Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-03-31 · 13 (31.3.1905) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316146--46731-3341591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 „bie # weit" Nr. 13 Gütern bei den Juden. Der Kopfputz der Armen war nicht minder bunt und abenteuerlich: eine gelbe, grüne, rote Haube aus Wollenstoff oder Kattun mit einem Tüll- oder Musselinschleier bedeckt, der im Nacken zu einer Schleife gebunden war und dessen herabhängende Enden man Foches nannte* Die bescheidenen alten und jungen Frauen trugen grosse, rote Wolltücher als Turban gebunden. Die Hauben der jüngeren Frauen waren mit einem kurzen Schleier überzogen, sie hatten auch die Ohrenkrause, dann, gerade in der Mitte über der Stirn mit Stecknadeln befestigt, ein schmales, spitz zusammengelegtes Seidenbändchen und endlich auf dem Scheitel mit Stecknadeln gesteckte Tüllspitzen in Form eines Körbchens, das man Koischl nannte. Auch hier fehlten die seltsamen zwei Paar Ohrringe und Haarband nicht, die sich in der Nähe der Augen befanden. Die Kleidung der Mädchen glich fast derjenigen der Frauen mit dem wesentlichen Unterschied, dass bei den ersteren das Haar zur vollen Geltung kam. Sie trugen auch eine Art Binde, ganz schmal, aus rotem Wollstoff, mit einer Schleife aus demselben Stoffe, den manTezub nannte. Der Schnitt der Kleider und Schürzen wie der Schuhe war wie bei den Frauen, doch hatten die Mädchen weder Brusttuch noch Halsspitze, die sogenannte „Kreindel". Die reichen Mädchen trugen auch eine Binde auf dem Kopfe von derselben Form, aber aus schwarzem Seidentüll mit in roter, blauer, rosenfarbener Seide herrlich eingestickten Knospen. Die ersteren nannten es „Greischel", die letzteren „Wilner KnipeP und wie ich mich Doch sehr gut entsinnen kann, war das sehr hübsch und kleidsam. Die Veränderung der Tracht war für die jüdischen Frauen nicht weniger empfindlich. Die Neuerung wirkte erschütternd in der jüdischen Gesellschaft; es erhob sich fast ein Wehklagen; viele waren der Ansicht, dass das jüdische Gesetz „jehoreg w'al ja'wor" (man muss sich opfern) bei dieser Gelegenheit arzuwenden sei. Die russische Regierung kümmerte sich aber wenig um solche Ansichten, sie setzte eine kurze Frist fest, nach deren Ablauf alle Juden in Russland — Männer und Frauen — in europäischrussischer Tracht auf der Strasse erscheinen mussten. Die Männer mussten einen schwarzen Knierock tragen, lange, über die Stiefel fallende Beinkleider und im Sommer einen Hut, im Winter eine Mütze, „Kartus" genannt (eine aus schwarzem Tuche plump ausgeführte Mütze mit Schirm), im Hause durfte man jedoch die althergebrachte Tracht benützen, ja sogar in derselben am späten Abend ausgehen, von welcher Erlaubnis sehr viele Gebrauch machten. Mao konnte sich übrigens durch eine bestimmte Summe auf die Dauer von zwei Jahren vou den Wirkungen des neuen Gesetzes loskaufen. Mein Vater gehörte zu den sehr wenigen, welche die Trachtveränderung billigten. Es spielten eich damals vor meinen Augenjmanche.tragikomische Szenen ab; in der Erinnerung wandelt mich noch das Lachen an, aber gleichzeitig wird man von einem tiefen Weh, von Empörung, ja Wut über die Menschentwürdigung ergriffen, die damals bloss deshalb stattfand, weil die Vollstrecker des Gesetzes ihre Aufgabe schlecht verstanden und plump ausführten. So ereignete sich an einem Freitag-Vormittag im Sommer des Jahres 1845 folgendes: Ich befand mich auf dem Marktplatz der Stadt Brest, wo viele jüdische Weiber zum Einkauf für den bevorstehenden Sonnabend sich versammelt hatten, als plötzlich ein grosser Tumult entstand. Alles lief durcheinander und strömte ^abei doch einem und demselben Punkte zu. Natürlich beeilte ich mich, auch dahin zu gelangen, um die Ursache des Aufruhrs zu erfahren. Aus der Menge hörte