Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 8 „bie # we»tiÄ Seite 7 Ein deutscher Studententag. In den ersten Märztagen findet jetzt zu Wien eine „Tagung der deutschen Stuclenteiißoliaft sämtlicher Hochschulen Oesterreichs" statt. Wenn wir die Tagesordnung dieses Studentenkongresses durchlesen, so mag ein .Punkt, der obenan unter den Berutungsgegen ständen steht, unsere Aufmerksamkeit erregen;'das Thema lautet: „Wie kann der deutsehe Charakter unserer deutschen Hochschulen gewahrt werden?" Und die Veranstalter der „Tagung4" sind um die Beantwortung dieser Frage keineswegs verlegen, sie finden flugs die Lösung: Juden dürfen nur im prozentuellen Verhältnis 'der jüdischen Staatsangehörigen zu den arischen zum Hochschulstudium zugelassen werden." — Ein Mediziner aus der Wiener doutsch-akademisehen Verbindung „Cheruskia" hat das Referat über diese ernstgemeinte Absicht, die jüdische Jugend nur in kargem Prozentverhältnis zum Hochschulstudium zuzulassen. Wir sind weit davon entfernt, die praktische Bedeutung dieses Referates zu überschätzen; es ist klar, dass die jüdischen Familienväter in Oesterreich vorläufig noch nicht Ursache haben, zu befürchten, ihren Söhnen könnte infolge des Vortrages des Stnd. med. der Weg zu den hohen Schulen verrammelt werden. Allein wir sind auch davon entfernt, diese Stimme aus dem deutschen Studenten Lager zu unterschätzen oder zu überhören-. Enthält sie doch, wie, in durchsichtigem Destillat, den Ausdruck der Sinnesart, die von der germanischen „Jungmannschaft" den Juden entgegengebracht wird. Die Hoffnungen, dass im Laufe der Jahre die schroffe judenfeindlichc Haltung derer, die den autochthonen Intelligenzuaelwuchs darstellen sollen, sieh mildern werde, sind bisher der Verwirklichung nicht näher gekommen. Heute wie vor Jahren steht die „Jugend in der Ostmark" den Juden in brüsker Feindseligkeit gegenül)er und es ist kein Anzeichen zu erblicken, das auf einen bevorstehenden Friedenssehluss hinweisen könnte. Es ist ersichtlich, dass der „Fremdenhass"' dieser deutschen Studenten nicht ohne geschäftsegoistischen Zusatz ist. Der fromme Wunsch, die Zahl der jüdischen Kommilitonen zu verringern, ist gewiss stark von dein Drange beeinflusse die Zahl, der Konkurrenten möglichst einzuengen. Wir werden freilieh aus dieser Tatsache nicht eine Folgerung ziehen dürfen, die dahin abzielt, wegen dieses kommerziellen Beigeschmackes den Judenhass der jungen Herren für minder urwüchsig und echt zu halten. Die heranwuchsenden Germanen verbinden eben das Gemütvolle mit dem Nützliehen. Ihr Nützliclikeitssinn sagt ihnen, dass es vorteilhaft ist, die Anzahl der ärztlichen, juridischen etc. Wettbewerber nach Kräften zu beschränken, und ihr deutsches Gemüt ruft ihnen zu, dass just der Jude, der ohnehin jedem Cherusker ein Greuel sein müsse, vor allem als Zielscheibe fungieren soll, wenn nach Objekten für schädigende Massregeln Ausschau gehalten wird. Da wir also darüber nicht im Zweifel sind, dass in solchen „nationalen Reinigungsaktionen" ein primär vorhandener Judenhass als Rätgeber und Zielbestinnner für ganz gewöhnliche Konikurrenzvorkehrungen herangezogen wird, so wollen wir auch nicht weiter bei anderen Heucheleien, die aus dem Programm dieser Studenten-„Tagung" hervorklingen, verweilen; bei dem Geflunker von Wahrung der „freien Forschung", von „Freizügigkeit" und bei anderen pathetischen Freiheitsphrasen, die auf der Tagesordnung des Stuclentenkongresses stehen, lächerlich kontrastierend mit der kläglich engherzigen Anlage des ganzen Programme«. Vielleicht würde sich's gar nicht verlohnen, bei diesen Gedankengängen der deutschen Jirgend länger zu verweilen, wenn nicht zu djrwäigen