Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 „bi* * W«lt" Seite 9 er aus, dass die Juden bloss zum Schaden der Völkerbestehen und es daher am besten wäre, wenn sie sich amalgamieren würden. Hierauf entspann sich eine lebhafte Debatte, in deren Verlauf Herr Felix Kohn den Zionisten zurief: „Tauft Euch!" Nun erhob sich ein Sturm der Begeisterung unter den Assimilanten und einigen anwesenden Kroaten — während die Zionisten ihrer Entrüstung in lauten Rufen Ausdruck gaben. Da rief ein Zionist: „Dieser Felix Kohn, der jetzt diese schmachvollen Worte ausgerufen hat, hat vor drei Tagen gesagt, als er ans Zagreb von der Prüfung zurückkehrte, dass man bei diesen Verhältnissen in Kroatien Zionist werden muss!" Und derjenige, der diese zündenden Worte gegen Herrn Felix Kohn ausrief, war niemand anderer als sein eigener Bruder. Es kam nun zu Lärmszenen, die leicht in Tätlichkeiten hätten ausarten können, deshalb sah sich Stadthauptmann G ay er veranlasst, die Sitzung aufzuheben. Für den nächsten Tag, für den 7, August hat das Exekutiv-Komitee sofort den Kongress als § 2 Versammlung einberufen, um die weiteren Beratungen ungestört fortsetzen zu können. In der Tat, der zweite Kongresstag verlief ruhig. Abiturient Ernst Fischer sprach über die Lage der jüdischen Mittelschüler in den südslavischen Ländern und Abiturient Rudolf Kohn über die Pflichten der jüdischen Mittelschüler und Abiturienten. Daran anknüpfend wurden Anträge gestellt und Resolutionen gefasst. Es kamen noch zwei Referate an die Reihe, eines über den Zionismus in Kroatien, Slavonien und Bosnien — gehalten vom techn, Arthur Spill er, das andere über den Zionismus in Serbien — gehalten vom techn. David Amar. Beide Referate hatten den Zweck, zu zeigen, weichen Umfang die zionistische Bewegung in den genannten Ländern bereits erlangte. Als Ort für den zweiten Kongress wurde einstimmig Sarajevo bestimmt. Hierauf erklärte der Vorsitzende den Kongress als geschlossen. Trauergottesdienst. Nun begaben sich die Kongressteilnehmer korporativ in den Tempel zum Trauergottesdienst für Dr. Theodor Herzl. Der schwarz drapierte Tempel war übeifüllt. Den Nachruf hielt Rabbiner Dr. Roth (Diakovo). Die Feier verliei würdevoll und ergreifend. Judische Bürgerversammlung. Am Sonntag Nachmittag fand im grossen Kaainosaal, den der Kasinoverein in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellt hatte, eine über alle Erwartung gut besuchte Bürger Versammlung statt, die von den Herren Aladar Klein, Dr. Kohlbach und Adolf Kraus senior einberufen worden war. Mit Akklamation zum Präsidenten gewählt, begrüsste Gemeinde vorstand Dr. Hugo Spitzer die Erschienenen in kroatischer Sprache, worauf der Rabbiner Dr. Lazar Roth (Diakovo) dem verstorbenen Führer Doktor Herzl einen stimmungsvollen Nachruf hielt. Nach ihm sprach Kantor A. Kiscaitzky (Osijek) in hebräischer Sprache eine von Rabbiner Dr. Roth verdolmetschte kurze Ansprache, darin auf die Bedeutung des Zionismus für die Erweckung und Verbreitung der hebräischen Sprache hingewiesen wurde. Als dritter Redner sprach hierauf der Zagreb er Journalist Otto Kraus über die Rolle, die den ihre jüdische Nationalität betonenden Juden im öffentlichen, politischen Leben Kroatiens zufalle. Auf die Anfeindungen der assimilatorischen Studenten übergehend, meinte Redner, er sei überzeugt, die jungen Herren würden bald einsehen, dass sie ihrer inneren Organisation, ihrem Temperament und Wesen nach in nationaler Beziehung nur eins sein könnten: Juden. Eine Gegenwartsfrage von leider oft unterschätzter Wichtigkeit sei es, wie wir uns dem Volke gegenüber in politischer Beziehung zu verhalten