Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 & Wf 8P Nr. 20 Halevy, „David4, die neue Oper von G a 11 i, die jüngtp in Mailand mit sehr gutpm Erfolge zur Aufführung gelangte, „Die Juden in Russland", „Heidentum", ein-ziemlich aggresiver Artikel gegen den Bilder- und StatueLkultus der Kirche. Solche Besprechungen sind zwecklos und wir müssen es geradezu verurteilen, w>nn manche zionistische Organe sich mit Angelegenheiten, die uns ganz ferne stehen, derart beschäftigen. Wir haben genug aus eigenen Kreisen zu berichten und zu tadeln. Ein Kriegsartikel von Paley ist zwar interessant, just nötig war er nicht. Nationalfonds 18 Pesos. Die Artikel sind zu bunt gemischt — *»in anderer Fehler, der gewiss nur aus Unachtsamkeit häufig geschieht, ist, da?s nur von Glaubens-, nicht aber von Stammesgenossen gesprochen wird. Das gefällige Aeussere des Blattes wird durch das wechselnde Format beeinträchtigt. Ob's nicht angezeigt wäre, mehr instruktive z onistische Artikel zu bringen — dann könnten so manche minderwertige Sachen fortbleiben?! Iteha-Rafo. Die ,,Poalei-Zion"-Bewegung, über deren Ziele und Tendenzen man sich selbst in Parteikreisen noch nicht ganz klar zu sein scheint, wie eine in den letzten Nummern des „Wschod" von M. Bienenstock angeregte Diskussion zeigte, nimmt immer klarere und festere Formen an und findet ihren Ausdruck in einer zielbewussten, eigenen Presse, die von den lokalen Organisationen verschiedener Länder, besonders in jüdischer Sprache, herausgegeben wird. Ueher den „Jüdischen Arbeiter", das Organ des österreichischen Poalei-Zion-Verbandes, wurde an dieser Stelle öfters berichtet; in einer der nächsten Mummern werden wir Gelegenheit haben, über diese heimische Organisation einen besonderen Artikel aus der Feder eines wohlinstruierten Parteigenossen zu bringen, der die Grundsätze und Ziele der Poalei-Zion beleuchten wird. Hier seien nur einige neue Erscheinungen der Reihe nach erwähnt, die un.s mit den Arbeiten der auswärtigen Poalei-Zion-Gruppen bekannt machen. In London erscheint seit kurzem ein radikalzionistisches Arbeiterorgan: ,,Die jüdische Freiheit", deren erstes Heft für April uns vorliegt. Der Leitartikel „Zioiristen-Sozialisten" macht uns mit dem Programm bekannt. Gestützt auf die Ideale und Träume, die das Judenkinu aus Bibel und Talmud in seiner jüdischen Erziehung in sich aufgenommen hat, fühlte sich der junge jüdische Arbeiter vereinsamt innerhalb eines Klassenkampfes, der den Kampf für die nationale Freiheit perhorresziert. und sein Sozialismus musste ein zionistischer werden. Der Artikel weist auch die aus dem Dogma der notwendigen Pro-letarisierung der Massen gefolgerte Idlee eines beliebigen „Territoriums" zurück, derzufolge der jüdische Proletarier sich des Ideais „Palästina" zu schämen hätte. Der „Poel-Zion" müsse in sich beides: die Träume der Jugend und die praktischen, auf Zahlen beruhenden Berechnungen der Wissenschaft, vereinigen. Das Heft enthält ferner eine Uebersetzung von Hess' Aufsatz über ,,Humanität und Nationalität44, einen hübschen Aufsatz von J. L. P er ez über „Hebräiscn und Jargon", aus dem mancher Verehrer Perez' und seiner Jargonschriften lernen sollte, wie hoch dieser klassischeJargondichter die hebräische Sprache über den in letzter Zeit zu einem besonderen Kultus erhobenen Jargon stellt. Es folgen dann die Uebersetzung von Ben Eliezers ,,Die Judenfrage und der sozialistische Jud'enstaat'4 und ein Aufsatz Dr. J. Klausners: „Die ökonomische Frage im Zionismus". Ein Lied der Poalei-Zion in Russland, betitelt: „Die Freiheitsfahne", das im hebräischen Original schöni und wohlklingend ist, hat leider in der beigedruckten Jargonübertragung viel von seiner Schönheit eingebiisst. Die Rundschau: „In Zeitungen und Journalen" setzt sich mit gegnerischen Blättern erfolgreich auseinander. Im ganzen