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Die Welt · 1905-01-27 · 4 (27.1.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „bie * W*lt,Ä Nr. 4 Woher sollte denn auch ein Eückschritt in unserer Bewegung kommen? Sind ihre Voraussetzungen geändert? Die Judennot breitet ihre düsteren Flügel immer weiter aus und rings um uns wird das Leben immer feindseliger. Ist die Vernunft etwa mit unserem Gedanken in Widerstreit? Die modernsten Wissenschaften sind auf unserer Seite. Liegen unsere Ziele in der Unmöglichkeit? Wir haben Ermunterungen von berufener Seite genug, um unseres Erfolges sieher sein zu können. Der Zionismus ist eben keine am Sehreibtisch angesponnene Idee, sondern die Lebensfrage eines Volkes, eine harte Notwendigkeit. Eine solche setzt sieh immer durch, auch wenn sie momentan vor einem Hindernis ins Stocken kommt. In dieser Situation sind wir aber durchaus nicht. Die von den Ereignissen aufgeschreckten Juden sehen sich immer zahlreicher nach einer Methode um, die sie aus dem Wahnsinn ihrer gegenwärtigen Lage herausführt, und diejenigen, die den Puls unserer Bewegung fühlen, spüren ihn immer stärker schlagen. Wer denn sonst könnte das Interesse in der jüdischen Politik fesseln? Viele sind zwar noch auf Gastrollen in fremden Lagern und erwarten zum Beispiel den unausbleiblichen Zusammenbruch des Liberalismus bei den Arbeitern, wie ihn ihre Väter einst bei den Bürgern erlebt haben. Xach diesem Intermezzo werden sieh unsere Reihen mit jenem Material schliessen, das überhaupt noch an der Politik teilnimmt. Eine grosse Masse wird aber stets übrigbleiben, wie in jeder Bewegung. Das sind die vorsichtigen Egoisten, die immer Trabanten des Erfolges sind. Diese Leute, haben sich den Ergebnissen geschichtlicher Ereignisse stets nur anbequemt, nie aber daran mitgearbeitet. Sie sind es wahrscheinlich, die durch den Anblick ihrer stumpfen Unbeweglichkeit iniwahre Selbstanklagen von Zionisten 'hervorgerufen haben. Es genügt aber, dass die tätigen. Elemente im Judentum immer zahlreicher uns zuströmen und die Wege bahnen helfen, auf denen wir der katastrophalen jüdisehen Auswanderung, der judenfeindlichen Gesetzgebung im Westen und dem allgemeinen moralischen Druck einfür allemal entgehen. Ohne also irgendwo einen Grund für berechtigte Klagen unserer Anhänger entdecken zu können, rufen war sie zur Ordnung und zur Sache. Zur Ordnung, weil sie unberechtigt in einer guten Sache nörgeln, die den höchsten Respekt verlangt, und durch abfällige Aufregungen beleidigt und geschädigt wird. Diese Sache ist die Arbeit, wie sie allerorts nach wie vor von all unseren Männern geleistet wird, die nicht das Kritisieren lieben, wohl aber das Handeln. Es sind noch Arbeitsplätze genug vorhanden für besorgte Zionisten. Es wäre lächerlich, zu behaupten, dass das Wünschenswerteste überall bei uns Ereignis geworden ist: aber der normale Gang nach vorwärts ist nirgends gestört worden. Anfeuernde, strenge Elemente sind, in jeder Bewegung wünschenswert. Trauersänger sind aber für jetzt und alle Zukunft verbeten. Wer klagen und schimpfen will, soll's tun, aber tüchtig — bei den Assimilanten. Dann wird es noch weniger nötig sein, über unseren Fortgang zu räsonieren. J. IJprimny. Dr. Max Nordau über die Lage. Wie der „Hazeiirah" aus Paris berichtet wird, hielt Dr. Max Nordau am 7. d. M. an der dortigen jüdischen Volksuniversität eine Rede über die gegenwärtige Lage des Zionismus. Er führte dem Berichte zufolge ungefähr folgendes aus: Die Lage verdiene als Krisis bezeichnet zu werden. Wenn die Gegner nach dem Hinscheiden unseres Führers, den Zionismus tot glaubten, sei dies verständlich, da sie niemals den Zionismus.verstanden; dass aber auch Zionisten angesichts-des Verlustes an dem Fortbeistand unserer Bewegung