Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 34 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.-34 „bie & weit" Seite 15 da er sein Mittelschulstudium an einem ungarischen Gymnasium absolvierte. Eines schönen Nachmittags machte ich meinem jungen Freunde den Vorschlag, unsere freie Zeit, wenn auch nicht besser, so doch einträglicher zu verwerten, wie bisher* Top! Aber wie das anstellen? Schreiben wir ein Lustspiel. Das sei gar nicht so schwer, meinte ich. Dori lachte hellaut auf. Versuchen wir es nur, es wird schon gehen. Nach manchem Hin- und Her ging Dori auf den Spass ein. Wir schieden spät abends mit der Verabredung, am nächsten Tage den bis dahin ersonnenen Lustpielstofl zu besprechen. Dori eröffnete mir am nächsten Nachmittag, dass er, trotzdem es ihm die Nachtruhe raubte, nichts Vernünftiges erdichten konnte. Seine verlegene Miene hellte sich erst dann auf, als ich ihm das Geständnis machte, dass es auch mir nicht besser erging. So verstrichen mehrere Tage beiderseitigen fruchtlosen Nachdenkens. Endlich proponierte Theodor Herzl : unser naives Vorhaben, ä tout prix ein Lustspiel schreiben zu wollen, zu einem Lustspielsujet zu verwenden. Der Einfall gefiel mir. Also rasch zur Arbeit! Dori hielt folgenden Vortrag: Zwei nach schriftstellerischem Ruhme und nach etwas Kleingeld lechzende Freunde begeben sich in der Verlegenheit um einen Lustspielstoff in einen fashionablen Kurort. Lassen sich dort, jeder auf eigene Faust, in Liebeleien ein. Der eine findet bald Gelegenheit, sich in ein galantes Abenteuer mit einer jungen Dame zu stürzen. Die Dame ist die Gattin eines im Kurorte anwesenden, etwas übertragenen, furchtbar eifersüchtigen Ehemannes, während der andere, anstatt auch zur Bereicherung des Lustspielstoffes, wie verabredet, Liaisons nachzugehen, im Stillen gegen seinen Freund intrigiert und den wütenden Othello gegen ihn hetzt Allseits peinliche Auftritte. Szenen zwischen der Schönen, ihrem Gatten und beiden Freunden. Man fordert sich zum Duell heraus. Die Zeit des Zweikampfes ist schon festgesetzt.— Im letzten Augenblicke klätt der intrigierende Freund dem sein Vertrauen geniessenden Ehegatten die ganze Harmlosigkeit der Liebelei dahin auf, dass es sich nur um die Jagd nach einem Lustspielstoffe handelte und dass die Liebelei mit seiner schönen Gattin nur eine vorbedachte Fiktion war. — Tableau. Die Idee fand meinen Beifall. Rasch skizzierten wir das Gerippe des Lustspieles. Die Szenen wurden entworfen, die handelnden Personen getauft und die Rollen verteilt. Jeder von uns solle zu Hause seinen Part ausarbeiten und am nächsten Tage vorlesen. Herzl schrieb in hochdeutscher Mundart, mein Teil war populär gehalten, womit Herzl nicht einverstanden war; denn das Stück müsse burgtheaterfähig werden. Meine Wenigkeit hätte sich schon mit dem Karltheater, in dessen Nähe wir beide wohnten, begnügt, Herzl gab nicht nach. Er schien schon damals gefühlt zu haben, dass sein Genius zu höherem Fluge fähig ist. Ich fand die „Burg" für den Anfang zu hoch. Wir arbeiteten noch einige Tage in diesem Zwitterstile fort, denn Herzl beharrte mit einem nur ihm eigenen überlegenen und selbstbewussten Lächeln auf der „Burg". — Da ich aber vor „Parturiunt montes et nascitur ridiculus mus" zurückschreckte, so zog ich mich von der Mitarbeiterschaft gänzlich zurück. Dori las mir täglich triumphierend und glückstrahlend das Erstlingskind seiner Muse, wie es heranwuchs und prosperierte, vor. m Ich machte ihm das Geständnis, dass seine Soloarbeit viel besser ausfiel, als ich mir