Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 37 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bis # W^It" Nr. 37 verheimlichen musste. Dieser mochte nicht gern seine tüchtigsten Schüler auswandern sehen und liess sich zu dem Ausspruche hinreissen : „Wer in Babylonien wohnt, ist so gut wie der in Palästina" und „Wer in Palästina wohnt, überschreitet ein Gebot", Aussprüche, die manchen Protestrabbinern speziell für sie überliefert scheinen, ohne dass sie natürlich an deren Eatstehungsgründe denken, wenn sie überhaupt an solche „Nebensächlichkeiten" denken wollen. Der belletristische Teil des Kalenders, bestehend aus mehreren Gedichten, ist schwach ausgefallen, er beeinträchtigt jedoch nicht den Wert des ganzen Büchleins, das so viel Gutes und Nützliches enthält. M. ß. Otto Krauss: Zidovsko pitanje i sionizm, Zagreb 1904. (Die Judentrage und der Zionismus.) Die zionistische Literatur in kroatischer Sprache ist wieder um eine Nummer vergrösaert worden. Herr Otto Krauss veröffentlicht eine kleine Schrift über die Judenfrage und den Zionismus. Wohl dürfen wir es mit Freuden begrüssen, wenn die Oeffentlichkeit durch gute Schriften erfährt, dass der Zionismus kein Geheimbund, keine staatenzerrüttende »internationale* Judenassoziation ist, wie noch vielfach angenommen wird — und das legt auch Herr Krauss dar — nur glauben wir, dass es nicht richtig ist, den Zionismus unklarer darzustellen, als ihn heute schon auch die jüdischen Massen beurteilen. Ich nehme allerdings nicht an, dass der Autor mit Absicht das zionistische Programm umgestaltet hat oder dass es ihm selbst nicht vertraut ist. Er stellt sich aber nicht auf den allgemein zionistischen Standpunkt, sondern betrachtet die Sache als kroatisoher Jude, dessen Hauptzweck es wäre, mit offenem Visier, das heisst als Jude, für das kroatische Volk, für das kroatische Vaterland zu kämpfen. Unsere Aufgabe, sagt er, ist, die Assimilanten Kroatiens über ihre Verirrung aufzuklären und ihnen Nationalbewusstsein einzuflössen, um auf diese Weise ein ehrliches Verhältnis zwischen Kroaten und Juden anzubahnen. „Für die Ostjuden ist allerdings der Zionismus ein Lebenszweck, mehr als ein Mittel zur Hebung der Kultur. Für mich ist das Ziel Nebensache (wenn ich mich auch über die Realisierung des zionistischen Planes freuen würde), Hauptsache ist die Bewegung, denn sie bringt Leben und ein Streben nach erhöhter Kultur." Während unser Programm die Hauptziele des Herrn Krauss als Mittel zur Realisierung des Zionismus ansieht, lehrt Herr Krauss das Umgekehrte, Doch er sagt, dass sich die Anschauungen des Menschen entwickeln. Es ist also zu erwarten, dass die Kreise, in deren Mitte die Ansichten des Herrn Krauss verbreitet sein sollten, ihre Ansichten weiter entwickeln und zur reinen Auffassung unserer Bewegung gelangen werden. Die Entwicklung des Zionismus muas wohl in Kroatien diese Form annehmen — ebenso wie in Ungarn — obwohl beide Jjänder ansonsten entgegengesetzte Wege gehen; man verlangt nämlich nationalen Selbstmord. In falscher Auffassung des Patriotismus taten sich die Juden überall hervor, wo es nötig, und noch mehr, wo es nicht nötig war, und gewöhnten derart die Kroaten an ihren lärmenden Patriotismus, den man hinnahm, ohne ihn zu glauben. Nun wäre es nach kroatisch-jüdischer Auflassung wohl Verrat, den Standpunkt klar darzulegen und zu betonen, dass man sich seiner Pflichten voll bewusst sei, und innerhalb dieser mit seiner ganzen Persönlichkeit dem Zionismus, wie er in Basel gelehrt wurde, anzuhängen. Deshalb tritt auch die lebhafte Betonung des Patriotismus für Kroatien — eine für uns Zionisten selbstverständliche Sache — in die erste Reihe, so dass die Betonung des zionistischen Ideals mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt scheint Erfreulich ist es, dass man in Kroatien auch so weit hält — die Entwicklung drängt doch vorwärts und eine Versteinerung der Anschauung ist nicht zu erwarten, dank der tüchtigen Arbeit der „Bar Gioraner". Es wäre die Pflicht des Herrn Krauss und anderer Vorkämpfer für unsere Sache, stets für neue, anregende zionistische Lektüre zu sorgen. Bedauerlich ist der in der ganzen