verzweifeln, sei sehr schmerzlich. Diese sollten doch wissen, was unsere Gegner nicht wissen, dass nicht H e r z 1 den Zionismus, sondern der Zionismus einen Herzl geschaffen habe, dass der Zionismus lange vor H e r z 1 s Auftreten im Volke, wenn auch ohne klare Formen, vorhanden gewesen sei. Mit; dem Tode eines, selbst eines so grossen Mannes, verliere die .Bewegung nichts. Mit Herzl verlor unser Volk wohl den Führer, in dem sich all sein Hoffen und Sehnen verkörperten, aber diese Sehnsucht lebe noch im Volke und bewege seine Seele. Aus der allgemeinen Stimmung der Verzweiflung könne man zwar die tiefe Wunde erkennen, die H e r z 1 s Abgang dem Volke geschlagen, da es ersichtlich werde, wie. sehr es ihn verehrte. Aber eben darin sehen wiir eine Schwäche unseres Volkes, die sich in dessen tausendjährigem Ex II leben neben vielen guten Eigenschaften ausbildete. Sie bestehe in dem Mangel an Willenskraft und der Unfähigkeit zu praktischen Taten, demi Fehlen der inneren Erkenntnis, dass jeder einzelne aus derVi Volke an der Gesamtarbeit sich beteiligen müsse,. Bei der bisherigen Entwicklung unserer Bewegung konnten wir die Beobachtung machen, dass unser Volk sich leider mit Reden und Deklamationen begnügte, während es die konkreten Forderungen des Kongressies ganz ausser Acht gelassen habe. Die kümmerlichen Resultate der Bank und des Nationalfonds beweisen dies zur Genüge. Doch wolle er das Volk nicht anklagen, da er dessen materielle Not wohl kenne. Aber dies? materielle Not sei dennoch kein ausreichenden- Grund. Unserem Volke sei das Nationalgefühl abhanden gekommen, das Gefühl der Gemeinbürgschaft, gemeinsamer Rechte und, Pflichten und deshalb konnten wir keine grossen gemeinnützigen Werte schaffen. Nicht etwa, weil wir Juden ganz unfähig waren. Wir hatten hervorragende, schaffende Geister, aber vergebens suchten wir bleibende Spuren ihrer Schöpfungen in. irgend welchem Lande. Unsere nationale Grösse erschöpfte sich im Studium der Lehre und noch mehr im Martyrium, das uns wohl Ehre mache, aber wir haben keinen materielilen Boden, den wir gleich anderen Völkern der Nachwelt hinterlassen könnten. Wir mussten nun einsehen*, dass die blutigen Opfer, die wir in passivem Widerstand gegen tausendjährigen Hass und Verfolgung gebracht haben, wert seien, für die Wiedergeburt der Nation geopfert zu werden. Wohl seien blutige Opfer nicht mehr notwendig, aber wir müssen zu allem bereit sein. Würde jeder von uns seine nationale Pflicht erfüllt haben, so wäre der Verlust des Führers kein so empfindlicher gewesen. Wenn das Volk aber nichts tue und alles seinem Führer überlasse, dann solle man sich nicht wundern, wenn es an einem Mann fehlt, der für uns zu arbeiten hätte . . . Dr. Nordau sprach noch vom spärlichen Ergebnis des Nationalgeschenkes. Dies sei nicht auf den Mangel an Liebe zu H e r z 1 zurückzuführen, aiber es beweise einfach das Pehlen des Genieinsinnes, der jeden zur rechten Zeit und am rechten Platze zum Beitragen: seines auch noch so geringei Scherfleins veranlassen müsste. Mit H e r z 1 habe das jüdische Volk einen grossen seiner Söhne verloren, aber das dürfe nicht die zukünftige Gestaltung des Zionismus in Frage stetölen. Jeder müsse nach Kräften arbeiten und dann würde der Schluss von H e r z 1 s herrlichem Bilde in „Altneuland" sich bewahrheiten: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen!" Krg. Unsere Organisation.4') Von M. Ussischkin. Auf dem fünften Kongress hatte ich. die Ehre, eine Organisationsvorlage einzubringen. Seitdem sind bloss drei *) Der geehrte Verfasser bezeichnet selbst die von ihm entworfene Organisation für undurchführbar. Die darin niedergelegten Theorien sind immerhin interessant und ideenreich.

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