Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 38 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 „Di* # W^lt" Seite 13 Diese Wirkung allein suchte Dr. Friedemann, und auch er ging alltäglichen Details weit aus dem Wege. Wir wollen zur Illustration jenen Teil seines Buches erwähnen, in welchem er seinen Ausflug zu den Pyramiden schildert, wobei er deren. Verwandtschaft mit der Ewigkeit in kurzem hervorhebt, um dann länger bei dem Augenblicke zu verweilen, wo er in das vergilbte Mumienantlitz Ramses II. schaute, er, der freie Nachkomme jener Sklaven, die Pithon und Ramses bauten und die alle Pharaos der Welt trotz aller Ohnmacht um Jahrtausende überleben. Nicht als ob dem Verfasser die Gabe eingehender Beobachtung fehlte; wo es interessant ist, zieht er auch das Geringste zur Schilderung herbei und baut aus zwanzig kleinen Sätzen voller Kleinigkeiten ein gewaltiges Bild voll Bewegimg und wirbelndem Leben. Leben — das ist der grosse Wert des Buches, in welchem sich Handlung an Handlung reiht, und welches vom Verfasser so voll Begeisterung und Humor geschrieben ist, wie ihm sein echt jüdisches Herz und seine echt preussisch flotten Sprechwerkzeuge gewachsen sind. Er unterbricht sich nicht mit fachmännischen Gutachten und philosophischen Meditationen, kaleidoskopartig ziehen Küsten, Menschen und Hügel am Leser vorbei, eine lange Reihe von Besuchen beim Tagwerk der Leute und den ewigen Werken der Natur; und nur zuweilen, an den Schauplätzen unserer Geschichte, entrollt er das Triptychon des jüdischen Lebens: Die Zeitalter seiner mutigen Helden, seines heldenhaften Leides und seines gegenwärtigen Sklaventums zum mahnenden Vergleich. Man ist erstaunt, wenn man das Datum des ersten und des letzten Tagebuchblattes vergleicht — in dieser Form ist das Buch gehalten — dass der Verfasser nur knapp zwei Monate auf der Reise war; so gross ist die Fülle des Gesehenen. Die Reise geht über Aegypten, dessen Reize und Eigentümlichkeiten uns wie mit Schlagworten in einem Gedränge kleinerer und grösserer Begebenheiten geboten werden; Schiff, Hafenstadt, Hauptstadt, die Wüste und die Bauten darin sehen wir wie im Sprunge, die Landschaft mit breiten Strichen geschildert, die Menschen mit feinen Zügen. Und schon sind wir wieder ausser Landes, zu Schiff an der syrischen Küste werfen wir einen Blick ins Ghetto von Beirut, in nachtschlafender Zeit gleitet der Dampfer an den Stätten des einstigen Sidon und Tyrus vorüber, und als die Sonne des 13. April sich strahlend erhebt, beleuchtet sie — Ein Wort des Gedenkens an Herzl ist in dem Buche enthalten. Er war mit auf dem Schiffe, das nach Alexandrien fuhr. „Und drüben wandert auf eifrigem Morgengange Theodor Herzl über das Deck, der einzige, der selbst hier arbeitet/' so der Verfasser. Ueberall und immer Arbeit, das war so recht die Signatur des Lebens unseres Führers, der nach dem Spruche lebte, dass Genie Arbeit ist, der für die Zionisten das Wort prägte: „Makkabäer der Arbeit" und in Arbeit seinen Makkabäertod fand. Schlicht, kurz und ernst spricht Friedemann vom ersten Eindrucke, den die Heimat auf ihn machte. Man hat nie weniger feingeglätte Worte, als wenn man die Geliebte sieht. Aber irn Hotel hält er und Struck, die sich zur gemeinschaftlichen Reise in der Quarantänestation zusammengefunden haben, kaum einige Minuten aus, und schon sind sie auf unermüdlicher Streifung durch unser Land. Der weite Meierhof von Mikweh Israel steht an den Toren Palästinas wie eine glückliche Verheissung, dass es die erste einer unendlichen Reihe von Zufluchtsstätten der Juden vom Grimme der Völker zum Frieden des Heimatsbodens sein werde. Durch lachende Felder, an Bittir vorbei, wo Bar Kochba den letzten verzweifelten Widerstand leistete, führt die Bahn nach Jerusalem, wo die Nachkommen der unglücklichen Helden sich scheu als Fremdlinge durch die Gässchen drücken müssen. Tief wie die Wehmut beim Anblicke der Stadt ist aber die Hoffnung beim