Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bis * weit" Nr. 49 Vaterhaus verlassen in trotzigem Jugendsinn und den Weg nicht mehr finden zur teuren Schwelle. Und ein lichter Glanz falle in die finsteren Hütten der Armen, die um den kalten Herdjtauern, und wärme sie mit heiligem Feuer. Und grell soll es flammen wie eine feurige Hand denen, sie sich sonnen am fremden Lichterglanze. Mir abersollst du leuchten, meinkleinesLicht, hinter den blinkenden Scheiben wie der Oelkrug in Zions hohem Tempel, dann stürze ich den fremden Altar vom hohen Postamente, dass er zerschelle am getäfelten Boden, und an den Trümmern des Marmorblockes wetze ich mein blankes Makkabäerschwert Und dein Licht soll sich spiegeln in seiner glatten Schärfe. Mein Siegesfeuer. Das TrenderL Ans einer i'han ukagesehichte von S c Ii a 1 o m AI e i c 3i e m. . . . Ks \\i\v die Chanukawoehe und wir spielten Trenderl. Ks ist wahr, die heutigen Spiele, wie etwa die verschiedenartigen Kartenspiele, sind vernünftiger als unser Trenderlspiel im Glieder; allein wo um Geld gespielt wird, kommt es nicht so sehr auf die Vernunft an. Unlängst sah ich es mit eigenen Augen, wie zwei Burschen auf der Strasse um die Wette den Kopf an die Wand schlugen, und als ich sie fragte, was denn das zu bedeuten habe, schickten sie mich zum Teufel: Sie spielten um Geld, wer von ihnen früher ermüden würde . . . Das Trenderlspiel pflegt sehr heiss, furchthar fesselnd zu sein, so dass man die Seele aus dem Leibe verspielen kann. Da ist es wahrlich nicht nur um das Geld zu tun. Es ist einfach eine Sache des Verdrusses. Weshalb gewinnt denn der und nicht du? Weshalb fällt sein Trenderl stets auf „Gimel" und das deinige auf „Nun", .,He" oder „Schin"? *) Es ist ja bekannt, dass die vier Buchstaben am Trenderl folgende Bedeutung im Spiel haben: X — nichts, h — halb, s — setz' zu und g — ganz. Das Trenderl ist also eine Art Lotterie; wer Glück hat, gewinnt. So mein Kamerad B e n j e, Meier Polkowojs: so oft er sein Trenderl laufen lässt, es fällt nie anders als auf G. „Es ist ganz eigenartig mit diesem Ben je!" sagen alle Kinder und setzen immer frisches Geld ein und Benje „antwortet" jedem, denn er, er ist ja der „Sohn eines reichen Mannes*'4! „Gimel und wieder Gimel! Merkwürdig!" rufen alle verwundert aus. .Alan greift nach den Börsen, stellt frisches Geld ein und Benje „antwortet" allen, versetzt sein Trenderl in Flug. Es dreht sich, schaukelt sich, taumelt wie ein Betrunkener und fällt um. „Gimel!" ruft Benje. „Gimel, Gimel und wieder Gimel! Ks ist zum Verwundern!" rufe]] alle sich räuspernd und greifen abermals in die Börse]!. Das Spiel wird immer hitziger, aufgeregter. Die Spieler setzen ein, drängen sieh an den Tisch, zanken, stossen einander und belegen sich mit wenig schmeichelhafte]] Kosenamen. Wir bemerke]! nicht einmal, dass unser Hebbe in der warmem Kapote, mit der Pelzmütze am Kopfe und dem Tallesbeutel unter dem Arm, hinter uns steht. Er ist im Begriffe, beten zu gehen, aber das heisse Spiel der Kinder, ihr aufgeregtes Treiben hält ihn auf; er sieht eine Weile zu, wie wir Trender] spielen. Heute schert er sich nicht um uns. Es ist Chanuka, wir haben acht Tage frei und dürfen Trenderl spielen, soviel und solange es uns beliebt, wenn wir nur nicht aussehreiten, einander nicht die *) .n •;»: sollen die Abbreviaturen sein voriE-jjTnyrjra „Ein grosses Wunder geschah dort4'. Augen auskratzen. Auch die Kebbezin mit ihrem Säugling in den Armen steht hinter