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Die Welt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R 7.—, halbjährig R 3.50, vierteljährig R 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli.—.85 Nr. 36 Wien, 2. September 1904. — 22. Elul 5664, 8. lahrgang. Gegensätze. Wann befindet sich das jüdische Volk besser — im Winter, wenn es regiert wird, oder jetzt im Sommer, wenn seine Offiziellen keine Zeit dazu haben? Das hartnäckigste Nachdenken wird dieser Frage keine Antwort bringen: Ob nichts geschieht, wenn die Herren dabei sind, oder wenn sie fern sind, ist von vollkommen gleichförmiger Wertlosigkeit. In zwei Bildern zeigen sich die Früchte ihrer Willkürpolitik zum Greifen. Einsam liegt in einsamer Gasse im neunten Wiener Bezirk ein ehemaliger Schusterladen, und ein einsames Seelchen zeigt sich hie und da an den Scheiben. Darüber eine Tafel mit mächtigen Lettern: Deutschfreisinnige Partei. Und während der Schusterladen zu gross geworden ist, werden die Lokale der Armenämter zu klein. Was die Assimilantenpolitik hat fördern wollen, ist zu einem Nichts zusammengeschrumpft, was sie hat unterdrücken sollen, ist mächtig emporgewachsen. Jetzt heisst es, den Schaden dieser alten Sünden auszumerzen. Aber die Juden, die jahrzehntelang durch die Oede des Liberalismus verführt wurden, murren nun gegen alle und jede Führung. Es ist schwer, sie wieder aufzurütteln, und diese Arbeit verträgt keinen Sommerschlaf ihrer Versorger. Die einzigen, deren Tätigkeit noch aus etwas anderem bestehr, als zwischen den Herzen der Reichen und den Taschen der Armen zu vermitteln, die Zionisten, haben ihr Feuer durch keine Hitze dämpfen lassen und sind ungeachtet aller äusseren Umstände zu bedachter Arbeit zusammengetreten. Das Aktionskomitee und die Kommissionen des -Kongresses haben die Lücken überbrückt, die in letzter Zeit im Zionismus aufklafften und haben sowohl höher gearteten Bestrebungen der Leiter als auch der nationalen Kleinarbeit die Wege geglättet. Kein Misston klang aus diesen Verhandlungen heraus. Wenn es jemals Zeiten gegeben hat, wo es schien, dass am Strange des Zionismus verschiedene Kräfte nach verschiedenen Richtungen ziehen wollten, so haben die letzten Tage bewiesen, dass diese Zeiten der Vergangenheit angehören. Weder eine persönliche noch eine sachliche Frage haben es vermocht, in dem Momente Zwist zu gebären, wo Einigkeit zum Gebote wurde. So viel Sonderanträge und -Meinungen auch bei jedem Thema einander gegenüber standen; der gute Wille, den guten Zweck zu fördern, schuf im Handumdrehen die brüderliche Verständigung. Einigkeit zwischen den Vertretern und den Vertretenen — das ist die Zauberformel, mit welcher wir die Golusnacht zu erhellen gedenken. Wer hat es vor der Aufstellung des Baseler Programmes seit Jahrhunderten wagen oder hoffen dürfen, die Juden zu gemeinsamer Arbeit aufzurufen? Wer konnte Orthodoxe und Freisinnige an einem Beratungstisch zusammenbringen? Wessen Stimme ist bis zu einem anderen Erdteil hinübergedrungen? Der Zionismus hat alle diese Wunder vollführt, und ihrer Grösse gegenüber scheint jede Feindseligkeit lächerlich. Unsere Orthodoxen haben erst jüngst einen Beweis ihrer Tüchtigkeit und Kraft gegeben, nicht der Kraft, die zum Streit m i t Juden befähigt, sondern zum Streit für Juden. Sie haben sich ihre Sonderrichtung gewahrt, so weit ihnen die Vorschriften des Kongresses dafür freie Fland liessen. Vor den ausgesprochenen Statuten der Organisation haben sie selbstverständliche, strenge Disziplin bewahrt. Wir sind stolz darauf, die Orthodoxen zugleich mit den Poalei Zion in der Organisation zu haben, die ihre Entwicklung auf der Basis des äussersten Freisinns nehmen. Unsere Orthodoxen und unsere freisinnigen Arbeiter! Welche Gegensätze — und welche Brüderlichkeit! Sie und alle die Schattierungen zwischen diesen beiden Richtungen denken nicht daran, ihre Macht in der Bewegung durch gegenseitigen Widerstand zu erhöhen, sondern nur durch die Grösse ihrer Arbeit. Orthodoxe Gegner haben den Zionismus zum Vorwurf gemacht, dass er viele Freisinnige in seiner Mitte habe, und Aufgeklärte verübelten uns die grosse Anzahl strenggläubiger Anhänger. Die Einen werfen uns vor, dass wir uns grösstenteils auf die arme Masse stützen, ihren sozialistischen Widerpart stört unser Besitzstand an bürgerlichen Elementen.

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