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Die Welt · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 45 „bis & Weit" Seite 15 Draussen, vor dem Fenster, in der eisigen Kälte, miaut eine Katze ganz erbärmlich. Diese langgezogenen Klagelaute krampfen ihm das gute Herzchen derart zusammen, dass er laut heulend zur Mutter stürzt, die in der Küche beschäftigt ist. »Muttchen, Muttchen, komm nur, komm nur," und er zerrt sie an der Schürze in das andere Zimmer, „hör' nur, wie sie schreit, sie wird erfrieren und sterben ♦. . die gute Katze . . .* Hastig hat er es hervorgestossen, die lieben, grossen Veilchenaugen stehen ihm voll Wasser. Aber das Antlitz der Mutter strahlt auf und in ihren Augen zittert und flimmert ein Sonnenregen der Freude. Was für ein goldenes Herz er doch hat, ihr Anton, Ein wahrhaft christliches Herz! Ach wie sie dies freut! Hat doch ihre schlichte Erziehungemethode, vor allem ihrem Söhnchen das schönste Blümlein des Lebens: „Güte des Herzens" einzupflanzen, Übermassen in seinem Gemüte Wurzel gefassk Und sie streicht ihm glückesfroh übers lockige Flachshaar, das auf die Schulter herabquillt, und küsst ihn auf die Stirne. „Sei still, mein Nesthäckchen, wir wollen schon machen, dass die Katze nicht erfriert und nicht stirbt, Nein, nein, das darf sie nicht. Komm, holen wir sie ins Zimmer!46 Und sie hüllt ihn in einen warmen Shawl, denn draussen ist es ja so kalt und beide gehen hinaus, die Katze hereinzubringen. Und nun hat man sie neben dem Ofen in ein Körbchen voll Kleiderhadern gelegt und einen Milchnapf vor sie gestellt. Doch sie kann nicht so untätig daliegen. Sie springt aus dem Korbe und schlägt Burzelbäume und ist vergnügt, dass es eine Freude ist. Und Klein-An ton freut sich mit ihr, erstens, weil er einen Spielgefährten gefunden und zweitens weil er diesen Spielgefährten vom Tode selbst gerettet hat .... Draussen ist es unterdessen noch frostiger geworden. In netzartigen Lagen fällt der Schnee herab, der rauhe Nordwind fährt bärbeissig über die eintönigen Schneeflächen und heult und pfeift in den Kaminen und die öden Baumskelette ächzen und stöhnen, dass es wie Todesröcheln der Natur durch die Lüfte zieht. Anton fürchtet sich beinah', wie der Schnee an die Fensterscheiben prasselt, obwohl es raschem Paukentrommeln gleicht, dem er immer so gerne lauscht. Aber die Katze springt ja so lustig über Tische und Sessel und verrät nicht die leiseste Spur von Furcht, warum soll er sich denn fürchten? Nein, nein! Und er hänselt und neckt die Katze weiter und treibt mit ihr allerlei Schabernack und Possen. Da, horch! Sind es nicht Schritte? Und er hält in seinem Spiele inne und scheint gespannt zu lauschen. Die Bohlen des Hausflurs erklingen dumpf von lässigen, schlurfenden Schritten, die sich langsam der Tür au bewegen. Diese öffnet sich und ein armer Jude erscheint an der Schwelle. Ein armer, alter Jude mit zerschlissenem Mantel und zerfahrenem Schuhwerk, mit einem verhärmten, blassen, eingefallenen Gesicht, dem der Kummer und das Elend ihr unverwischbares Gepräge aufgedrückt hatten und und Augen, welche zwar befLort und abgelebt erscheinen, aber zeitweilig aufleuchten, wie zwei glühende Funken und langzurückgestautes Feuer offenbaren. Schneeflocken liegen auf seiner weissen, langwallenden Haaresflut und die eisigen