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Die Welt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50 „bie * weit" Seite 9 bot in dieser Hinsicht besonders erschütternde Momente. Der Zeuge P1 o t k i n erzählte folgende Einzelheiten: Am Tage der Exzesse näherte er sich dem Palais der Orlower Bank; dort standen zahlreiche Maurer, welche den Zeugen überfielen und ihn zu misshandeln begannen. In Todesangst lief er auf den in der Nähe stehenden Major Kornilo w zu und bat ihn flehentlich um Schutz, diesei aber antwortete bloss: „Trotte dich fort!8 Er ergriff die Flucht, aber Soldaten und Maurer setzten ihm nach, ergriffen ihn, warfen ihn zu Boden und schlugen ihn halbtot. Die Plünderer leerten ihm auch die Taschen aus. Plotkin deponierte ferner, dass einige Plünderer, die er persönlich kannte, hier im Gerichtssaale nicht als Angeklagte figurieren, wiewohl er formell die Anzeige gegen dieselben erstattet hatte. In grosser Erregung rief Plotkin dabei aus: „Da haben wir ein Probestück der Voruntersuchung!" Und der Vorsitzande wusste nicht anders auf diese gerechte Entrüstung zu antworten, als Plotkin aus dem Saale führen zu lassen. Andere Zeugen deponierten, dass die är z 11 i c h e Untersuchung der den Juden beigebrachten Wunden erst zwei Monatenach den blutigen Exzessen vorgenommen wurde. Der wieder in den Saal gerufene Zeuge Plotkin ruft bei der Konstatierung dieser Tatsache aus: „So wurde den verwundeten Juden gegenüber gehandelt, wobei die Leiter der Untersuchung sich noch erstaunt stellten, dass bei den Juden keine Wunden vorgefunden wurden." Dieser Zeuge hatte auch den Mut, dem Staatsanwalt offen zu sagen, das die Anklageschrift i 2 ihren Ausführungen über die Haltung der Juden eine totale Lüge sei. Der Vorsitzende rügte diesen Ausdruck und beeilte sich, die Zeugenaussage Plotkins als beendet zu bezeichnen. Der Zeuge Dr. S alkin d deponierte, dass der Kreispolizeichef die Offiziere und Soldaten ruhig miteinander plauschten, Zigaretten rauchten und Witze machten, während unschuldiges jüdisches Blut in Strömen floss. Dr. Salkind sagte: „Ich war früher ein guter Bekannter des Kreispolizeichefs Selenskij, seine Haltung an den Schreckenstagen hat mich aber so empört, dass ich aufhörte, ihn zu grüssen!" Die Aussagen vieler Christen bekundeten unter Eid, dass alle Offiziere und höheren Polizeibeamten in leutseligster Form mit den Plünderern und Mördern sprachen, ihre Wünsche erfüllten und die Hilferufe der gemordeten Juden ganz ignorierten. Moskau. Dem Rabbiner von Nischnij-Nowgorod, Herrn St ein mann, ist auf seiner Durchreise in Moskau etwas passiert, was sogar von den nationalrussischen Blättern als ungeheuerlich bezeichnet wird. Der mehr als charakteristische Vorfall trug sich, wie der „Nischegorodskij Listok" meldet, vor wenigen Wochen auf offener Strasse in Moskau zu. Rabbiner Steinmann begab sich aus Nischnij- Nowgorod in seine Geburtsstadt Smorgow im Gouvernement Wilna und hatte eine direkte Fahrkarte bei sich. Er traf in der Früh in Moskau ein und musste dort bis gegen Abend verweilen, weil der Zug nach Wilna erst gegen die Abendstunde abging. Er begab sich deshalb vom Kursker Bahnhof, dem Orte seiner Ankunft, nach dem Borster Bahnhof, dem Orte seiner Abreise nach Wilna. Der Weg ist sehr weit, so dass er die ganze Stadt Moskau durchmessen musste. Auf offener Strasse hielt ihn ein Gorodowoi (Wachmann) an und richtete an ihn die Frage: ,Was machst da hier? Den Juden ist doch der Aufenthalt in Moskau nicht gestattet." Steinmann zeigte ihm seine Fahrkarte und erklärte, dass er bloss auf der Durchreise begriffen sei und dabei Moskau besichtigen wollte. Der Wachmann gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden und eskortierte den Rabbiner nach dem Polizeiamt. Unterwegs erklärte der Wachmann, offenbar als Entschuldigung seiner Handlung, dass er wohl kein schlechter Mensch sei, aber ihn anhalten musste, weil man für jeden angehalten en J u d e n d e n Betrag vonfünf Rubeln bekomme. Auf dem Polizeiamte wurde dem Rabbiner der Reisepass abgenommen, ein Protokoll aufgenommen und der Delinquent unter Polizeibedeckung zum Bahnhof geschickt, wo er einwaggoniert und nach Smorgow expediert wurde. In Smorgow stand Rabbiner Steinmaun vor wenigen Tagen vor dem Einzelrichter unter der Anklage des verbotenen Aufenthaltes in Moskau. Zwar betonte der Richter, dass Steinmann keinen Aufenthalt genommen hatte, doch verurteilte er den jüdischen Rabbiner zu einer Geldstrafe von 50 