wäre, dass die Teilnehmer der „Tagung", denen heute freilich noch der Bart in nicht gam entwickeltem Zustande um die Rednerlippen keimt, denn doch in. wenigem Jahren ins Leben, hinaustreten worden, zwar mit billigerem Barte, aber mit den gleichen A-nsehauungen über finden und Judentum. Prozentuelle Zuhissimg der Juden zum Studium! — .Man sieht, inwiefern sich der zivilisierte Westen Europas von dem „barbarischen Osten" unterscheidet. Was im Osten Tatsache ist, ist im Westen Ziel der Sehnsucht und energischer Vorsatz. Die 'Verwirklichung liegt zwar in idealer Ferne, aber: Ft desint vires etc. Z. Aus dem ungarischen Parlamente. Wir haben mit unserer Prognose, die wir kurz nach den Wahlen gestellt haben, leider recht behalten. Wenn auch ein neues Ministerium noch nicht gebildet ist, so lassen doch gewisse Symptome darauf schliefen, dass die Folgen der Waiden, den Anfang zu einem grossen Umwandlungsprozess bilden werden, dessen Endprodukt 'die vollständige Reaktion, id est der offizielle Antisemitismus, sein dürfte. Es ist nur traurig, dass es jüdische. Abgeordnete waren, die diese Folgen, wenn, sie sie auch nicht hätten verhindern können, gewissermassen als Helfershelfer des Antisemitismus sanktionierten. Der Abgeordnete liakovsky, der Gründer der klerikalen Volkspartei, einer der ersten Förderer und Verbreiter des Antisemitismus in Ungarn, ist zum Vizepräsidenten des ungarischen Abgeordneten ha uses, das durch Jahrzehnte der Hort des Liberalismus war, gewählt werden. Fiul jüdische (!) Abgeordnete haben ihm ihre Stimme gegeben. Ist es nicht beschämend für die Juden Ungarns? Die Schuld aber daran, dass solche Vorkoimunisse ermöglicht wurden, tragen jene Organe, die das Selbstbewusstsein der ungarischen Juden systematisch ertöteten, indem sie stets nur das konfessionelle Moment hervorkehrten. Niemals wäre derartiges möglich gewesen, wenn die »Juden Ungarns selbstbewusst, d. h. bew:us.st national gedacht hätten. Mögen nun die ..jüdischen Magyaren" des „F g y e n l ö s e g" noch so sehr Zcter und Mirdio schreien gegen die jüdischem Abgeordneten, die für liakovsky gestimmt haben. Sie allein haben den Geist grossgezogen« der die schwersten Folgen für die Juden in Ungarn zeitigen wird. Sie haben es selbst gepredigt, „die Konfession" dürfe auf die politische Gesinnung keinen. Finflnss üben, sondern jeder möge so handeln, wie es ihm sein, Gefühl für seine (natürlich magyarische) Nation, diktiere. Nun haben sie es! Das patriotische Gefühl hat es diesen jüdischen Abgeordneten diktiert, für liakovsky zu stimmen, ohne auf ihre „K o n f e s s i o nkk Rücksicht zu nehmen. Freilich auch ihre Gegnerschaft hätte liakovskys Wahl nicht verhindern können. Doch hätten sie sich wenigstens mit aller Mncht gegen seine Wahl sträuben müssen, wollten sie nicht die Schande der Selbsterniedrigung auf sich nehmen. Nun ist der intellektuelle Führer des Antisemitismus in Ungarn Stefan von liakovsky Vizepräsident des ungarischen Parlaments. Vorläufig nur Vizepräsident. Wie aber nun die Verhältnisse sich gestalten, haben wir auch auf einen Minister vom Schlage liakovskys eine nur zu begründete Aussicht, denn in der Unabhängigkeitspartei spielen die liberalen Elemente längst nicht mehr jene Bolle, als zur Zeit, da die Partei noch kleiner war. Die liberalen Elemente sind längst verdrängt worden. Ivossuth besitzt nur nominell die Führung der Partei. Konijathy, der bisherige Vizepräsident der Unabhängigkeitspartei, de-ssen aufrichtiger Liberalismus im ganzen Lande geschätzt wird, bekleidet nicht mehr diese Würde. Statt dessen spielt Graf A p p o n y, dessen Liberalismus man stets nur mit Argwohn beobachtete, die grösste Rolle. Statt des früheren