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Die Welt · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 flbie # Wflt" Nr. 51 und sie sagt mir nach, Wort um Wort, still dieselbe Melodie lispelnd. Ich sage und sie blickt mir tief in die Augen, während sie die Lippen leise bewegt, und ich weiss wohl, was jetzt in ihrem Herzen vorgeht. Sie denkt: „Ganz er, der Vater, wie er leibte und lebte. Ihm zu langen Jahren!" Und ich fühle, dass ich nichts Besseres verdiene, als dass man mich in Stücke haue wie die zerschnittenen Kartoffeln : Um Gotteswillen, die Mutter betrogen, so schändlich betrogen, verschachert mit Haut und Haaren! Die Dochte in den Kartoffeln sinken und sinken immer tiefer, bis sie endlich ganz erlöschen, und meine Mutter sagt mir; „Geh1, wasche die Hände. Wir wollen Nachtmahl essen, Kartoffel mit Schmalz! Chanuka zu Ehren habe ich ein Glas Gänseschmalz gekauft, frisches Schmalz wie Honig!" Mit Vergnügen wusch ich mir die Hände und setzte mich an den Tisch. „Bei „Leuten" ist es Brauch, am letzten Chanukatage Latkes zu backen" — sagte die Mutter schwer seufzend und ich erinnerte mich an Benjes Latkes und Beujes Trenderl, das mich um eine solche Habe gebracht. Mir blutet das Herz und nichts reut mich so schmerzlich als der Verlust meines Siddur, meines Kolbau'nikel! Wenn mich nur jemand darob gehörig ohrfeigen wollte! Am liebsten möchte ich mich selbst ohrfeigen, mit beiden Händen. Ich denke mir: „Wenn die Mutter das wüsste! . . Aber meine Mutter weiss es nicht. Wir essen Nachtmahl und sie weiss es nicht; ich verrichte das Abendgebet, gehe zu Bett und sie weiss es nicht; sie weiss es nicht und wird es nimmer wissen! Sie deckt mich zu mit ihren Kleidern, blickt zärtlich auf mich und seufzt. Sie glaubt, dass ich schlafe. Aber ich schlafe nicht; ich höre, wie sie seufzt und ächzt und ihre Finger knacken lässt. Ich höre ihr Bett knarren und mich dünkt, dass dies kein Knarren, sondern ein Stöhnen sei. Draussen weht ein heftiger Wind, schlägt an unser Fenster, reisst am Dache und bläst und pfeift durch den Schornstein schrille lange Töne. In irgend einem Winkel haust eine Grille, die eine langweilige eintönige Melodie zirpt. Und meine Mutter hört nicht auf zu seufzen und zu stöhnen und die Finger zu knacken. Und jeder Seufzer meiner Mutter findet ein lautes Echo in meiner Brust; kaum, dass ich ruhig bleiben kann. Ich möchte am liebsten von meinem Lager aufspringen, zu meiner Mutter hingehen, mich ihr in die Arme werfen und ihr die Hände küssen und alles, alles gestehen, alle meine grossen Sünden. Allein ich unterlasse es; ich verstecke mich tiefer, immer tiefer in die Kleider, die meine Decke bilden, um nicht das Knarren des Bettes, meiner Mutter Seufzen und Stöhnen zu hören. Mit geschlossenen Augen horche ich dem Pfeifen des Windes und dem Zirpen der Grille. Vor meinen Augen dreht sich etwas in Gestalt eines Trenderl, eine Art von Mensch, unverkennbar ein Mensch. Ich könnte schwören, dass es mein Rebbe sei mit der spitzen Samtkappe; auf einem Fusse steht er, mein Rebbe mit dem Chumesch, und dreht sich, dreht sich gleich einem Trenderl, während seine spitze Kappe glänzt und meine Augen blendet, während seine „Pejos" in der Luft herumfliegen. Es ist ja gar nicht der Rebbe, es ist ja ein Trenderl, ein sonderbares eigentümliches Trenderl, lebendig, mit einer spitzen Kappe und Pejos. Allmählich hört das Rebbe-Trenderl oder das Trenderl-Rebbe sich zu drehen auf und an seiner statt tritt Pharao, der König