verspricht die Anlage der Monatsschrift eine gediegene Lektüre für die Poalei-Zion nicht allein Englands, sondern auch aller Länder zu bieten. H e b r ü u s. Feuilleton. Eine Ostergeschichte, Dr. Löwy war schon sehr in Sorge; die Dame, mit der er seit Monaten unter dem Schutz der Anonymität im poste restante- Brietwechsel stand, hatte seit vierzehn Tagen kein Lebenszeichen von sich gegeben Gerade vor zwei Wochen, am ersten Osterfeiertage, hatte er ihr letztes Schreiben behoben. Seither hatte er wohl fünfmal beim Schalter angefragt, ob ein Brief unter Chiffre „Frühling 100" da sei, und immer hatte der Postbeamte, nachdem er den Briefeinlauf durchgesehen, die Hoffnungen des Löwy mit etiner verneinenden Kopfbewegung .\erstört. Endlich, als Dr. Löwy zum sechsten Male anfragte, wurde ihm ein Brief eingehändigt, dessen Adresse die wohlbekannten Schriftzüge aufwies. In nervöser Hast erbrach Dr. Löwy das Kuvert und las mit steigendem Staunen folgendes Schreiben: „Sehr geehrter Unbekannter! Ich teile Ihnen mit, dass dies mein letztes Schreiben an Sie ist. Es tut mir eigentlich leid, dass ich den Briefwechsel; so plötzlich abbrechen muss, denn ich habe, offen gestanden, Ihne Briefe immer mit aufrichtigem Verginügen gelesen, allein meine Grundsätze verbieten mir, weiterhin mit Ihnen zu korrespondieren. Sie haben es bisher meisterhaft verstanden, Ihre Person in ein mysteriöses Dunkel zu hüllen und in dem Inkognito dauernd zu verharren. All meinen Fragen, die die Erkundung Ihrer persönlichen Verhältnisse zum Ziele hatten, all meinen Fragen hinsichtlich der Art Ihres Berufes, Ihrer Parteizugehörigkeit, Ihrer Konfession sind Sie mit grosser Geschicklichkeit ausgewichen, sodass sich unser Plauderthema stets in allgemein literarischen, philosophischen,, kunstkritischen etc. Bahnen bewegte. Sie waren mir ein verschleiertes Bild — jetzt aber ist es mir von ungefähr geglückt, ein Zipfelchen Ihrer Anonymität zu lüften, und was ich sah, verbietet mir einfür allemal, fernerhin mit Ihnen im Kontakt zu bleiben. Sie sind i&rkannt!--Sie sind Jude! Ein Zufall, der eines komischen Beigeschmackes nicht entbehrt, hat mir's verraten. Ich bin, wie ich Ihnen ja gelegentlich einmal mitteilte, überzeugte Antisemit in, aus wohlerwogenen Gründen eine Gegnerin der Juden und des Judentums, und Sie werden einsehen, dass ich in dieser meiner Eigenschaft nicht mit einem Juden briefliche Beziehungen unterhalten darf. Es war ein unverzeihlicher Fehler von Ihnen, dass Sie damals, als ich Ihnen meine Ansichten über das Judentum schriftlich auseinandersetzte, nicht energisch und aufrichtig genug waren, ohne Rückhalt mir zu schreiben: „Ich bin einer von denen, die Ihnen widerwärtig sind. Unsere Debatte ist geschlossen. Adieu!" So bin ich denn jetzt genötigt, Ihnen den brieflichen Sessel vor die Tür zu setzen. Es wird Sie wohl auch interessieren, zu erfahren, was für ein Zufall wirksam war, mir Ihre Angehörigkeit zur Judemheit zu erraten: Ich hatte vor einiger Zeit, wie Sie wissen, in einem meiner Briefe eines Rornanes, den ich eben las, rühmend Erwägung getan, und Sie hatten mich ersucht, ich möge Ihnen: das Buch auf einige Tage leihen. Mit Vergnügen willfahrte ich Ihrem Wunsche und sandte an Ihre poste restante-Adresse das Buch. Prompt retournierten Sie mir nach vier Tagen den Roman; und zwischen den Blättern des Buches, das vier Tage in Ihren Händen war, fand ich eben das Anzeichen, dass Sie ein Jude seien. Ich hatte das Buch, das Sie mir zurückgeschickt hatten, wieder zur Hand genommen, um noch einmal etliche Stellen, die mich interessieren, durchzulesen, und als ich ein Blatt umwendete, da stiess ich auf etwas, was mich mit grenzenloser Verblüffung erfüllte. Ich sah--kleine Bröckchen von ,,MazzesA\ ich sah Fragmente jenes ungesäuerten Brotes, das die Juden während ihrer Passabfeiertage gemessen.