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Die Welt · 1905-03-03 · 9 (3.3.1905) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 # W^ft^ Seife 9& Verein zu gründen, und gewann für seine „Idee" einige strebende Jünglinge, die gleich ihm früher in Zionismus machten und einige Söhnchen reicher Eltern, die gute Gelegenheit zu finden hofften, demnächst in der ,Gesellschaft" eine Rolle zu spielen. Dass diese vergoldeten Jünglinge vom Judentum gleich viel wissen, wie vom Polentum, d. h. nichts, tut ja nichts. Noch einige angesehene Bürger müssten gewonnen werden und die Sache wäre fertig. Die Polen sahen schon längst das Anwachsen des Zionismus mit scheelen Augen an und machten den mosaischen Polen oft Vorwürfe, dass sie nichts unternommen haben, um das Umsichgreifen des Zionismus zu verhindern. Diesen Herren bot sich die billige Gelegenheit dar, ihr polnisches Herz zu entdecken und das Polentum zu retten. Es wäre ungerecht, ihnen zuzumuten, dass sie der Sache ihre Unterstützung nur aus dem Grunde angedeihen Hessen, um mit Berufung auf diese ihre Bemühungen bei etwaigen Wahlen von den Polen favorisiert zu werden. Nein, das wäre durchaus nicht denkbar. Diese Herren sind durchaus idealgesinnte Naturen und damit basta. Sie sehen, alles geht wie am Schnürchen. Vivat Polonia! Der Verein * „Zwiazek" ist bald begründet und steht auf fester Grundlage. Er hat nämlich Geld, was die Zionisten leider nicht im Ueberüusse haben. Die Reklame im unehrlichsten polnischen Blatte, im „SJowo Polskie", ist auch bald gemacht, an Verleumdungen und tückischen Ueberfällen auf die Zionisten fehlt es auch nicht und die Zukunft gehört ihnen. Nun soll die Arbeit für das Volk und die Gewinnung desselben beginnen. Eine grosse Feier wird zur Verherrlichung des polnischen Jänneraufstandes veranstaltet und ein leibhaftiger Gymnasialprofessor übernimmt das Referat. Ein Schauspieler rezitiert patriotische Gedichte und als Schlusseffekt soll das „Jeszcze Polska nie zgin^ia" (Noch ist Polen nicht verloren) gesungen werden. Aber hier ist den Herren ein kleines Malheur passiert. Statt des „ Jeszcze Polska" stimmte die hundertköpfige Versammlung das „Od l'owdu" an. Sonst aber nahm die Versammlung einen schönen Verlauf. Trotzdem ist es fraglich, ob der hoffnungsvolle junge Verein es wagen wird, noch einmal aus seinem ruhigen Verstecke herauszukriechen. Es wäre wirklich schade. Der böse Zionismus hat auch in eine andere mächtige Organisation eine Bresche hineingeschlagen. Die jüdischen Sozialisten glaubten bis zur Stunde, dass der Sozialismus ein nationales Gafühl perhorresziere, und sahen im Sozialismus das Ideal, das eine Verbrüderung der ganzen Menschheit ohne Unterschied der Nationalität anbahnen soll. Nun wurde aber bekanntlich auf dem Krakauer Parteitag über Antrag Daszynskis beschlossen, dass von nun ab nicht nur die polnischen Sozialisten, sondern auch die jüdischen Polen seien. Gegen einen Parteitagsbeschluas gibt es bekanntlich keine Einwendung. Die jüngeren, unter jüdischnationalem Einflüsse stehenden Elemente wehrten sich aus Leibeskräften, sie wollten wenigstens eine selbständige jüdische Organisation sanktioniert wissen, es half nichts. Die älteren jüdischen Genossen, die in der Partei Vertrauensstellungen einnehmen, begeisterten sich gleichfalls für den Antraf? Daszynski auf Aberkennung einer jüdischen Nationalität und der Notwendigkeit einer jüdischen Organisation. Sie, die älteren, erfahrenen Genossen werden es doch besser wissen wie die jüngeren Elemente, die sich infolge steter Beeinflussung durch zionistische und nationale Ideen zur Höhe assimilatorischer Denkungsart noch nicht emporschwingen konnten. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Die jüdischen Genossen und gerade die fähigsten, setzen sich über den einfach lächerlichen Beschluss des Krakauer Parteitages hinweg und verfolgen unverdrossen den durchaus richtigen Weg zur Schaffung einer eigenen nationalen Organisation. Wir hoffen, dass es ihnen gelingen wird. Trotz der Anfeindungen, die sie von den grösseren und kleineren Parteipaschas zu erleiden haben. Es ist sogar im Interesse des galiziBchen Sozialismus gelegen, denn über kurz oder lang könnte ihnen der stets mehr zusammenschmelzende jüdische Anhang an die mutig aufstrebenden tPoale 5Eiontf verloren gehen. Oka. Aus Russland. Petersburg. Die Ermordung des Grossfürsten Sergius wurde von den antisemitischen Blättern Russlands dazu benützt, um in den russischen Gesellschaftskreisen die Stimmung gegen die Juden zu verschärfen. Diese Organe liessen sich aus Moskau melden, dass der Mörder des Grossfürsten Sergius einem Juden ähnlich sei... Die „Moskowskija Wjedomosti" wusste zu berichten, dass der Attentäter mit nichtrussischem Akzent spricht, und sogar der „Regierungsbote" wiederholte diese boshafte Bemerkung. Wenn man bedenkt, dass die Judenkrawalle in Russland im Jahre^ 1882 hauptsächlich deshalb so starke Verbreitung fanden, weil böswillige Personen unter dem Volke das Gerücht ausgestreut hatten, Zar Alexander II. sei von Juden ermordet worden, so wird man begreifen, dass die deutlichen und versteckten Verdächtigungen, als ob der Mörder des Grossfürsten Sergius jüdischer Abstammung wäre, nur geeignet sind, die aufgeregten russischen Volksmassen gegen die Juden noch mehr aufzuhetzen. Unter den Juden in Russland hat diese Tatsache auch grosse Beunruhigung hervorgerufen. Petersburg. Wie die „Birschewyja Wjedomosti* melden, sind bei der Unterdrückung der Arbeiterbewegung in Petersburg am 22. Jänner auch viele Personen jüdischen Glaubens, welche in geschäftlichen Angelegenheiten die Strassen passiert hatten, getötet worden. Unter den Getöteten befanden sich: Fräulein M. Berditschewskeja, Wundärztin; M. Rabinowitsch, Pharmazeut; Guda Schachnowitsch, Zahnarzt; J. Mitlin, Apothekerlehrling; G. Baranski, Mitarbeiter der „Birschewyja Wjedomosti*. In der Petersburger Synagoge fand ein Trauergottesdienst für die unschuldig Getöteten statt, dem viele Journalisten und Schriftsteller bewohnten. Hornel. Ueber die von uns in kurzen Worten bereits gemeldeten Vorgänge, welche sich am 31. Jänner in Hornel abgespielt haben, berichten die „Nowosti" folgende Einzelheiten: Am 31. Jänner stellten die Arbeiter der Libau- Rowny - Eisenbahn die Arbeit ein. Sie veranstalteten einen Demonstrationszug durch die Stadt, was zu dem Gerüchte Anlass gab, dass die Arbeiter einen Ueberfall auf die jüdischen Häuser planen. Tatsächlich entstand unter rten Juden in Hornel eine Panik. In ihrer' Todesangst flüchteten hunderte von Familiennach der Synagoge, deren geräumiger Hof die Schutzsuchenden kaum fassen konnte. Da erschien ein einfacher Wachmann (Gorodowoj) in Begleitung einiger bewaffneter Soldaten und lordeite die im Synagogenhofe versammelten Juden auf, auseinanderzugehen. Da die Juden befürchteten, auf der Strasse von streikenden Arbeitern überfallen zu werden, leisteten sie der Aufforderung kein Gehör. Da befahl der Wachmann denSoldaten, aufdieJuden zu schiessen. Im Nu wurde dieser Befehl befolgt und eine Salve abgegeben. Das siebzehnjährige Judenmädchen Dwoskin wurde auf der Stelle getötet, drei Jünglinge, der fünfzehnjährige Kohon, der siebzehnjährige Resnikow und der sechzehnjährige Friedmann, wurden schwer und zwanzig Personen leicht verwundet. Von den Schwerverwund* ten sind zwei wenige Tage darauf gestorben. Die Aufregung, welche sich der jüdischen Bevölkerung von Hornel bemächtigt hat, lässt sich kaum schildern. Im Vorjahre stand das Militär während der blutigen Exzesse gegen die Juden ruhig da, liess die Plünderer gewähren und schoss auf die Mörder nicht . . . auf die friedliche jüdische Volksmenge aber, welche im Synagogenhofe Schutz suchte, wurde im Auftrag eines Wachmannes geschossen! Minsk. Am 10., 11. und 14. Februar fanden in Minsk Ausschreitungen von Reservisten gegen die dortigen Juden statt, welche einen äusserst brutalen Charakter trugen. Ueber diese Ausschreitungen berichtet der „Sewero-Sapadny- Kurjer" folgendes: Die einberufenen Reservisten veranstalteten eine förmliche Hetze gegen die Juden, welche schreckliche Folgen hatte. Nachdem sie am 10. Februar die jüdischen Häuser in der Rakowskajastrasse in Brand gesteckt hatten, begaben sie sich nach dem Nischnibasar, wo sie alle Häuser demolierten, die Geschäftsläden plünderten und die Juden blutig schlugen. Am 11. wiederholten sich die Exzesse, wobei die Reservisten an diesem Tage in die jüdischen Geschäfte in den Hauptfltrassen drangen ui.d alles raubten, was sie konnten. Am 14. Februar erneuerten sich diese Ausschreitungen mit besonderer Schärfe. Mit gezogenem Seitengewehre schritten die Reservisten durch die Strassen und hieben auf die jüdischen Passanten ein. In der Torgowajastrasse und auf dem Nischnibasar wurden viele Juden schwer verwundet. Vielen Passanten wurden Uhr und Geldbörse abgenommen. Die Behörden taten nichts, um den Tumulten ein Ende zu machen .... Erst am 15. Februar, nachdem die Reservisten die Stadt bereits verlassen hatten, wurde die Ruhe wieder hergestellt. Zahlreiche jüdische Familien büssten jedoch ihr Hab und Gut ein. Dünaburg (Dwinsk). Auch in Dünaburg fanden am 18. Februar schwere Exzesse gegen die Juden statt. Eine grosse Menge von Soldaten und Vagabunden aller Art über-

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