Anblicke des Landes, das sich vor den Mauern endlos dahinzieht, in Erwartung seines liebenden Dieners und Herrn . , . Reiche Schilderungen aus der Stadt, um deren Besitz aus den reinsten Gründen des menschlichen Gemütes so viel Blut vergossen wurde, schliessen in dem Buche an. Bald aber macht sich der Verfasser von dieser Stätte jüdischer Sehnsucht in das Gebiet schöner Wirklichkeit auf, in welchem das zionistische Vordertreffen mit Pflug und Hacke dem unersättlich scheinenden jüdischen Unglücke trotzig an den Leib rückt. Der Jordan und sein Meer, jüdische Gemeinden, englische Ausgrabungen, das Leben der Beduinen, der Streit der Sekten und ihre Feste haben bis jetzt den breiten Rahmen der Beobachtungen ausgefüllt. Nun aber folgt der Hauptteil des Buches, um dessentwillen er offensichtlich geschrieben wurde. Das feuilletonistische Beiwerk tritt zurück und eine minutiöse Genauigkeit wird entwickelt. Leben, Stand und Treiben der jüdischen Kolonien werden so genau wiedergegeben, als sie in der karg bemessenen Zeit des Besuches beobachtet werden, konnten. Dr. Friedemann lässt sich bei der Schilderung durchaus nicht von dem Bestreben leiten, zu Agitationszwecken die Kolonien wie Potemkinsche Dörfer herzurichten, sondern hält mit Bedauern oder Tadel in keinem Falle auf Kosten der Wahrheit zurück. Glücklicherweise ist es nicht viel des Uebeln, und die Berichte über das geistige Leben und die Tatkraft unserer Pioniere dort unten sind nur geeignet, sie als Edelreis am jüdischen Stamme mit Stolz zu bezeichnen. Es ist unmöglich, im Rahmen einer Kritik dem Verfasser auf all den Kreuz- und Querfahrten, die er in die rein jüdischen Ansiedlungen und durch das ganze übrige Palästina machte, überallhin im einzelnen zu folgen. Mit rührenden Worten spricht er endlich vom Ende seiner Brautiahrt, die seine Liebe ins Unendliche gehoben hat. Poetische Schilderungen aus der Szenerie des ägäischen Meeres, das auf der Heimreise durchmessen wird, schliessen das Buch ab. Mit aufrichtiger Freude kann dem Werke, sowohl seiner Wreise als seinem Texte, vollstes Lob gespendet werden. Wahrheit und Belehrung nach den strengsten realistischen Grundsätzen vereinigen sich mit romantischen Schilderungen voll Schönheit zu einem harmonischen Ganzen. Trotzdem Dr. Friedernann nur als Weltkind auf die Reise gegangen ist und durchaus nicht die Absicht haben konnte, ein fachmännisch erschöpfendes Referat zu schreiben, 'ist sein Buch eine reiche Fundgrube von Wissenswertem für jeden, dessen Interesse im Gebiete der Streifungen des Verfassers spielt. Auf der Höhe steht auch der schöngeistige Wert der dankenswerten Arbeit. Sie wird sicher, wie jedes gute Buch, durch Empfehlungen von Mann zu Mann Verbreitung finden, und die Kritik jedes Lesers, der den Verfasser im Geiste geleitet, wird ein geändertes Wort aus dem Faust sein: „Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren Bringt Geist und Herz Lohn und Gewinn." Nun noch Struck! Er hat reiche Schätze seiner eigenartigen grossen Kunst über das Werk hingestreut, die den Kunstfreund entzücken. Eine Serie Skizzen von lebenden und toten Objekten sind dem Texte zugefügt, und wenn wir beides einander gleichstellen, wollen wir damit den stärksten Beifall ausdrücken. Unbeschadet der Treue der Darstellung liegt in seinen Zeichnungen eine innige, starke Stimmung, ein stummes, aber doch beredtes Glaubensbekenntnis eines echten Sprossen unseres Heimatlandes. Durch all die Einfärbigkeit des Stiftes schimmert durch Strucks Kunst die mannigfache Pracht des Orients, und wo er Menschen gemalt hat, legte er ihnen Schicksal und Charakter über Stirne und Augen. Seine spezifisch jüdischen Sujets tragen den Stempel der Schwermut. Hoffentlich gibt der Zionismus dem Meister Gelegenheit, *n späteren Werken die frohe Urständ von Land und Leuten der Juden in seiner Weise auszudrücken, wenn er mit Friedemann und uns in Palästina nicht mehr Reisen macht, sondern Ausflüge. J. Upfirnny.