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Die Welt · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bi$ O W^lt" Nr. 49 Wtlt-Sbfooilt. Der Schriftsteller Salomen Kohn in Prag gestorben. Der Schilderer des böhmisch-jüdischen Ghettos oder, besser gesagt, der jüdischen bürgerlichen Gesellschaft Böhmens, die sich mit ihrem Vermögen von geistigem, unbewusst nationalem Stolz und ihren eigenartigen kulturellen Gütern von den Nachbarn freiwillig bis zu einer gewissen Grenze abschliesst, ist gestorben. Behaglich und lebensfreudig wie die Sabbatstube in einem wohlgehaltenen Hause, verrinnt hier das Dasein in ewigen Idyllen und ist auch der gesunde, nicht hetzende Humor, der hier seine Pflegestätte findet. Die Kombination aus dieser Idylle und aus diesem Humor ist die persönliche Note in S. Kohns Schriften, diesen belletristischen, wohlgetroffenen Kulturstuaien. Kohn war ein Berufener. Denn mitten vom Wege eines Kaufmannes wurde er auf die Bahn eines Schriftstellers geworfen und erwarb sich überall Beifall, wo man menr auf Innigkeit und Stimmung als auf dramatische Verwicklung Wert legt. Seine Kleinmalerei, sein psychologisches Verständnis und sein guter Witz sind nachahmungswerte Beispiele. Sie kommen meisterhaft zum Ausdruck in Kohns Erstlingswerk „Gabriel", das des Dichters Ruf weithin hinaustrug und worauf er mit unschuldiger Freude bis an sein Lebensende stolz war. Er hat viele Nachahmer gefunden. Aber bis auf unsere hochtalentierte Gesinnungsgenosse Martha Wolfenstein, deren Schilderungen „Aus der Gasse" seinerzeit in der „Welt* veröffentlicht waren, entstand Kohn niemand Ebenbürtiger in seiner Art. S. Kohn wurde am 8. März 1825 in Prag, dem er zeitlebens treu blieb, geboren. Sein Vater war Wollhändler und der Sohn sollte das Geschäft übernehmen. Er brachte es aber doch früher zum Universitätshörer. In die Zeit seiner Kaufmannschaft fiel ein grosser geistiger Aufschwung Prags und er gründete mit Berufsgenossen einen bekannten Bildungsverein. Als er 1873 sein Vermögen verlor, widmete er sich ganz der Sehriftstellerei. Ais kinderloser Witwer lebte er als zahlendes Mitglied im Hause der Fundationsrabbiner. Er war im Vorstand der Prager Kultusgemeinde. Sein Tod erfolgte nach einem Falle im Zimmer, bei dem er sich eine Rippe gebrochen hatte, an Lungenentzündung. y. Stiftung zum 800jährigen Todestage Raschis. Der Lemberger Gelehrte Salomon Buber, der mit unermüdlichem Fleisse die noch nicht herausgegebenen Manuskripte Raschis „Sefer Ho-Auroh", „Sidur Raschi", „Sefer Ha-Sedorim8. „Issur We-Heter" gesammelt hat und mit ihrer Bearbeitung und Veröffentlichung beschäftigt ist, fordert anlässlich des am 29, Tamus stattfindenden SOOjährigen Todestages Raschis zu Beiträgen für eine Raschistiftung auf. Der Zweck der Stiftung, die in die Hände angesehener Persönlichkeiten gelegt werden soll, soll von diesen erst später bestimmt werden; Herr Buber selbst hat bereits 300 Kronen geaeichnet. Um für die Stiftung ein möglichst grosses Interesse zu erwecken, hat Herr Buber sich ausserdem entschlossen, jedem Spender von dem Werke „Sefer Ho-AurohB ein Exemplar zu verehren. Der Grossrabbiner von Frankreich, Herr Zadoc Kahn, schliesst sich in wärmsten Worten dem Aufrufe an. Keinen Kadisch wird man sagen. In Paris starb dieser Tage Mr. Heine sowie Frau Armand Heine; in Wien Baron Spiuger, alle Millionäre und alle getauft. Oer Verein zur Bekleidung armer alter Männer israelitischer Konfession in Wien veranstaltete am 15. d. in der Fruchtbörse eine feierliche Beteilung von 110 Greisen mit Kleidungsstücken. Der Obmann ist Herr Isidor Schwarz. Bei der Feier waren die Kultusgemeinde, die türkische Gemeinde, die Bezirksvertretung, die Polizeibehörde, der Ortsschulrat, das Armenamt, die Börse, der kaufmännische Verein, die „Chewra Kadischa* u+ v. a. humanitäre Vereine durch ihre Vorstände vertreten. Anwesend waren auch Herr Rabbiner Schmie dl, Oberkantor Gut t mann und erster Kantor Blatt. Herr Oberkantor Guttmann mit Chor trug einen Festchoral vor. Hierauf deklamierte Fräulein Olga Fuchs ein^Festgedicht des Herrn Rabbiner Schmied 1. Letzterer hielt sodann eine Rede, nach ihm der Obmann J. Schwarz. Es folgten Gesänge der Oberkantoren Guttmann und Bauerund das Schlusswort des Vizepräsidenten Dr. Boskowitz, Bei der Bewirtung der Greise sprach Kultusspräsident Dr. Stern. Ein Bankett im „Hotel l'Europe" bildete den Abschluss. Lemberg. Samstag den 12. d. M. abends sprach Reichsratsabgeordneter Ernst Breiter im Lemberger Vereine „Schomer Israel" über die allgemeine jüdische Lage in Galizien. Der interessante Vortrag wird im „Jüdischen Tagblatt" im folgenden zusammengefasst: „Ich habe oft darüber nachgedacht, weshalb die jüdische Lage so elend und traurig sei, und kam zu dem