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Die Welt · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „bie # w*it m i9 gen. und Entschlüsse zu fassen, welche eine Aenderung der Lage der Juden durch eigene Kraft und Arbeit erstreben sollte. Und da geschah das Unglaubliche, dass die Münchener jüdische Gemeinde — wohl gemerkt, nicht etwa der mehr oder minder judenfreundliche Stadt- oder Gemeinderat, nicht etwa Fremde, sondern Angehörige des jüdischen Volkes, eine Korporation, welcher die Aufgabe obliegt, die Interessen des Judentums zu wahren und zu vertreten 1— gegen die Wahl Münchens als Kongressort protestierte und damit auf diese jüdische Gemeinde eine Sehmach lud, die noch immer ihrer Tilgung harrt. Die Initiatoren der zionistischen Bewegung haben darauf den Entschluss gefasst, den Kongress nach der Schweiz einzuberufen, dem traditionellen Lande der politischen und Gedankenfreiheit. Zwar war in diesem Lande wenige Jahre vorher die Tradition in beziig auf die Juden durchbrochen worden, indem ihnen das Recht, nach ihren religiösen Vorschriften und Anschauungen zu leben, beschränkt wurde, sei es aus doktrinären oder direkt judenfeindlichen Gründen. Wir Juden sind durch jahrtausendlange Uebung ans Dulden gewöhnt, an das Ertragen von Beschränkungen und Bedrückungen. Aber wo gab es und gibt es ein Land, welches als judenfreundlich oder wenigstens entschieden nicht judenfeindlich zu betrachten wäre? Einer Sache glaubten wir in Basel sicher zu sein, dass freie Schweizer Bürger sich nie, selbst bei feindseliger Gesinnung nicht, dazu verleiten lassen würden, Kundgebungen von freien Meinungen, mit Gewalt zu stören und unsere Versammlung unmöglich zu machen. Ebenso aber hatten wir die TTeberzeugung gewonnen, dass unsere Stammes- und Glaubensgenossen in Basel, wenn sie auch anfangs unsere Idee noch nicht erfasst hatten und noch nicht Zionisten war&i, dennoch die Versammlung in dieser Stadt nicht zurückweisen, und gar in brüsker Weise vereiteln würden. Die Tatsachen haben unsere Erwartungen nach beiden Eichtungen nicht enttäuscht. Dieselben Schweizer Bürger, die das Schächtverbot beschlossen hatten, hatten in ihrem Freiheitsgefühle volles Verständnis für die Tragik der Judenfrage. Sie haben unsere Beratungen nicht nur nicht durch Feindseligkeiten gestört, sondern mit Sympathie verfolgt und es ertönte in Basel ein Ruf, der aus christlichem Munde wohl noch von keinem Juden gehört wurde: „Hoch die Juden!" Die Regierung und die Behörden von Kanton und Stadt Basel haben alles mögliche getan, um unsere Beratungen zu fördern, und diese Sympathie steigerte sich von Kongress zu Kongress. Die jüdische Bevölkerung von Basel trat scharenweise in unsere Reihen, um Seite an Seite mit uns zu arbeiten an der grossen Aufgabe, die wir uns gestellt haben. Die aus der ganzen Welt herbeigeströmten Juden, und darunter nicht bloss solche, denen man anderwärts die Beleidigung ins Gesicht schleudert, dass man sie sonst nicht als Juden erkannt hätte, sondern auch Juden, die als solche gewiss nicht zu verkennen sind, die armen Ghetto-Juden, sie alle wurden neben der jüdischen Intelligenz gleich freundlich aufgenommen, und es entspannen sich zwischen den beiden Rassen Bande wahrer Freundschaft und Achtung, welche mit jedem neuen Kongresse fester geknüpft wurden und uns mit tiefer Dankbarkeit für die Stadt Basel und ihre Bewohner erfüllen müssen. Nun kommt ein neuer Kongress und Sie fordern im Xamen des jüdischen Solidarität»- und Ehrgefühles, wir sollen „die antisemitische Schweiz und die antisemitische Stadt Basel" verlassen und eine andere Stadt aufsuchen. Sie raten uns, geehrter Herr Doktor, nach