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Die Welt · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 22 „bi* # Wtlf Seite 15 fühlen, wenn sie unter den anderen Völkern des mächtigen Reiches zerstreut lebten! In welch schlechte Gesellschaft könnten sie geraten, wenn man sie nicht sorgsam auf einem Flecke zusammenhielte und die bösen Einflüsse von ihnen abwehrte! Denn leider, das muss selbst die den Juden so wohlgesinnte russische Regierung zageben, es gibt unter ihnen Leute, die töricht genug sind, diese obrigkeitliche Fürsorge gewissenlos auszubeuten. Musste doch erst jüngst der Minister des Innern zu seinem grossen Schmerze konstatieren, dass es Juden gebe, die sich einen Sport daraus machen, Exzesse zu provozieren. Diese verächtlichen Menschen wissen offenbar, dass die amtlichen russischen Blätter wiederholt feierlich erklärt haben: „Was die Sicherheit der Person und des Eigentums betrifft, so geniessen die Juden gleich den übrigen russischen Staatsbürgern den Schutz des Gesetzes und der Obrigkeit." Und daraufhin und im Vertrauen auf die oft bewiesene Nachsicht der Obrigkeit sündigen sie nun ohne Gewissensskrupel, so „dass der Minister des Innern, in dem Wunsche, eine Wiederholung solcher Ereignisse zu verhindern, es für seine Pflicht gehalten hat, den Gouverneuren zu empfehlen, dem vernünftigen Teil der jüdischen Bevölkerung zu erklären, dass sie im Interesse der Sicherheit der jüdischen Menge, gegen diejenigen Glaubensgenossen, welche sich durch die revolutionäre Propaganda hatten mitreissen lassen, vorgehen und sie von der iNotwendigkeit überzeugen sollten, durch ihr Verhalten nicht den Unmut der christlichen Bevölkerung auf sich zu lenken.Ä Noch nie ist die väterliche Sorge der russischen Regierung in einem längeren Satze zu so allgemein verständlichem Ausdrucke gelangt. Das aber war eben das Unglück des trefflichen Kömjanow* In voller Würdigung dieser edlen Absichten seiner Vorgesetzten und von einer eben so glühenden Liebe für die Juden als von löblichem Eifer gegen die abscheulichen Friedensstörer erfüllt, suchte er nach einem Mittel, um die Uebelwollenden gründlich zu entfernen. Dieses Mitter fand sich. Wie alle grossen Dinge war es von einer bewunderungswürdigen Einfachheit. Der Polizeikommissär Kömjanow liess in der ganzen Stadt Schitomir hektographierte Proklamationen verbreiten, in welchen er sich verpflichtete, für die Ermordung eines einfachen Juden 30 Kopeken, für die eines jüdischen Gymnasiasten 50 Kopeken und für die eines jüdischen Studenten 1 Rubel zu zahlen. Der Gedankengang Komjanows ist von einer durchsichtigen Klarheit. Wenn alle Juden Schitomirs im heiligen Boden Russlands liegen, dann sind darunter sicher auch die Uebelwollenden, „diejenigen Glaubensgenossen der vernünftigen Juden, die sich mitreissen lassen", um mit Exzellenz Bulygin zu sprechen. Folglich ist jede Gefahr entfernt, dass „der Unmut der christlichen Bevölkerung auf sie gelenkt werde" und dass, wie sich der „Regierungsbote" ausdrückt,, „nicht eine Judenhetze, sondern ein einfacher revolutionärer Tumult entstehe". Der Logiker unter den russischen Polizeikommissären hat aber in seiner blinden Vorliebe für die Juden an deren böse Eigenschaften vergessen, so vor allem an ihre Eitelkeit. Wie Cäsar von den Seeräubern fühlten sie sich offenbar von ihrem Freunde Kömjanow zu niedrig eingeschätzt; denn nur das, und nicht, wie Böswillige oder Unkundige behaupten, ihre Beunruhigung veranlasste sie, den Gouverneur und den Bürgermeister auf