Kopeken. Kischenew. Der bisherige Gouverneur von Kischenew, Fürst Urussow, wurde bekanntlich in gleicher Eigenschaft nach Twer versetzt. Die jüdische Gemeinde veranstaltete zu Ehren des humanen Fürsten Urussow eine grandiose Abschiedsfeier. In der Hauptsynagoge wurde ein feierlicher Gottesdienst veranstaltet, dem Fürst Urussow samt Frau und Kindern beiwohnten. Die Vertreter aller jüdischen Gemeinden von Bessarabien wohnten der Feier ebenfalls bei. Die jüdische Gemeinde von Kischenew überreichte dem Fürsten Urussow eine Thorarolle in kostbarer Verzierung und eine Adresse, in welcher in wehmütigen und herzerschütternden Wertender Greueltaten von Kischenew gedacht und der humanen Haltung des Fürsten Urussow den eingeschüchterten Juden gegenüber in rührenden Ausdrücken Erwähnung getan wurde. Zu Tränen gerührt, dankte Fürst Urussow für die ihm erwiesenen Ehren und sagte: „Nicht in den Kleinlichkeiten der täglichen Wirklichkeit, sondern in den breiten Zügen des historischen Lebens des jüdischen Volkes muss der Stützpunkt für die Bildung einer richtigen Anschauung über die moderne Judenschaft gesucht werden. Mir steht wahrscheinlich noch bevor, an den Arbeiten teilzunehmen, welche auf die Lage der Juden in Russland Bezug haben. Wollen wir hoffen, dass diese Lage sich bessern werde, dass wir in unserer Arbeit zum Wohle des Landes auch zum Wohle der Juden werden arbeiten müssen." Linkow (Gouvernement Kowno). Dem jüdischen Arbeiter Mosche Orlo w, einem armen Familienvater, übergab unlängst der Gutsbesitzer Mezzinsky einen Winterrock zur Reparatur. Der Scheider fand im Winterrock eingenäht über 10.000 Rubel. Er beeilte sich* sofort, das Geld dem Gutsbesitzer zu retournieren und wies auch das ihm angebotene Geldgeschenk von einigen hundert Rubeln zurück. Das war, wie der „Wilenskij Wjestnik* meldet, wenige Tage nach den Exzessen gegen die Juden in Kowno. ^rtbüi>e. (Flr diese Rubrik ist die Rtdaktioi nicht verantwortlich.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Während der letzten Jahreskonferenz wurde beschlossen, den siebenten Kongress im Februar-März 1905 zu versammeln. Aber allen Merkmalen nach ist es unmöglich, den Beschluss der Jahreskonferenz genau zu erfüllen. Wir denken darum, dass es rechtzeitig ist, die Frage aufzustellen, ob es nicht zweckmässiger wäre, den siebenten Kongress, wie in den früheren Jahren, auf Juli-August zu verschieben. Unsere Erwägungen sind folgende: 1. Das achte Schekeljahr endet im Juli. Die Erfahrung lehrt, dass die Schekelsammlung gewöhnlich während des ganzen Jahres gleichmässig verläuft; dabei merkt man aber, dass sie in den letzten Monaten Mai-Juni-Juli reger wird. Als ein starker Beweggrund in dieser Beziehung erscheint nämlich der Wunsch, sich zum Kongresse vorzubereiten. Falls der Kongress im Frühjahr stattfinden wird, so muss man sicher darauf rechnen, dass in den Sommermonaten nach dem Kongresse die Schekelsammlung fast aufhören wird. Auf diesem Wege verliert die Organisation unnütz drei bis vier Monate des Schekeljahres. 2. Ausserdem ist es sehr wünschenswert, zum siebenten Kongrtss möglichst viel Schekel zu sammeln. Dieser Kongress wird besonders viel Aufmerksamkeit hervorrufen nicht nur seitens der Zionisten, die mit Recht von ihm Trost und Aufmunterung nach dem unersetzlichen Verluste erwarten, sondern auch seitens der europäischen öffentlichen Meinung, die jetzt nach dem starken Eindruck, den der britische Vorschlag heivorgeruien hat, wie nach dem Tode Herzls, mit ernstem Interesse den Lauf unserer Sache beobachten wird. Indessen war im siebenten Jahre die Arbeit aus manchen Gründen in vielen Beziehungen sehr schwach. Es waren nur wenige Schekel gesammelt Die Anzahl der Schekelzahler wurde aber für die Wahl jedes einzelnen Delegierten von 100 bis auf 200 erhöht. Das alles droht die Anzahl der Kongressmitglieder sehr zu verringern; und die schwache Besetzung des Kongresses in so einem Moment kann die Prestige und die Organisation stark erschüttern« Darum muss man der Organisation möglichst viel Zeit überlassen, um die Schekelsammlung vor dem siebenten Kongresse zu verbreiten. 3. In den Sommermonaten erstirbt oft die Arbeit, besonders in den Grossstädten, wo die Mitglieder der einzelnen kleineren Organisationen, hauptsächlich die intelligenten, verreisen. Wird der Kongress am Ende des Sommers erwartet, so fühlt sich jeder einzelne Zionist gezwungen, seine Energie anzustrengen, die Unbequemlichkeiten der

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