Schrift wiederkehrende Druckfehler „zidovi" statt „Zidovi", da Völkernamen den Vorzug gemessen, gross geschrieben zu werden, „Maccabeati." (H e r z 1 - N u m m e r). Die spezielle Herzl- Nummer enthält manche interessante Artikel, darunter auch einen Aufsatz von Cyrus L. Sulzberger: Persönliche Erinnerungen an Herzl, worin er manche interessante Züge der Persönlichkeit Herzls uns vorführt. Auch ein Autograph von Herzl befindet sich im Hefte (ein Widmungsblatt vonaAltnauland", dem Andenken der Schwester Herzls, Pauüne, die im Jahre 1878 gestorben ist, gewidmet). Die Nummer, die von J. de H a a s in trefflicher Weise redigiert wurde, ist unseren Gesinnungsgenossen besonders zu empfehlen. Dante A. Lattes: Dr. Teodoro Herzl, Discorso Commemorativo, Biblioteca del rCircolo Sionistico di Trieste*. Nr. 1. Mit Vergnügen verzeichnen wir die neue Erscheinung. Die Rede ist brillant Eine wunderhübsche Sprache, eine schöne Form und tiefe, innige Empfindung. Es ist erfreulich, dass das jüdische Kulturleben unter der italienisch redenden Judenschaft sich zu regen beginnt. So ist in Bologna ein spezieller Verlag der „Iiea sionista", in dem schon wertvolle Sachen erschienen sind, gegründet worden, jetzt kommt ein neuer hinzu, der von Triest. Es regt sich! -- K. Feuilleton. Der Verteidiger Port Arthurs — jüdischer Abkunft. Die Budapester und nachher zahlreiche andere Blätter brachten in der vergangenen Woche den nachfolgenden Bericht, gegen dessen Verlässlichkeit wohl nichts einzuwenden ist: Um das Jahr 1830 kamen mit anderen jüdischen Einwanderern aus Mähren auch zwei Brüder, Chaim und Joise Stössel, nach Oberungarn, um sich dort ein neues Heim zu gründen. Ein dritter Bruder, Avram Stössel, war in der alten Heimat, in Mährisch-Meseritsch,zurückgeblieben. Chaim Stössel liess sich in Lipto-Szt. Miklos nieder, während Joise nach Jossenova (Komitat Arva) kam. Aber auch der dritte Bruder, A vram,blieb nicht 1 an ge mehr in Meseritsch; im Jahre 1835 schrieb er seinen Brüdern, daes er nach Russland ausgewandert sei. Ein Sohn dieses nach Russland übersiedelten Avram Stössel, seines Zeichens ein Goldschmied, war nun im Laufe der Jahre zur russischen orthodoxen Kirche übergetreten : sein Sohn trat in russische Kriegsdienste und avancierte nach und nach zum General. Dieser Sohn des Goldschmiedes ist nun der General Stössel, der sich durch die tapfere Verteidigung Port Arthurs gegen die rastlos anstürmenden Japaner hohen Ruhm erwirbt. Ein einziges Mal nur erhielt die ungarische Familie Stössel Nachricht von ihren russischen Angehörigen, und zwar geschah dies damals, als vor Jahren der Budapester Gerichtshof aus Aniass des Ablebens des steinreichen Budapester Arztes Dr. Szelenyi (ehemals Stössel) die Angehörigen der Familie Stössel mittels Aufrufes aufforderte, sich als Erben des reichen Nachlasses zu melden. Das zur Szelenyischen Erbschaft gehörende Szelenyi-Haus, Budapest („Cafe* EmkeK), bildet noch jetzt das Streitobjekt zwischen der jüdischen Familie Stössel und der nun schon dem Christentum angehörenden Familie Szelenyi. Soweit der Zeitungsbericht, der recht glaubhaft klingt. — Es liegt nun der Verdacht nahe, dass wir die Nachricht dazu benützen werden, um sie als Beweismaterial für die beliebte Frage „Sind die Juden tapfer?" anzuführen. Man weiss, dass in jüdischen Blättern die Notiz, die mit dem Titel „Sind die Juden tapfer?* versehen ist, mit mathematischer Regelmässigkeit wiederkehrt. Die Notiz enthält gewöhnlich die Mitteilung, dass in der Armee Napoleons I. oder Friedrichs des Grossen zwei bis drei Juden sich sehr todesverachtend benommen haben, und daraus wird dann der Schluss gezogen, dass die Juden tatsächlich und wahrhaftiglich tapfer sind. — Wir haben also, wie gesagt, jetzt gar nicht die Absicht, diese Frage hier wiederum zu stellen, sondern wir stehen auf dem Standpunkte, dass die beste Antwort auf die Frage die Gegenfrage ist: „Ja, warum sollen die Juden nicht tapfer sein?" — Es ist durchaus nicht notwendig, dass wir auf jede Frage, die von einem christlichsozialen oder teutschen Leitartikler ins Leben gerufen wird, in regelmässig wiederkehrenden Notizen Rede und Antwort stehen.