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Die Welt · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bis * Weit" Nr. 1 einflussreiche Persönlichkeit geworden. Haben doch auch Cremieux, Daniel M a n i n und manche andere mehr oder weniger die Macht besessen, ihre respektiven Staaten geleitet. Also nicht dieser äussere Umstand allein verleiht Disraeli seinen Glanz und seine Popularität. Was an ihm Grosses, Tiefgründiges war, das war sein inneres Leben, seine Psychologie. D i s r a e 1 i war nicht bloss ein jüdischer Staatsmann, er war ein staatsmännischer Jude. Mit anderen Worten, er war nicht bloss wie, sagen wir jetzt, Luzzatti, ein zur Macht gelangter Jude, dessen Judentum keine Spur auf seiner Regierung Hess, der ebensogut als Nichtjude hätte geboren werden können. D i sr ae l i s Judentum war sein Kern, Disraeli hat als Lord Beaconsfield dem jüdischen Geiste, der jüdischen Kultur einen Triumph vorbereitet. Der Grundzug des jüdischen Charakters ist Enthusiasmus, durch den Spott gedämpft. Ungeheure Horizonte — und Horizonte der Phantasie, Himmelsreiche, Fata Morganas — daraus ist die jüdische Seele zusammengewoben. Und darüber eine Schichte des Zweifels, der Selbstkritik, der beissenden Lauge des Sarkasmus. Und wenn ein Jude sich Visionen ausmalt, da kommt sein lachender Teufel und zerreisst das dünne Gewebe der Phantasie — und lässt es nicht sich verdichten zur Wirklichkeit, wenigstens nicht zur erlebten und empfundenen Wirklichkeit werden. In der Brust des Juden ruhen zwei Seelen — die des Propheten und des Sarkastikers. Und weil der Jude vor allem einen klaren Blick für das Leben und für die Verhältnisse hat, so überträgt er auch seine Zerrissenheit auf das Leben selbst. Wir hatten noch nie Gelegenheit, diese Psychologie des Juden so nahe zu studieren, so handgreiflich zu beobachten, wie an Disraeli. Ein echter Jude, ein typischer Easseüjude. Wie Lucien Wolf in seiner Einleitung zu „Vivian Gre y", Beaconsfields erstem Romane, und ebenfalls in seinem Artikel in der „Times* über dessen Abstammung nachweist, ist sein Stammbaum ein weitverzweigter und von altem spanisch-jüdischem Adel. Beaconsfield selbst äusserte sich einmal seinem Intimus Lord Ro wton gegenüber, indem er auf einen beleidigenden Angriff in der radikalen Presse reagierte : „Stellen Sie sich einmal vor, man schilt einen Mann eiien Abenteurer, dessen Ahnen vielleicht zur Königin von Saba im Verhältnis standen." Ohne auf die nähere Beschreibung der Abstammung wie auch der Familien verhäl(nis£e Disraelis einzugehen, kann man mit Bestimmtheit eines feststellen, dass er ein vollblütiger Jude war. Ein österreichischer Anthropologe hat sich einmal über die jüdisch-nationale Bewegung dahingehend geäussert,' dass nur jene Juden national empfinden können, die „Vollbluljuden* sind. Von diesem Standpunkt aus musste Disraeli der nationalste Jude der Welt sein. Und er war es auch, er, der Kanzler von England. Seine äusseren Lebensumstände sind ja bekannt, und es ist unnötig, sie ausführlich wiederzugeben. Er war der einzige Sohn des reichen, privatisierenden und gebildeten Voltairianers Isaak Disraeli. Der Vater liess den frühreifen Knaben im 14. Lebensjahre taufen. Der Jüngling führte ein bizarres, Aufsehen erregendes Leben, reiste, kleidete sich exotisch, verdrehte durch seine orientalische imponierende Schönheit den Londoner Damen die Köpfe, liess mit 22 Jahren seinen Erstlingsroman „Vivian Grey" erscheinen, der bald Aufsehen erregte. Dann warf er sich auf das politische Leben, wa r zuerst Radikaler, verteidigte die Interessen des Volkes, bis er sich dann zum Konservatismus bekehrte, in die Reihen der Tories trat und die Führerstelle übernahm. Der Zeitraum zwischen 1837, als er die parlamentarische Tätigkeit begonnen hat, und 1881, seinem Todesjahre, ist