Belgien, Holland oder England zu gehen. Ist denn das Schächtverbot das einzige Kriterium des Antisemitismus? Ist Deutsehland nicht antisemitisch, weil es das Schächtverbot noch nicht eingeführt hat? Oder sollen wir nach England gehen, wo wir vielleicht Gefahr laufen, dass durch die jüngst angenommene Fremdeneinwandemngsbill manchem unserer Delegierten der Eintritt als „unerwünschtem Einwanderer" erschwert werden könnte? Und gibt es in Belgien und Holland keine antisemitischen Zeitungen, Professoren, Abgeordnete und sonstige deutliche Kundgebungen des Antisemitismus? Da es leider kein Land gibt, welches mehr Garantien für die Sicherheit der freien Tagung des Kongresses bietet als die Schweiz, hat das grosse Aktionskomitee unserer Bewegung sich trotz des gewiss auch uns sehr peinlich berührenden Schächtverbotes und mancher anderen nicht minder ernsten Aeusserungen des leider überall zum Ausdrucke kommenden Bassengegensatzes für die Beibehaltung Basels als Kongressort entschieden. Zu diesem Beschlüsse führten uns insbesondere noch zwei Momente: Basel ist für Zionisten und Zionismus ein Ort von historischer Bedeutung. In Basel hat HeTzl zum ersten Male die Lage der Judenheit ohne jede Betouehe vor aller Welt dargelegt und im Namen zahlreicher Gleichgesinnter in Worten, die nie vergessen werden sollten, an die gesamte Judenschaft einen Appell zum Zusammenschluss und zur planmässigen Selbsthilfe gerichtet. Es ist für uns Zionisten ein Akt der Pietät, den ersten Kongress ohne Herzl, den von seinen Anhängern abgöttisch verehrten und geliebten Führer wieder an der Stätte abzuhalten, von 'der er so oft seine begeisterten und begeisternden Worte an uns richtete; an derselben Stelle soll auch sein Nachfolger erwählt werden und die neue Aera für den Zionismus inauguriert werden. Hochverehrter Herr Präsident! Wir können aus den angegebenen Gründen leider Ihrer freundlichst gegebenen Anregung keine Folge leisten. Aber Ihr Brief ist uns dennoch von grossem Werte und könnte von grosser Bedeutung für das Judentum sein. Er zeigte uns einerseits die erfreuliche Tatsache, dass die völlig ablehnende Haltung, welche die nicht- oder noch-nicht-zionistischen Juden anfänglich dem Zionismus gegenüber einnahmen, der Erkenntnis von der Bedeutung dieser grossen, mit fast elementarer Gewalt sich kundgebenden und verbreitenden Geistesrichtung im Judentum gewichen ist. Ein Jude mag welcher Anschauung immer sein, er mag ein heftiger Gegner des Zionismus sein, aber er darf nicht mehr sagen, der Zionismus gehe ihn,, nichts an. Wenn Ihr Vorgehen, hochgeehrter Herr Präsident, der Sie an der Spitze eines der grössten jüdischen Gemieinwesens der Welt stehen, vorbildlich für die anderen Mitglieder unserer Gemeinde wirken würde, dann könnte sich leicht eine Entente zwischen den zwei grössten Parteirichtungen im Judentume, die doch beide nur ein Ziel haben: das Gedeihen und die Entwicklung des Judentums und das Wohl der Judenheit, ergeben, welche diesem Ziele nur förderlich und' segenbringend sein würde. Darum mache ich von Ihrer Erlaubnis, Herr Präsident, Gebrauch und übergebe Ihren Brief und meine Antwort der Oeffentlichkeit. Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Präsident, den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung, mit der ich zeichne als Ihr ganz ergebener Oskar Marmorek. Aufruf des Zentralkomitees der zionistischen Vereinigung für Deutschland. An die deutschen Zionisten! Das Herannahen unserer Kongresse war für uns immer das Signal zu einer erhöhten Anspannung unserer Kräf te, zu einer inneren und äusseren Sammlung.

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