man bald Gelächter, bald Seufzen. Endlich erreichte ich den Schauplatz und ein empörender Anblick bot sich mir dar. Ich sah eine jüdische Frau mit (im buchstäblichen Sinne des Wortes) entblösstem Kopfe, da ihr Haar abrasiert war. Nach talmudischer Vorschrift durfte bei verheirateten Frauen nichts von ihrem Haare gesehen werden und die streng Religiösen hielten zu damaliger Zeit dieses Verbot hoch. Die unglückliche Heldin stand umringt von der Volksmenge mit blankrasiertem Kopfe da einerseits entsetzt über die „Sünde", barhäuptig unter freiem Himmel zu sein (was nach der jüdischen Anschauung ein grosses Vergehen war), andrerseits voll Scham vor den gaffenden Menschen, und flehte mit vor Tränen erstickter Stimme den neben ihr befindlichen Polizeimann um Gnade an, der ihr mit nicht allzu zarter Hand den Kopfputz vom Kopfe herabgerissen hatte und ihn jetzt als Trophäe hoch emporhielt und ihn schüttelte, was das Publikum zu unaufhörlichem Gelächter anregte. Das bedauernswerte Opfer dieser Szene suchte mit der einen Hand den kahlen Kopf mit dem Zipfel ihrer Schürze zuzudecken, während die zweite Hand in der Tasche herumstöberte, um die dort aufbewahrte Haube der neuen russischen Vorschrift herauszuholen, dabei schrie die Unglückliche jämmerlich: „Panotzik! Panotzik! *), hier da^hab' ich, da ist ja in der Tasche der Lappen \u Sie hatte endlich die Haube auf den nackten Kopf gesetzt, was sie entsetzlich verunstaltete. Da erst beruhigte sich der Scherge und ging fort. Bald führte ihm das Schicksal ein zweites Opfer zu. Diesmal war es ein armer Jude, der in einem langschössigen Kaftan auf den Marktplatz kam. Der Polizeimann empfing ihn mit nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken; indem er einen zweiten Polizisten herbeirief, hiess er den vor Angst zitternden Juden stehen bleiben, griff nach einer grossen Schere, die er stets bei sich trug, und nun schnitt er, unterstützt von seinem zweiten Amtskollegen, dem Juden die langen Schösse des Kaftans nach Art eines Fracks ab, wodurch die (Unter-) Beinkleider zum Vorschein kamen. Dann riss er dem Bedauernswerten die Kopfbedeckung herab und schnitt ihm die Ohrenlocken, die sogenannten Pejes, so nahe am Ohre ab, dass der Arme vor Schmerz aufschrie. Nun liess er das Opfer los und das Marktvolk gab dem in solcher Weise zugerichteten Juden unter lautem Gejohle das Geleite. Derartige Exekutionen kamen auch auf der grossen Landstrasse vor. Begegnete ein Polizist da einem Juden in alter Tracht und hatte er gerade keine Schere bei sich, so war er der Ansicht, dass der Umstand ihm nicht hinderlich sein dürfe, seine Amtspflicht zu erfüllen, und er bediente sich dabei in Ermanglung einer Schere in grausamer Weise zweier Steine und dies in folgender Art: er legte den Juden seitlich zur Erde, die Fee spannte er über einen Stein, der dicht neben der Wange zu liegen kam und rieb mit einem zweiten Stein so lange auf die Pee los, bis sie durchgewetzt wurde. Der arme Jude litt unter dieser Prozedur schreckliche Qualen. Diese Vorgänge klingen heute unglaublich und doch ist es ein Faktum gewesen. Pauiine W engeroff. Briefkasten. An die P. T. Gesinnungsgenossen! Ich ersuche dringend, mir Privatbriefe oder private Anfragen nicht an die Redaktion, sondern an meine Adresse: Wien, IX., Nussdorferstrasse 16, zu senden. Dr. Werner. J. R. Jeder Schekelzahler hat das Wahlrecht zum Kongresse. Das A.-C. nimmt auf die Durchführung der Wahlen keinen Einfluss. Das ist Sache des Landes- resp. Distriktskomitees. Junger Jude. „Jung - Israel". Jüdischer Verlag, Berlin- Charlottenburg, Herderstrasse 3|4. .\,k. 1.— pro Quartal. Probenummern gratis. Schekel, Wien. Eine Krone, an das zionistische Landeskomitee, IX., Türkenstrasse 9, jederzeit. ') Herrchen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.