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Die Welt · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 l#bi* * weit11 Nr. 12 N: Wut zusammen und begann mit zusammengepressten Zähnen aus aller Kraft mit seiner Knarre zu knarren. Kr war tief davon überzeugt, dass, je mehr und je stärker er knarren würde, desto stärker Harnans Qualen in der Hölle sein würden. Er hasste Haman nicht bloss, weil er das jüdische Volk hatte vernichten wollten, sondern insbesondere, weil er der erbittertste Feind Esthers und ihres Onkels Mordechai war. Zu Hause fand Mendele, obwohl die feinsten Speisen für den nächsten Tag erst in Aussicht standen, ein gutes und sehr reichliches Nachtmahl vor: prachtvolles, fettes Sauerkraut, süssen Brei und gut gefüllte Hamantaschen. Mendele stürzte sich mit einer besonderen Gier auf den Brei und richtete, trotz der Warnung seiner Mutter, vor dem Schlafengehen nicht so viel zu essen, auch eine Verheerung unter den Hamantaschen an. Als Mendele endlieh vom Tisch autstand, da konnte er sieh kaum bewegen, so sehr übermässig hatte er gegessen. Mendele kroch auf den warmen russischen Ofen, richtete sich mit verschiedenen alten Kleidern sein Lager zurecht und legte sich mit dem sehnsüchtigen. Wunsche niedier, diese Nacht, der ein vielverheissender Tag folgen sollte, möge bald vorüber sein. ,,Das wäre herrlich, wenn es immer Pur im wäre* -- kam es ihm plötzlich in den Sinn, doch er begriff sofort, dass es ein Unsinn sei, schon aus dem Gründe, weil Estlier-Teines unbedingt Purim vorangehe!) müsse, er aber durchaus keine Lust verspüre, jeden zweiten Tag zu fasten. Uebrigens könnte diesem Uebel abgeholfen werden: er könnte stets am Purimtage sich einen Vorrat für den nächsten Tag machen, er würde ganz gemütlich essen, die Leute aber würden, glauben, Mendele faste. Das kam ihm so ergötzlich vor, dass er leise auflachte. Doch das wäre ja eine Sünde! kam es ihm in den Sinn. — Ohne Zweifel. Und eine solche Sünde wird bestraft. Man wird ihn vielleicht mit eisernen Ruten peitschen? — Oder man wird ihn heisse Kohlen schlucken lassen und wird ihm dabei sagen: „Du hast dich an Esther-Teines nicht enthalten können, zu essen, nun koste auch einmal von den heissen Kohlen." Und er bemüht sich, sich das Gefühl vorzustellen, das er beim Schlucken der glühenden Kohlen empfinden wird. Er bemüht sich, nicht weiter daran zu denken, er schliesst die Augen und betrachtet die regenbogenfarbigen Kreise, die vor ihm schwirren. Nach wenigen Augenblicken verschlimmern und zer.fliessen diese Ringe und er versinkt in eine tiefe Finsternis, in welcher er nichts mehr hört und nicht mehr sieht. Plötzlich steht vor ihm ein Bock; doch es ist kein gewöhnlicher Bock; er hat zwar Hörner, langes zottiges Haar und Hufe, alles ganz bockmässig, bloss das Gesicht ist anders — es ist das Gesicht seines Lehrers Salruann, und er geht nicht auf allen Vieren, sondern auf zwei Beinen. ,.Was soll das heissen?" denkt Mendele. ,,Lst Salmann ein Bock geworden? Wie wird er es jetzt anfangen, wenn er einen Schüler wird prügeln wollen?" „Bist du Mendele?" fragte ihn der Bock. „Ich bin Mendele. Und wer bist du: ein Bock oder Salmann?" fragt seinerseits Mendele. „Weder der eine, noch der andere." „Wer bist du also?" „Ich bin — Haman. 