Schlüsse, dass dies einzig und allein der Assimilation zu verdanken sei. Es wurde euch „Gleichberechtigung" gewährt. Anstatt damals dasjenige zu fordern, was euch tatsächlich gebührte, begannen eure Grossen Assimilation zu predigen, wollten sie ganze Polen sein und ihr Judentum ga»z beiseite lassen. Sie vergassen nicht allein ihr Judentum, sondern auch den Umstand, dass jeder zweite Pole ein geborener Antisemit sei, der die Verachtung des Juden daheim und in der Schule gründlich lernt, man könnte fast sagen, dass er ihn mit der Muttermilch saugt. Ihr habt euch eingebildet, dass der Hass auf einmal verschwinden würde, wenn ihr nicht aufhören werdet, zu beteuern, dass ihr keine Juden seid und dass es keine besonderen jüdischen Forderungen gebe. So sind eure Rechte nach und nach eingeschränkt worden. Die Assimilation hat aber auch grossen Schaden in moralischer Hinsicht angerichtet. Ich sage es offen : Ihr führt oft eine Politik, wie sie die grössten Judenfeinde nicht antisemitischer führen könnten. Ihr seid ungehalten über die wahnsinnigen Anfälle eines P. Stoja- 1 o w s k i, der alle Mandate mit Antisemiten besetzt wissen will. Habt ihr nicht selbst viele Schlachzizen gewählt, von denen ihr wusstet, dass sie Antisemiten reinsten Wassers sind? Und wenn ihr schon einen Juden wählt, tritt denn dieser sein Mandat als Jude an? Ihr wählt ihn, weil es die Schlachta so haben will — als Polen und als Pole interessiert er sich für alles Polnische; jüdische Angelegenheit existieren für ihn gar nicht. Ich weiss nicht, ob ihr keine Augen habt für eure Lage oder ob ihr die Augen absichtlich schliesst. Seht ihr nicht, dass man alle Mittel anwendet, um euch des letzten Bissens zu berauben? Es werden verschiedene Vorwände gebraucht um eueren Erwerb zu schädigen, ohne dass ihr mit einem Finger dagegen rührt. Ich muss leider prophezeien, dass eb noch schlimmer werden wird. Vielleicht wird aber dies euch zum Nutzen gereichen. Die Juden pflegen sich ja bekanntlich erst dann zu ermannen, wenn es ihnen am schlimmsten ergeht. Vielleicht hat euch die Vorsehung erst jetzt gerade mit nationalen Helden bedacht, wie der verblichene Dr. Herzl und Max N o r d a u, die euch den richtigen Weg zeigen, der Assimilation ein Ende machen sollten. Und eure Helden haben sich für euch geopfert . . . Ihnen allein habt ihr es zu danken, dass nun die Rückkehr zum Judentume beginnt . . Zum Schlüsse meinte der Redner: Er sei als Christ nicht so ganz vertraut mit jüdischen Angelegenheiten, aber folgendes scheine ihm für die Juden sehr wichtig: 1. Festes Zusammenhalten als Juden. Der Jude müsse als solcher und nicht als Pole auftreten und bei jeder Gelegenheit als Jude die Rechte fordern, die ihm die „Konstitution1* gewähren muss. 2. Es sei anzustreben, dass die Juden nach dem gebührenden Prozentsatz zu allen öffentlichen Aemtern zugelassen werden. 3. Bei den Wahlen sollte nicht den „Grossen" Gefolgschaft geleistet werden, es sei vielmehr darauf zu achten, dass wirklich jüdische Vertreter gewählt werden, welche jüdisch fühlen und wissen, was den Juden nottut. Dort wo ein Pole gewählt wird, müsse er sich bindend verpflichten, die jüdischen Interessen wärmstens zu vertreten. 4. Es müsse dafür gesorgt werden, dass die Erwerbsgebiete der Juden möglichst erweitert und neue Quellen, wie Ackerbau u. dgl., geschaffen werden. Der ftede des Abgeordneten Breitner folgte eine Diskussion, an welcher sich viele zionistische Redner beteiligten. Braunschweig. (Hilfsverein der Deutschen Juden.) Am Dienstag den 15. November fand hier im Schraderschen Hotel eine Propagandaversammlung für den Hilfsverein der Deutschen Juden statt Dieselbe war von Braunschweig sowohl wie von den Landgemeinden, insbesondere von Wolfenbüttel, überaus zahlreich besucht. Den einleitenden Vortrag über die Geschichte und Entwicklung des Hilfsvereines hielt der Präsident desselben, Herr James S i m o n aus Berlin, während der zweite Vorsitzende des Hilfsvereines, Dr. Paul Nathan-Berlin, über Bestrebungen und Aufgaben des Hilfsvereines der Deutschen Juden ein eingehendes Referat abstattete. Die Versammlung war mit den Ausführungen der Redner durchaus einverstanden und bewies ihre Sympathien für die gemeinnützigen Bestrebungen des Vereines durch zahlreiche Beitrittserklärungen nebst Zeichnungen, deren Resultat als ein glänzendes bezeichnet werden kann. Behufs weiterer Propaganda wurde ein Braunschweigisehes Landeskomitee mit dem Rechte der Kooptation gebildet, dem vorläufig die Herren Felix Herzfeld, Meyersfeld, B. Mielziner, Landrabbiner Dr. Rülf, Dr. J. Landauer, Justizrat Dr. Magnus F. Spanier-Herford in Braunschweig und die Herren Prof. Tachau und Oberlehrer Gr ätz in Wolfenbüttel angehören.

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