mit chweren, bitteren Kämpfen ausgefüllt, die er, der Nichtbrite, der Jude, der Romandichter, gegen seine Gegner, gegen seine Anhänger, gegen eine ganze neidische und steife dogmatische Welt zu führen hatte. Kann man Disraeli einen grossen Staatsmann nennen? Vielleicht nicht, weil er mehr Träume als Pläne, mehr Phantasie als die trockene Berechnungsgabe besass. Aber mit eben demselben Rechte konnte man auch dasselbe von Napoleon, von Cäsar sagen. Die Grossen, die Könige auf allen Gebieten des Lebens bringen nur das Rad in Schwung, das übrige werden schon die Kärrner besorgen. Und tatsächlich, wo Gedankenflug, politischer Schwung, politische Poesie nötig war, wo es sich um grosse, spannende internationale Fragen handelte, um wichtige Gesetze im Innern des Landes, die eine grosse kulturelle oder soziale Bedeutung hatten, da war Beaconsfield der Anreger, der Schöpfer. Um Budgetfragen, um Steuervorlagen, um Finanzen kümmerte er sich nicht. Sein Gegner, sein ihm polar entgegengesetzter Nebenbuhler Gladstone, war dieser kalte, berechnende, kluge Politiker. Aber keiner, der eine Welt aus den Angeln zu heben vermocht hätte. Beaconsfield hatte in sich das Zeug dazu. Unsere Zeit ist zwar keine Heroenzeit, der einzelne kann sich nicht entwickeln, wie er will, er muss seinen Willen vor dem der vielen beugen, ab er Beaconsfield hielt trotzdem allen Stürmen stand und hatte nur einen Herrn über sich — seinen Willen. Und wenn er einerseits die Phantasie des Juden besass, besass er auch dessen Sarkasmus. Denn wer nur Enthusiast ist, wird schwulstig und am Ende lächerlich. Auch lachen muss man können. Juden können lachen — und Beaconsfield konnte es am besten. In seinen Briefen („Letters" p. 82) finden wir eine interessante Stelle, die den ganzen Mann charakterisiert. Als man ihn fragte: „On what he intendet to stand" (worauf er zu stehen beabsichtige), antwortete er: „On my head" (auf meinem Kopfe). Ein Mann der auf dem Kopfe steht, ist entweder ein Gaukler oder «in Genie. Beaconsfield war beinahe ein Genie, obwohl ihm seine Gegner auch etwas Gauklertum aum Vorwurf machten. Und es ist auch kein Wunder. Wer wie er so oft und viel jonglieren musste, wer wie er immer auf dem „qui vive* war, konnte nicht so steif und dogmatisch und selbstherrlich wie Lord Palmerston oder Ewart G la d s t o n e sein. Und wie er ein Vollblutjude nach seinem Charakter war, war er es auch nach seiner Denk- und Schreibweise und nach seiner Liebe zum jüdischen Volke. Beaconsfield war Konservativer. Viele wundern sich darüber. Aber ist es denn ein Dogma, dass der Jude liberal sein muss? Der Jude ist vielmehr revolutionär gesinnt und gestimmt. Aber dieser revolutionäre Grundzug bindet ihn ankein politisches Dogma, an keine Tri dition. Als esBeaco nsfield schien, dass der Torismus England Grösse und Macht verleihen könne, wandte er sich diesem zu, ohne auf seine radikale politische Vergangenheit zu achten. Und er meinte es gut damit. Denn er war kein Heuchler. Er hat sich nie gleissnerisch an die Brust geschlagen und im Namen der englischen Nation mit „Wir" gesprochen. Er hat nur das Publikum und Europa darüber täuschen wollen, dass er — der Premier Englands — eigentlich kein Brite sei. Er scheute sich nicht, offen für das Judentum Partei zu ergreifen. Er hat sich selbst den Weg abgeschnitten, indem er erklärte, „Rasse ist alles". Und dieses grosse Schauspiel war das Entzückende und Begeisternde im Leben Disraelis. Ein Jude, der das Judentum rehabilitiert, es erhebt. Ein Jude, der ein ungeheueres Reich regiert und dem beherrschten Volke zuruft: „Ihr Engländer, ich bin ein Jude!" Es ist der Sieg des Geistes des Judentums. Wo er konnte —und er konnte oft, weil er wollte, verherrlichte er sein — Volk, seinen Stamm.

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