dem Rücken unseres Lehrers und schaut neugierig dem Spiele zu, wie die Jungen Geld einsetzen und wie Benje allen „antwortet". Benje brennt, Benje1 kocht, Benje lässt sein Trenderl los, es dreht sich, taumelt und fällt. „Wieder einmal Gimel! Eine reine Komödie mit diesem Benje!" End Benje zeigte so lange seine Gewandtheit und aussergewöhnlichen Kunststücke, bis unsere Taschen geleert waren. Dann legte er stolz seine Hände in die Taschen und es schien, als ob er uns fragte: „Nun, Jungen, wer versucht es noch einmal?" . . . Wir aber gingen auseinander mit dem grossen Schmerze im Herzen und ungeheurer Schani vor uns selber. Wir mussten noch obendrein Lügen ersinnen, wie wir zu Hause den Verlust des Chanukageldes erklären sollten. Der eine „gestaud4", er habe sein ganzes Ghanukageld vernascht, der andere ersann eine Räubergeschichte, man hätte ihm seine Geldbörse schon am Vorabend aus der Tasche gestohlen; ein dritter kam weinend und jammernd nach Hause, er hätte sich für das Chanukageld ein Taschenmesser gekauft und hätte dieses verloren! Auch ich hatte mir eine Lüge zurechtgelegt und erzählte meiner Mutter eine Geschichte aus „Tausend und eine Nacht"; ich bekam abermals Chanukageld, einen harten Sechser und zwei Zweierl, mit denen ich mich zu Benje begab. Nach kaum fünf Minuten kehrte ich wieder mit leeren Taschen heim und sann auf eine neue Lüge. Kurz, die Köpfe arbeiteten, das Hirn strengte sich an, um neue Lügen zu erfinden, während unser ganzes Chanukageld mit dem Trenderl in Benjes Taschen gespielt wurde und wegwar's — für ewige Zeiten! Nur einer von uns liess sich so weit in das Trenderlspiel ein, dass ihm das Chanukageld nicht genügte; er spielte und spielte mit Benje bis zum letzten Tage von Chanuka. Dieser eine war ich selbst, ich, der „Sohn der Witwe". Wo nahm der Sohn einer armen Witwe das Geld her? — Das ist keine Frage. Die grossen Hasardeure, diejenigen, die in ihrem Leben viel gewonnen und ganze Vermögen verloren haben, die wissen und verstehen es . . . 0 weh, man soll es nicht erleben; wenn einen die Spielwut erfasst, dann ist nichts in der Welt unmöglich. Man durchbricht Mauern, eiserne Gitter, man schrickt vor keiner Tat zurück: ja, der böse Geist des Spieles! Vor allem suchte ich alles, was Geldwert hatte, zu barem Geldc zu machen; ich verkaufte nacheinander alles, was sich nur verkaufen liess. Das Taschenmesser, die Geldbörse, dann die Knöpfe von den Kleidern, ein versperrbares Kästchen, einige Eädchen einer alten IJhr aus schönem, glänzendem Messing, alles verschenkte ich um den halben Preis und lief immer wieder zu Benje und verspielte den Erlös bis auf den letzten Groschen. Traurig, mit wundem Herzen, voll von Aerger und bitterem Verdruss — nicht etwa über Benje! Bewahre! Was konnte ich eigentlich gegen Benje haben? Was kann denn Benje dafür, dass er Glück im Spiele hat? Würde nur — sagt er — mein Trenderl auf „Gimel" fallen, dann würde ich gewinnen; da aber das seinige — sagte er — immer auf „Gimel" fällt, so gewinnt vorläufig er. Und er hat ja nicht unrecht .... Nein, mich verclriesst nur eines, ich ärgere mich über mich selbst, dass ich so viel Geld, von meiner Mutter so schwer erworbenes Geld angebracht und alle meine Sachen veräussert habe. Selbst das Siddur hatte ich verkauft; ach, das Siddur, das Siddur! Wenn ich mich an mein kleines Siddur erinnere, schnürt-sich mir das Herz zusammen und mein Gesicht brennt vor Scham. Das war ein Prachtstück von einem Siddur! Bei Pesachje,