Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „Di* # Wtli" Nr. 32 gleichzeitig mit diesem Jahresberichte ist ein Bericht des Gesundheitsamtes erschienen, in welchem die für viele überraschende Neuigkeit gemeldet wird, dass in Stppney zahlreiche Wohnungen leer stehen. Im Jahre 11*03 siüd daselbst nämlich 69 neue Häuser, darunter 18 Musterhäuser, errichtet worden, die zusammen 133 Wohnungen für 2238 Personen enthalten. Ein grosser Teil dieser Wohnungen steht nun leer und wartet seit sechs Monaten auf Mieter. Antisemitische Kurorte. In der Restauration W. R. Thomas in Karlsbad ist nachstehende Tafel angebracht: „Nur infolge behördlichen Zwanges werden Juden hier geduldet.* Der Antisemitismus in antisemitischer Beleuchtung. Wilhelm Marr, einer der antisemitischen Schriftsteller, dessen Name vor einem Menschcnalter viel genannt wurde, der aber seit längerer Zeit sich vom Parteileben fern gehalten hatte, ist am 17. Juli im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben. Wie Marr über die Vertreter des heutigen Antisemitismus dachte, darüber hat er sich einst in einem Briefe folgendermassen geäussert: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr Erzschelmenbande gefunden, als unter den heutigen Geschäftsantisemiten. Das aber dürfen Sie privatim erklären, dass ich nach 30jährigem Judeokrieg mich mit Ekel bis zum Erbrechen abwende von dem ganzen heutigen Geschäftsschwindel-Antisemitismus. Ich werde diese Behauptung nicht widerrufen.8 Personalnachrichten. Unser Gg. Herr Osias Goth- Suczawa wurde am % August mit der Tochter Toni des Herrn Rabbiners L. M L a n d a u-Bolovani vermählt. — Unser Gg. Dr. Karl Thieberger, bisher in Komotau, ist zum Rabbiner in Kopenhagen gewählt worden. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Jüdischer Volkskalender * für das Jahr 5665 (1904/5) Herausg. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Brünn. Preis K — 70. Es liegt uns nun der III. Jahrgang des so populär gewordenen Brünner Kalenders vor. Durften wir schon im Vorjahre an dieser Stelle von dieser Ausgabe behaupten, sie habe sich als empfehlenswerte jüdische Lektüre für Haus und Familie erwiesen, so kann dies mit noch grösserem Recht von dem dritten Jahrgange gelten, als er mehr darauf bedacht war, für leichteren und einem Kalender angemessenen Stoff zu sorgen, anstatt wie im Vorjahre, eine Fülle von grossen wissenschaftlichen Aufsätzen zu bieten. Denn nicht die Lösung wissenschaftlicher Probleme wird in einem Volkskalender gesucht, sondern vielmehr leichtfassliche Belehrung und Unterhaltung, die gelesen, aber nicht studiert werden müssen. Was in diesem Jahrgange geboten wird, entspricht dem Ziele vollkommen, sowohl im publizistischen als im literarischen Teile der Beiträge. Matthias Ach er handelt in klarer, kurzer und bündiger Form sein Lieblingsthema „Ost- und Westjudentf ab; er meint, der Gegensatz zwischen beiden (der ja übrigens keinem ernsten Beobachter entgangen, oder von einem solchen überhaupt in Abrede gestellt wurde!) sei nicht zu verhüllen, sondern in seiner vollen Schärfe anzuerkennen, woraus beide Teile mehr Nutzen ziehen würden und dem jüdischen Volk ernstlich gedient wäre. A. Coralnik nimmt zum Problem der Mischehe Stellung, indem er H ej e r m an s „Ghetto" und im Anschluss daran dessen „Ein Juden st reich" bespricht. Seiner Schlussfolgerung, fürchten wir, könnte böse Absicht zugemutet werden, solange die Bedingungen für ein neues, normales, jüdisches Leben nicht gegeben sind; er vergass nämlich hinzuzufügen, wie schädlich die Mischehe heute tatsächlich ist, während er nur davon spricht, dass sie unter anderen Bedingungen unschädlich „wäre". Man kann eben nicht genug vorsichtig sein. — Dr. Elias entwirft ein interessantes Bild von der Jüdischen