Gebilde, zu welchen sein Atemhauch gefror und die nun an seinem Bart herunterhängen, lassen folgern, dass er wohl schon lange, lange in dieser „klingen den * Kälte gewandert hatte. Und wie er so dasteht, zitternd und fröstelnd, aber doch in seiner imposanten, patriarchalischen Gestalt, gleicht er dem Elend und der Pracht zugleich. Anton erfasst tiefe Wehmut. In seinen Augen leuchtet ein feuchter Schimmer von Rührung auf, der stets der Widerschein eines mild gestimmten Herzens ist. Schnell reicht er dem Armen seine Butterbrotstulle und als dieser dieselbe dankend ablehnt und auf den Ofen zusteuert, um zu erwärmen, da stellt ihm Klein-Anton mit Aufgebot aller seiner Kräfte einen Stuhl dorthin und heisst ihn niedersitzen. Dann eilt er in die Küche, die Mutter um einen Tee für den Armen zu bitten. Denn die Mutter ist ja so gut, sie kann ja nicht einmal ein Tierchen leiden sehen und nun gar einen Menschen! .. Aber die Mutter kommt ihm schon entgegen. Sie hat fremde Schritte im Flur und dann die Tür öffnen gehört und nun will sie nachsehen, wer denn gekommen sei. Wie sie des Juden ansichtig wird, schwillt ihr die Zornesader zum Bersten an, ihr Gesicht wird von bläulichen Adern der Aufregung durchzogen und mit vor Wut zitternder Stimme schreit sie: „Was .. .? Du Unband . . .! Wen liessest du mir ins Zimmer . . ,? Einen Juden? . . Einen verfluchten unflätigen Juden ...?... Hinaus, hässliche Judenbrut! Krepier draussen! Marsch!" Ihre Stimme versagt ihr vor Tort. Aber sie sammelt sich rasch und keift und hunzt und flucht und wettert nnd als die Tür schon zu und der Jude draussen itt, hat sich ihr Zorn noch nicht gelegt.... * Im Zimmer ist es finster geworden und Klein-Anton liegt schon seit einer Stunde in seinem Bettchen, fürsorglich eingehüllt. Plötzlich ruft er: „Muttchen!« Im nächsten Augenblicke ist die Mama an seinem Bettchen. „Was ist, mein Liebes?" „Hat Gott nur verboten, einem Tiere ein Leides zuzufügen und nicht auch einem Menschen?" „Wie kommst du denn darauf?" „Du hast ja heute früh den Armen so derb ausgefilzt und er hat dir doch nichts getan! Ist dies keine Sünde?" .Eine Sünde?" Die Mutter lacht hell auf. „O, du kleines Närrchen, dieser Bettler ist nur ein Jude, ein verfluchter Jude!* Und als sich Anton mit dieser Erklärung nicht zufrieden gibt und „es ist ja aber ein Mensch!" ein übers anderemal ruft, da fühlt sich die Mutter bemüssigt, ihn über diesen „unchristlichen* Irrtum aufzuklären. In halbwachem Zustande hört ihr Anton zu, bis tiefer Schlaf seine Sinne umfängt. Die Mutter küsst ihren Liebling auf die Stirn und verlässt lächelnd auf den Fusspiizen das Zimmer . . . Nippes. Von Max Wacher (Berlin). Der Verein. Jüngst kam ich mit einem bekannten Rechtsanwalt der Residenz zusammen, der mich sofort in seiner bekanetgeschwätzigen Art für die Gründung eines neuen Vereioes zur Wahrung der „gesamten Interessen14 des Judentums zu gewinnen versuchte. „Haben Sie bereits viele Mitglieder?*, fragte ich. „Jawohl, für den Ehrenpräsidenten haben wir einen liberalen Hof-, als Obmann einen Regierungs-, als Schriftführer einen Bau-, als Kassier einen Kommerzienrat beinahe gesichert." „Verzeihen, Sie missverstehen mich; gestatten Sie dass ich meine vorige Frage wiederhole: Die Zahl der Mitglieder?"

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