4 „Derselbe, den ich heute mit meiner Knarre so geprügelt habe?" „Derselbe." „Was willst du also von mir?" „Die Königin Esther hat mich geschickt, damit ich dich zu ihr bringen solle." Die Königin Esther hätte wohl' einen andern Boten schicken können, denkt Mendele, doch will er nicht ungehorsam sein, und er antwortet: „Gut, wenn die Königin Esther um mich geschickt hat, dann werde ich zu ihr gehen." „Setz1 dich auf meinen Rücken,4 sagt Haman, „ich will dich hinbringen." „Wohnt denn die Königin Esther so weit, dass ich nicht zu Fuss hingehen kann?" fragt Mendele. „Nicht sehr nahe," antwortet Haman, „im siebenten Himmel." — „Da kann man in der Tat nicht rasch hinkommen." „Nimm deine Knarre aber ja nicht mit, * sagt Haman, „denn mir tut der Kopf schon weh davon." Mendel sprang auf den Bock, packte ihn an den Hörnern, und sie fuhren davon. Ob die Fahrt lange gedauert hatte oder nicht, das wusste Mendele nicht. Er bemerkte bloss, dass sich Salmann — der Bock — unterwegs in eine gigantische Hamantasche verwandelt hatte, und als er sich im Palaste der Königin Esther befand, da wunderte er sich sehr darüber, dass der siebente Himmel nicht Auffallendes aufwies: es war ein Himmel, wie jeder andere, glatt und blau — bloss die Sterne steckten ringsum in Leuchtern. Auch der Palast der Königin Esther war bei weitem .nicht so herrlich, als er es sich vorgestellt hatte; er erinnerte eher an „seine" Synagoge, mit dem blossen Unterschiede, dass dort ein Luster mit Kristallprismen vom Plafond herabhing, während hier die Sonne selbst an einer seideneu Schnur befestigt war. Esther, welche wie ein Ei dem andern, ganz dem Vollmond ähnlich sah, war nicht schlecht gekleidet. Sie trug ein aus Regenbogen gewebtes und mit Blitzen gesticktes Gewand. Sie sass auf einer Erhöhung, welche dem Altar „ihrer" Synagoge ähnlich sah, und ass einen süssen Brei mit Konfitüren. „Bist du Mendele?" „Jawohl, königliche Hoheit." „Derselbe, der heute, am Fasttage, Mohn, Brot und Erdäpfel gegessen hat? 4 „Derselbe, königliche Hoheit." „Weisst du auch, wessen Fasttag es ist?" „Ich weiss es, königliche Hoheit." „Wenn du es wusstest, wie durftest du meinen Fasttag übertreten? Weisst du. dass ich dich dafür sofort prügelin lassen kann?" „Das hängt von Ihrem königlichen Willen ab," sagte Mendele; „das Prügeln bin. ich durch meinen Lehrer Salmann schon gewöhnt. Doch möchte ich wissen, weshalb Sie mich prügeln lassen wollen. Ich bin klein, mein Hunger war aber so gross, dass ich ihn nicht beherrschen konnte." „Das ist keine Entschuldigung, * sagte die Königin. „Je grösser die Versuchung, desto grösser auch das Verdienst, wenn man ihm widerstanden hat. Das muss dir dein Lehrer auch oft wiederholt haben/' „Meinem Lehrer darfst du, Königin, keinen Glauben schenken. Er verstellt es nicht einmal, sich die Nase ordentlich zu putzen, und ist ausserdem ein grosser Lügner. Auch über deine königliche Hoheit hat er mir entsetzliche Dinge erzählt." „Was denn zum Beispiel?'' fragte die Königin neugierig. „Er sagte, deine königliche Hoheit habe einen Nichtjuden geheiratet." „Das ist keine Lüge, das ist die volle Wahrheit." „Wirklich?!4 „Nun ja. Wundert es dich?" „Das ist ja nach den. jüdischen Gesetzen nicht gestattet." „Es ist nach den jüdischen Gesetzen gestattet, jedes Gebot zu übertreten, sobald es sich um die Rettung eines einzigen Menschen handelt, um so mehr aber dann, wo es um das Heil eines ganzen Volkes geht." „Ich habe auch nur deshalb gegessen, um Kräfte zu sammeln, damit ich mit Gog-Magog, dem alten Feinde der Juden, kämpfen kann, ohne dessen Besiegung Messias nicht kommen kann." „Du bist also ein Krieger?" fragte die Königin freundlicher.

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