Handwerkerschule in Mülhausen i. E., die im Jahre 1842 von der oberelsässisclien philanthropischen Gesellschaft gegründet wurde und bis zum heutigen Tage Erspriesslicbes geleistet hat, indem sie viel dazu beigetragen hat, jüdisches Handelsproletariat in Handwerker und Arbeiter zu verwandeln. Bei dem wirtschaftlichen Rückgange, in dem sich die elsässischcn Juden heute befinden, hätte diese Schule noch grosse Aufgaben zu erfüllen, zu denen ihr leider die Mittel fehlen. Ernst Gütig macht interessante Aufzeichnungen „Aus dem Prager Ghetto" und Oskar Rosenfeld spricht in einem kurzen aber schönen Essay über „Israels und Liebermann", indem er die Beziehungen der beiden Künstler zu einander aufdeckt und dann auch den Einüuss würdigt, den sie auf die emporblühende jüdische Kanstära geübt haben. Von den literarischen Beiträgen ist besonders hervorzuheben Hugo Bergmanns Aufsatz über J. Ch. Brenn er, dessen eine Skizze „Ein Opfer" er in der Uebersetzung folgen lässt. Er unterzieht die Arbeiten dieses jungen hebräischen Novellisten einer eingehenden Analyse und versucht eine Charakteristik seines Talentes zu erzielen. Originelle Dichtungen enthält der Volkskalender von Abeles, Feiwel, Zlocisti u. a., nebst einer Uebersetzung von Bialik, während die prosaische Belletristik durchwegs aus Uebersetzungen besteht. So Berdyczewskis „Auf dem Scheidewege* (übersetzt von Acher), Morris Rosen felds „Golusvision8, A. Reisens „Es wackelt" (übersetzt von Freud) und Zangwills „Das Tagebuch eines Meschumed". Es sei noch zum Schlüsse Dr. M. Zirkens Rechtfertigung der „Jüdischen Turnerschaft" erwähnt, die er gegen den Vorwurf in Schutz nimmt, dass sie aus taktischen Gründen sich noch nicht als zur zionistischen Partei gehörig bekenne. Den Abschluss bildet eine Zusammenstellung der „Gebräuche" für das tägliche religiöse Leben des ganzen Jahres vom Rabbiner J. Königsberger, die dem Kalender auch in fromme jüdische Häuser als einem nützlichen Jahrbuche Eingang verschaffen dürfte. M. B. Die „Allgemeine hebräische Enzyklopädie" schreitet in ihren Vorarbeiten, mit denen im November v. J. begonnen wurde, rüstig vor. In den Redaktionsabteilungen zu Warschau und B e rl in wird neben anderem vorzüglich an der Herstellung eines erschöpfenden Stichwörter- Registers gearbeitet, was natürlich grosse Sorgfalt erfordert. Alle Zweige der Wissenschaften mit besonderer Berücksichtigung alles dessen, was Juden und Judentum betrifft, werden in den Kreis der aufzunehmenden Artikel einbezogen. Diese Arbeit geht nunmehr ihr baldigen Vollendung entgegen. Die „Allgemeine hebräische Enzyklopädie" soll ihrer Anlage und ihrem Hauptzwecke nach nicht bloss ein Nachschlagewerk bilden, sondern belehrend sein. Dementsprechend werden auch die meisten Gegenstände nach einer neuen Methode zusammenhängend und umfassend behandelt, ohne dass dadurch der Uebersichtlichkeit Abbruch geschähe. Eine grosse Anzahl von hervorragenden Fachgelehrten in allen Kulturländern hat in dankenswerter Weise ihre Mitarbeiterschaft zugesagt. Für den sprachlichen Teil ist eine Kommission von Orientalisten eingesetzt, die den Redaktionen mit ihren fachmännischen Rat beisteht. In kurzer Zeit dürfte ein umfangreiches Probeheft erscheinen, das einige grössere und kleinere Artikel nebst einer Auswahl aus dem reichhaltigen Illustrationsmaterial enthalten wird. Auch über Plan und Umfang dieses grossen Werkes wird da ausführlich berichtet werden. Entgegen der Angabe, dass der in Budapest erscheinende „Zsidö neplap* eine Gründung einer Misrachi- Gruppe und der „Maccabäa" sei, wird festgestellt, dass der „Zsidö neplap" das Organ der ungarischen Landesorganisation ist, und von einem Presskomitee geleitet wird, welches aus Mitgliedern des Landeskpmitees und der „Maccabäa" zusammengesetzt ist.