von Mizraim, auf, den ich in dem vorwöchentlichen Bibelabschnitte kennen gelernt; unbekleidet steht er vor mir, der König von Mizraim, unbekleidet, wie er eben seinem Nilbad entstieg, und in seiner Hand erblicke ich mein Siddur, mein kleines Kolbau'nikel. Ich begreife nicht, wie es denn in seine Hände geriet, in die Hände dieses Frevlers, der fcich in jüdischem Blute gebadet? Und ich sehe sieben magere Kühe, dünn und dürr, Haut und Kaochen, mit grossen Hörnern und langen Ohren. Sie nähern sich mir nacheinander, öffnen ihre Mäuler und wollen mich verschlingen. Plötzlich erseheint Benje, mein Schulgen03ße Benje, ergreift ihre langen Ohren und dreht sie und zerrt sie in die Länge. Und ich höre ein stilles leises Weinen und Seufzen und Stöhnen und Pfeifen und Zirpen und eine Menschengestalt erhebt sich vor mir und flüstert leise: „Sag mir, liebes Söhnchen, wann hast du Jahrzeit nach mir?" Ich vermute, dass es mein Vater ist, von dem meine Mutter so viel Schönes und Gutes erzählt. Ich will ihm sagen, wann Jahrzeit ist, aber ich habe es vergessen; ich quäle mich, reibe die Stirn, um mich zu erinnern, aber es geht nicht! Höret, ich habe vergessen, wann Vaters Jahrzeit ist! O weh! Jüdische Kinder, habt doch Mitleid und sagt mir, wann ist Vaters Jahrzeit? O weh! O weh! . . . „Gott ist bei dir, Kind, was ist geschehen? Warum schreist du denn so?K Das waren die Worte meiner Mutter, die sich über mich beugte, meine Stirn mit zarter Hand befühlend; ich fühlte, wie ihre Hand zitterte und brannte. Beim schwachen Schein des Lämpchens erblickte ich ihren Schatten an der Wand; die Spitzen an ihrem Kopftuche erschienen mir wie Hörner und ihre Augen glänzten schrecklich im finsteren Räume. „Wann ist Jahrzeit, Mutter, sag, wann?8 „Gott ist bei dir! Es war ja erst vor kurzem Jahrzeit. Du hattest einen bösen Traum, mein Kind. Sprich aus drei Mal pfui, pfui, pfui! Es sei zum Guten!jjAmen, Amen, Amen." * * * Kinder! Ich bin nun erwachsen. Auch Benje ist erwachsen, ein junger Mann mit blondem Barte und dickem Bauch, über welchem eine schwere goldene Uhrkette herabhängt; ein wohlhabender Mann, wie es scheint. Auf einer Reise trafen wir zusammen, im Eisenbahncoupe. Ich erkannte ihn. Das Wiedersehen war ein herzliches und wir begannen Erinnerungen aus unserer Jugend aufzufrischen, „Denkst du, ßenje, an jenen Chanukka, da du so viel Glück mit deinem Trenderl hattest? Es fiel nie anders als auf Gimel!" Ich sehe, wie Benje sich gar nicht fassen kann vor Lachen. „Gott mit dir, Benje, warum lachst du denn so, Benje?Ä „O," sagte er „lass mich mit deinem Trenderl! Das war das rechte Trenderl! Das war eine Kugel von lauter Schmalz, eine Mehlspeis von lauter Rosinen!a „Was war denn das, Benje, für ein Trenderl? So sag's denn doch endlich!" „Das war ein Trenderl mit lauter Gi—-Gi— Gimel!" (Frei bearbeitet von M. B.) Berthold Feiwel bittet, für die vielen Aeusserungen herzlicher Teilnahme, die ihm anlässlich des Ablebens seines Vaters aus zionistischen Kreisen zugekommen sind, seinen innigsten Dank entgegenzunehmen. Berlin-Charlottenburg, 1. Dezember 1904. Briefkasten. Kossow. Zionistisches Distriktskomitee Krakau, Nadworna. Julius Bondy, Horowitz. ToynbeehalleWien, ,Zion%Tarnobrzeg, Jüdischnat. Arbeiterverein XIV, Gesangverein „Ivria", Pisek. Voranzeigen zu spät erhalten. Cwozdziec. Wegen Ueberfüllung dankend abgelehnt. jur. Schwartzfeld, Waszkoutz. Diese Berichte erhalten wir von den Vereinen.

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