführtes Werk sich ein bleibendes grosses Verdienst um das Land erworben. Auch hat er sowohl wie andere Künstler dem Unternehmen eine grosse Kollektion künstlerischer und gewerblicher Vorwürfe, Bilder, Skulpturen, Gravüren, Antiquitäten, Bücher etc. schenkweise zur Verfügung gestellt. Benützen wir also die selten günstige Gelegenheit! , Zu beginnen wäre nach Professor Schatz5 Vorschlägen mit der Einrichtung einer KunstgewerbeschuLe sowie von Abendkursen für Handwerker zur Erhöhung der Qualität und damit auchi des Werte® ihrer Arbeit. Ausserordentlich zu-