die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit den Preiswerbern des Herrn Kömjanow aufmerksam zu machen, natürlich ohne dass diese jüdische Ueberhebung Beachtung gefunden hätte. So musste der durchaus vernünftige Plan des Herrn Polizeikommissärs von Schitomir scheitern. Wohl sehoss man auf die Juden, wohl gab es über 100 Tote, respektive Schwerverwundete, aber . . ♦ die in ihrer Eitelkeit verletzten Juden schössen zurück und auch drei rechtgläubige Christen wurden getötet. Damit war aber die Tragödie des schönen Planes noch nicht beendet Es gab nämlich merkwürdigerweise auch Christen, denen die schlichte Grösse des polizeiamtlichen Planes nicht klar wurde. Noch mehr: denen dieser Plan niederträchtig, unmenschlich, als eine Schande, nicht für die Behörden von Schitomir, wohl aber für das ganze russische Volk erschien. Diese Leute, offenbar Ideologen mit beschränktem Gesichtskreis oder gar--Revolutionäre, suchten den schönen Plan Komjanows zu vereiteln, und als das nicht gelang, da vergass sich einer so weit und schoss den trefflichen Kömjanow einfach nieder. So ist es gekommen, dass die Freunde und Verehrer des nunmehr in einem besseren Jenseits von Schitomir ruhenden Polizeikommissärs mit blutigen Köpfen und blutenden Herzen heimgeschickt wurden und, was das Empörendste ist, vielleicht auch die von Herrn Kömjanow versprochenen Prämien nicht erhalten werden; denn es ist noch nicht ganz sicher, dass die vorgesetzten Behörden des an seinem Patriotismus und an seiner Liebe für die Juden ververstorbenen Polizeikommissärs die hektographisch bescheinigten Verpflichtungen erfüllen werden. So ist der „einfache revolutionäre Tumult" von Schitomir zu einer erschütternder} Tragödie russischen Beamtentums geworden. Gewaltig hebt sich die erhabene Gestalt des russischen Polizeikommissärs Kömjanow von dem blutigen Hintergrunde ab. Im wohltuenden Gegensatze steht der Eifer und die Hingebung dieses wackeren Mannes zu der Gesetzlosigkeit uM Unvernunft der jüdischen Bevölkerung Schitomirs, die, entgegen allen Vorschriften der Behörden, sich Waffen verschaffte und sogar von ihnen Gebrauch machte. Sie hat dadurch den beispielgebenden Plan eines staatsmännischen Kopfes, eines edlen Herzens voller Liebe für die Regierung, schmählich vereitelt. Sie hat aber auch den russischen Volkswohlstand in bedrohlicher Weise gefährdet; denn wenn nicht einmal mehr die Auszahlung des Schussgeldes für getötete Juden sicher ist, dann ist nicht nur Kömjanow umsonst gestorben, dann ist auch das Wohlwollen der Behörden für die Juden, dann sind sogar die Communiques der amtlichen Blätter nicht mehr glaubwürdig. Dann wird das Beamtenvolk des heiligen Russland in schwerer Sorge leben. Wird der russische Frühling ihm bringen, was ihm alle russischen Frühlinge bisher gebracht haben: die Förderung der ergebenen Diener der jeweiligen .Machthaber und die Belohnung aller jener, die im Schussgeld das Heil Russlands und das Ende der Qualen der russischen Juden sehen? Wenn die zweihundertsechundsiebzig Komitees für die Reformen ihre Beratungen beendet haben werden, dann werden alle diese bangen Fragen Antwort finden. Dann muss aber auch Held Kömjanow sein Denkmal erhalten, das „Monument von unserer Zeiten Schande." W, Briefkasten. Bar Kochba, Stanislau. Dem „Zion" übergeben. An die P. T. österreichischen Zionsvereine. Wir bitten dringend, wegen Veröffentlichung von Berichten nicht zu reklamieren. Unserem Abkommen gemäss sind wir ver-

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