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Die Welt · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite I „bi* & weit11 Nr. 45 Karin man sagen, dass eine solche Organisation auf den Leib Herzls zugeschnitten war? Durchaus nicht, sie ist dem Charakter der Bewegung und nicht einer Person angepasst. Auch die Bestimmung, dass die fünf Mitglieder des engeren A.-C. in derselben Stadt domizilieren müssen, ist nicht mit Rücksicht auf die Person Herzls, sondern iu der Erwägung getroffen worden, dass eine so grosse Bewegung nicht von einer Körperschaft geleitet werden kann, deren Mitglieder an verschiedenen Orten wohnen. Würde diese Bestimmung aus Rücksicht auf die Person Herzls hervorgerufen worden sein, so hätte sie, wie erwähnt, lauten müssen, dass die fünf Mitglieder in Wien wohnen müssen. Nun zu den Abänderungsvorschlägen selbst. Die wichtigste Abänderung, die sowohl von I. W, Marmorek, als von Klee und Hantke vorgeschlagen wird, ist die Dezentralisierung. Die Herren werden sich vielleicht gegen diese Bezeichnung sträuben; ihr Vorschlag bedeutet aber nichts anderes. Denn wenn sie auch die Leitung formell in der Hand einer Körperschaft des A.-G. belassen wollen, so geben sie doch diesem A.-G. einen ganz anderen Charakter. Es soll aus neun Personen bestehen, die an verschiedenen Orten wohnen können und von denen jeder selbständig ein Ressort verwaltet. Die Bestimmung, dass diese Personen vierteljährlich einmal zur Beratung zusammenkommen, gibt dieser Körperschaft noch nicht den Charakter einer einheitlichen Leitung. Es sind neun leitende Personen, von denen jede zumeist unabhängig von den anderen arbeitet. Was nun in aller Welt liegt vor, das eine so einschneidendeMassregel, eine Zerreissung der zentralen- Leitung notwendig machen soll? Zwei Gründe werden dafür angegeben. Ein negativer, dass die bisherige Form nur mit Rücksicht auf die Person Herzls bestand und dass sie mit dieser zu entfallen habe; und ein positiver, dass nur auf diese Weise tüchtige Personen herangezogen werden können, die nicht zufällig in einem und demselben Orte wohnen. D^r erste Grund wurde bereits als unrichtig dargetan. Auch der zweite ist nicht stichhaltig, aber auch nicht wichtig genug, um deshalb unserer Bewegung die doch gewiss noch wichtigere zentrale Leitung zu entziehen. Er ist nicht stichhältig, weil die fähigen Leute — auch wenn sie nicht in der Zentrale sitzen — zu Rat und Arbeit herangezogen werden können, wie es auch bisher geschah (siehe Nordau, Katzeneis oh n, Co wen, Greenb e r g etc.) und weil durch das Prinzip der Besoldung, wie es schon Zangwill, Simon und Pasmanik empfohlen haben, in vielen Fällen auch das örtliche Hindernis beseitigt werden kann. Er ist nicht wichtig, weil — ein Beispiel wird es am besten demonstrieren — ein Heuwagen eher zum Ziele kommt, wenn ihn drei Bauernpferde mit vereinten Kräften in derselben Richtung ziehen, als wenn er mit neun arabischen Pferden bespannt ist, von denen jedes an seinem eigenen Strange zieht. Es stehen uns aber gar nicht neun arabische Pferde zur Verfügung! Es ist bekannt, dass wir nicht viele Genies hervorbringen, dagegen muss uns auch der Neid lassen, dass wir genügend Talente und Arbeitskräfte besitzen« Glaubt man, dass in London, Paris oder Berlin tüchtigere Kräfte als in Wien vorhanden sind, so besteht kein Hindernis, in einer dieser Städte das A.