haben, in dessen Mitte wir leben. Redner halte es für eine selbstverständliche Pflicht, dass man die Sprache des Wirtsvolkes vollkommen beherrschen müsse, und für die gewährten Rechte mit Förderung der Volks- und Landesinteressen danken müsse. Der hierauf folgende Reiner Lavoslav Schick verbreitete sich über das Wesen des Zionismus, worauf Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann (Vicoritica) in geistreicher und vollendeter Weise über Zionismus und Golus sprach und begeisterten, stürmischen Beifall fand. Nachdem hierauf in einer Resolution die Gründung eines zionistischen Vereines beschlossen wurde, schloss Doktor Spitzer mit einigen dankenden Worten die für die Entwicklung unseres judischen Lebens entscheidende Versammlung. Freundsch aftsabend. Die schönen Tage fanden ihren Abschluss in einer zwanglosen Zusammenkunft, die im Stadtgarten am Abend des zweiten Tages stattfand und der ausser den Kongressmitgliedern auch Gemeindevorstand Dr. Spitzer, die beiden Rabbiner Dr. Roth und Dr. K a ufm a n n, die Redakteure desin Osijek erscheinendenkroatischenBlattes Dr. Sorkovi c und Vj. Wi 1 d er, Redakteur Otto Kraus und mehrere angesehene jüdische Bürger beiwohnten. Es würde zu weit führen, über die verschiedenen Reden zu berichteD, die von der Liebe für die Sache., die alle Sprecher durchdrang, beredt Ausdruck gaben. Lebhafter Beifall fand eine Anregung Dr. Spitzers, durch Errichtung jüdischer Internate zu verhindern, dass die jüdischen Mittelschüler vom Lande, die sich jetzt zumeist in der Pflege christlicher Familien befinden, jüdischer Denkart und jüdischem Wesen entfremdet werden» Dann wurde in einigen Reden das Thema behandelt, welche Rolle die Juden im öffentlichen Leben der Völker spielen sollen, in deren Mitte sie gegenwärtig leben. Fast wäre es zu einem Misston gekommen, als jur. Lederer betonte, er halte es für verfehlt, sich bei den Kroaten einschmeicheln zu wollen, da die kroatische Intelligenz zum grossen Teil antisemitisch sei. Dr. Spitzer erwiderte hierauf mit einiger Erregung, dass von einem „Einschmeicheln" keine Rede sein könne, dass es vielmehr von den Juden unbedingt gefordert werden müsse, die Interessen und das Wohl des Landes zu fördern, das ihnen Heimatrechte gewährte. Redakteur Otto Kraus bemerkte hierauf, dass, da die Juden alle Rechte der übrigen Staatsbürger beanspruchen, sie auch alle Pflichten auf sich nehmen müssen. Dass aber die Behauptung Lederers vom Antisemitismus der kroatischen Intelligenz nicht auf Richtigkeit beruhe, beweise die Anwesenheit zweier der besten Vertreter der kroatischen Intelligenz, der Herren Redakteure Dr. Sorkovic und Wilder, die bei keiner einzigen Verhandlung gefehlt hätten. Was Lederer als Antisemitismus bezeichne, sei vielmehr jener Antagonismus zwischen den arischen Völkern und den Juden, der doch gerade eines der besten Agitationsmittel des Zionismus sei und von Niemandem geleugnet werde. Grosses Aufsehen erregte es, als nun Dr. Sorkovic selbst aufstand und in einer glänzenden Rede seinen Sympathien für die zionistische Bewegung Ausdruck gab. Gerade er als Kroate, dessen Volk ebenfalls um seine Freiheit kämpfte, erfasste voll die ethische Berechtigung des Zionismus, und eben als Nationalkroate ziehe erdemAssimilantenden sein Volkstum stolz und frei betonenden Juden vor, da dieser auch den Kämpfen des kroatischen Volkes ein besseres Verständnis entgegen bringen werde» Nachdem stürmischer Beifall dieser doppelt anerkennenswerten Rede gedankt hatte, betonte Rabbiner Dr. Kaufmann die kulturelle Bedeutung des Zionismus, und wie durch ihn auch den kulturellen Bestrebungen der Wirtsvölker