sie, von uns beiden geleitet, gedacht hätte. Das Lustspiel erhielt den Namen „Kompagniearbeit", wurde als Manuskript gedruckt und, soweit ich mich erinnern kann, vor Jahren auf deutschen Bühnen zur Aufführung gebracht. Theodor Herzl setzte seine juristischen Studien eifrig fort, aber da er nun einmal sein schriftstellerisches Herz entdeckt hat, schlug seine poetische Ader immer stärker und stärker, sein Pegasus kletterte, einmal angespornt, von Stufe zu Stufe, bis er wirklich burgtheaterfähige Stücke zustande brachte, und da er auch seine sonstigen schriftstellerischen Leistungen, namentlich in Feuilletons, von Erfolg gekrönt sah, dachte er ernstlich daran, die Jurisprudenz gänzlich an den Nagel zu hängen und sich ausschliesslich der literarischen Tätigkeit zu widmen. Seine Eltern, deren Hausarzt ich war, teilten mir dies stolz und zugleich besorgt mit. Ich erschrak nicht wenig, trotzdem ich die beste Meinung von Theodor Herzis genialen Fähigkeiten hatte, weil ich mir die fürchterlichsten Gewissensbisse machte, da mich das drückende Bewusstsein beunruhigte, der Missetäter gewesen zu sein, der Dori zum Schriftstellern verleitete. Zur Beruhigung meines geängstigten Gewissens blieb mir nichts anderes übrig, als den Eltern Herzis die Zweckmässigkeit, ja die Notwendigkeit zur Erlangung des Doktorates für Dori auseinanderzusetzen, weil es sich ja in erster Linie darum handelt, als Advokat eine sichere Existenz zu haben, was man einstweilen von seiner literarischen Tätigkeit nicht behaupten konnte. Sollte Dori, so meinte ich, nach seiner Promos tion zum Doctor juris schon einen so guten Namen als Schriftsteller erworben haben, dass er auf die Advokatie verzichten kann, nun, dann in Gottes Namen möge er das ihm passendere Metier wählen. Papa und Mama Herzl stimmten mir bei. Theodor Herzl war ein zu zärtlicher Mustersohn, als dass er diesen Wunsch seiner angebeteten und vergötterten Eltern unerfüllt gelassen hätte. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als mich mein jugendlicher Freund zu seiner Promotion geladen hat. Dr. Theodor Herzl widmete sich der Schriftstellerei. Wie sehr ihn sein Genius treu und richtig beraten hat, weiss alle Welt. Den letzten Sylvesterabend brachte Schreiber dieser Zeilen in Gesellschaft Dr. Theodor Herzis bei seiner von ihm wie eine Heilige verehrten und abgöttisch geliebten Mutter zu. Bei dieser Gelegenheit gab Herzl der anwesenden Gesellschaft, anscheinend im besten Wohlsein, bei fröhlichster Laune und voll Witz und sprühendem Humor unsere Kompagniearbeit zum besten. Er nannte mich den Akkoucheur bei der schweren Geburt des ersten Kindes seiner jugendlichen Muse. Wer konnte damals ahnen, dass sich dieser süsse Mund schon nach einem halben Jahre auf ewig schliessen wird! Dr. B. Beck. Briefkasten- I. R., Jousowka. Die Protokolle wurden Ihnen gesandt. Dr. B. P. Sie dürften unseren Brief erhalten haben. Dank und Gruss. R. B . . . Wil. Wir haben davon gehört. Das lässt sich natürlich jetzt nicht mehr ändern. M. M., Pozsony. Erhalten. Wird veranlasst. 5. St., Wiznitz. Es ist unmöglich, dass alle diese Kondolenzen veröffentlicht werden. Was überhaupt zu machen war, wird geschehen. Da übrigens eine peinlich genaue Zusammenstellung zwecks Anlegung einer Sammlung erfolgt, so wird das dann in Ordnung gebracht werden können. 6. K., Berlin. Ist uns nicht entgangen. Wir besprechen es übrigens auch. M. Altm., Wien. So können wir natürlich nicht auftreten. Die Mitteilung stand in einem Eingesendet, für das wir natürlich die Verantwortlichkeit ablehnen müssen.