-C. zu etablieren. Das Organisationsstatut schreibt keine bestimmte Stadt vor. Es könnten übrigens — wie schon erwähnt — in einer so grossen Sache auch Uebersiedlungen herbeigeführt werden. Was die Einteilung der Ressorts betrifft, so ist deshalb eine Aenderung des Organisationsstatuts nicht notwendig. Es lässt eine solche Einteilung ganz gut zu, es verbietet sie zumindest nicht. Und tatsächlich bestand und besteht im derzeitigen A.-C. — was die Antragsteller verwunderlicherweise nicht zu wissen scheinen — eine solche Einteilung. Abgesehen von der äusseren Politik, die das Gebiet des verewigten Doktor Herzl war, hat Kremenezky Nationalfonds, Marm o r e k Presse, Kahn Kultur und Hebraikä, der Schreiber dieser Zeilen Inneres und Finanzen. In das Referat über juristische Angelegenheiten teilen sich die beiden letzteren. Allerdings wünschen die Antragsteller, dass der Kongress selbst die Vorsteher für die einzelnen Ressorts wählen soll. Ob das aber wünschenswert ist? Man sollte glauben, dass die Mitglieder des A.-C, die miteinander arbeiten, ihre Fähigkeiten für die einzelnen Ressorts gegenseitig besser abzuschätzen wissen als die Kongressdelegierten, die einmal in zwei Jahren zusammenkommen und von denen viele die einzelnen Kandidaten für das A.-C. zum ersten Male sehen. Aber die Dezentralisierung ist nicht nur nicht notwendig und nicht nützliöh, sondern sie ist geradezu gefährlich. Unsere Verwaltungsressorts können, wie schon Dr. P asm an ik richtig bemerkte, nicht ganz selbständig und getrennt voneinander geleitet werden, weil sie fast alle ineinandergreifen. Der Referent für Inneres wird so manche Aktion in einem Lande unterlassen, wenn ihm sein Kollege für Aeusseres darlegt, dass es gegen die politischen Interessen der Bewegung ist; in einem anderen Falle wird er im Einverständnisse mit dem Kollegen kühn vorgehen. Andrerseits wird der Referent für Aeusseres viel zur Verhinderung von Störungen der inneren Organisation in einem Lande beitragen können, wenn er durch ständigen Verkehr mit dem Referenten für Inneres über diese Störungen auf dem laufenden erhalten wird. Alle Ressorts, auch das politische, hängen von den Finanzen ab. Es kann nichts Wichtiges unternommen werden ohne dass man über den Stand der Finanzen informiert ist. Unsere Einnahmen und Ausgaben sind noch lange nicht so feststehend, dass man auch nur mit annähernder Wahrscheinlichkeit ein richtiges Budget aufstellen und den einzelnen Ressorts zu Beginn der Verwaltungsperiode ihre Bezüge feststellen kann. Nun sollen acht „Dezernate" selbständig arbeiten und natürlich auch über die Finanzen verfügen. Man kann sich vorstellen, was da für eine Wirtschaft herauskäme? Ob sich unter solchen Umständen jemand fände, der für die Finanzverwaltung die Verantwortung übernehmen möchte, ist mehr als fraglich. Und noch eins: Auch die genialsten Leute sind nicht unfehlbar und vier Augen sehen auch oft mehr als zwei. Durch die ständigen Beratungen der Ressortvorsteher miteinander werden deren Kenntnisse, Erfahrungen und Urteile erweitert, ergänzt, oft richtiggestellt und jeder erhält ein möglichst klares Bild über die ganze Bewegung. Das bisherige Aktionskomitee hat, abgesehen von den ordentlichen wöchentlichen Sitzungen, oft jeden Tag Beratungen gepflogen. Oft ist einer mit einer ganz bestimmten vorgefassten Meinung in die Sitzung gekommen und ist durch die Beratung mit den Kollegen und die mitgeteilten Tatsachen ganz anderen Sinnes geworden. Oft haben sich aber auch die Situationen so rasch geändert, dass man am Nachmittag einen Beschluss korrigiert hat, den man am Vormittag desselben Tages, der damaligen Situation entsprechend, fassen musste. ,

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