Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 #Jbi$ £ W^It11 Nr. 32 Brief aus Ungarn. In Ungarn macht sich während der letzten Monate eine rege zionistische Tätigkeit bemerkbar, welche sich in einer verhältnismässig erheblichen Vermehrung der zionistischen Korporationen und Anwachsen' deren Mitgliederzahl dokumentiert. Es muss dies mit umso grösserer Freude begrüsst werden, als diese Erfolge trotz des gegen unsere Bestrebungen und einzelne führende Persönlichkeiten mit besonderer Heftigkeit eingeleiteten Kampfes, welcher manchmal zu nicht einwandfreien Mitteln greift, zu verzeichnen sind. Für den Monat August ist eine Konferenz der Misrachi- Fraktion nach Pressburg einberufen, um über Mittel und Wege zu beratschlagen, damit die grosse Menge streng gesetzestreuer Juden, welche durch von ihren Führern in die Welt gesetzte unwahre Mitteilungen über unsere Bestrebungen vom Zionismus ferne gehalten wird, diesem zugeführt wird. Da wird[nun ein von drei ungarischen Rabbinern gefertigtes Zirkular allerorten verschickt, in welchem der Beweis zu führen gesucht wird, dass unsere Bestrebungen — man höre und staune! — allem jüdischen Empfinden, den religiösen Geboten und anderem mehr entgegenstehen, dass der Zionismus das Grab der Thora, des Judentums sei! Es wird dann noch, wohl als besonders erschwerend hinzugefügt, „der Zionismus sei eine bloss kulturelle Strömung" und damit haben geselzestreue Juden eben nichts zu schaffen! Es hiesse Eulen nach Athen tragen, sich in eine sachliche Kritik dieses Zirkulars einzulassen. Was wir aber tiefer hängen wollen, das ist die frivole Art, in welcher diese Fehde von Juden gegen Juden geführt wird. Im Zirkulare heisst es klipp und klar: Alle Zionisten und insbesondere die Misrachi seien Betrüger und Verführer und die Pressburger Judenschaft wird davor gewarnt, diesen unberufenen Hetzern ihre Tore zu öffnen, sie wird aufgefordert, alles aufzubieten, um die Abhaltung einer solch' sündhaften Versammlung zu verhindern. Und das ißt verfasst von Rabbinern in Israel, wird in die Welt gesetzt von Seelsorgern, die ihren Gemeinden in allen Tugenden voranleuchten sollen! Was anderes ist es als jnnvptpb* wenn diese drei Rabbiner es wagen, die fünffache Anzahl von Rabbinern, welche die Einberufung unterschrieben haben, und welche ob ihrer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, ob ihres lauteren Wandels nach den Gesetzen nttffc und allgemein bekannt und geschätzt sind, wenn diese Rabbiner es wagen, alle jene, auch gesetzestreue Juden, welche dem Zionismus anhängen, als Betrüger zu stigmatisieren!? Nur diesen einen Punkt aus dem famosen Zirkulare wollten wir hervorheben. Es richtet sich in den Augen aller anständigen Menschen von selbst. (Für diese Rubrik ist die Redaktion nioht verantwortlich.) Aufruf. Die Grundidee des Zionismus war zu allen Zeiten mit dem Dasein unseres Volkes so eng und innig verwebt, dass sie bis auf den heutigen Tag einen sehr wesentlichen Bestandteil unserer Ideale bildet. Ist uns doch der Zionismus nicht bloss darum teuer, weil unserer Ueberzeugung nach eine allgemeine Besserung unserer zerrütteten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nur durch einheitliche und zielbewusste Arbeit auf nationaler Grundlage zu erreichen ist, sondern in weit höherem Grade, weil durch die zionistische Bewegung unserem geistigen Leben ein Aufschwung und der Seele der jüdischen Nation, d. i. der Wttpn i"Hlfi das ersehnte gesicherte Wirkungsfeld, die nationale Heimstätte verheissen wird. — Ganz abgesehen also von den zwingenden wirtschaftlichen und sonstigen Ursachen materieller Natur, die auf alle guten Juden in gleichem Masse einwirken, sollte diese Tatsache einen jeden, dem der Tiefstand unseres religiösen Lebens nahe geht, einen jeden, der Sinn und Interesse hat für das Aufblühen und Gedeihen der g eis ti gen Güter seines Volkes, bewegen, den in unseren Tagen wieder zur Geltung gelangenden Zionsgedanken freudig zu b egrüssen. Und namentlich der orthodoxe, gesetzeetreue Jehudi, er, der fast in jedem Augenblick seines Lebens, auf jedem Gebiete seiner Wirksamkeit es schmerzlich empfinden muss, wie sehr uns eine Stätte nottut, wo der Geist der und der im vollen Glanz erscheinen könnte, wo gesetzestreue, jüdische Lebensführung ungehemmt von dem wuchtigen Ansturm fremder Anschauungen, unjüdischer Geistesrichtungen und gefährlicher sozialen Strömungen sich frei entfalten dürfte, — gerade ihn müsste dasidealeMoment gebieterisch mitbestimmen den Zionismus, der die Wiedergewinnung unseres geheiligten Landes für das jüdische Volk bezweckt, zu seinem unveräusserlichen geistigen Besitztume zu machen, gerade er müsste sich der zionistischen Bewegung mit ganzem Herzen und ganzer Seele anschliessen. Wenn wir dennoch die beschämende Wahrnehmung machen, dass weite Kreise auch der gesetzestreuen Judenheit unbekümmert um die grosse nationale Sache sich dem Zionismus gegenüber gleichgültig verhalten, wenn wir sehen, dass viele ihn ablehnen und manche ihn sogar unverhohlen bekämpfen, — so können wir das nur erklären, indem wir annehmen, dass sie die zionistische Bewegung nicht kennen oder verkennen. Denn gar manches wird für Zionismus angesehen, was nicht dazu gehört, gar vieles wird ihm zugeschoben, wofür er nicht die Verantwortung trägt. Der Zionismus ist eine Volksbewegung und seine Anhängerschaft setzt sich naturgemäss aus allen Klassen und Schichten des Volkes zusammen, somit auch aus solchen, die in einer traurigen, dem Zionismus vorangegangenen Zeit dem Judentume und seinen Traditionen entfremdet wurden und nicht auf dem Boden der gläubigen Gesetzestreue stehen. Begreiflicherweise suchen nun auch einzelne aus diesen Kreisen, ihre mitgebrachten unjüdischen Anschauungen mit dem Zionismus zu verbinden, sie scblecnt und recht mit ihm in Einklang zu bringen, und womöglich auch geltend zu machen. Auf solche Weise wird in der „öffentlichen Meinung" zuweilen als Zionismus ausgegeben, was dem jüdischen Gesetze und den jüdischen Traditionen widerspricht, — was aber in Wahrheit genau der Gegensatz von Zionismus ist. Nur diesen beklagenswerten Erscheinungen können wir es zuschreiben, dass die ehrlichen und aufrichtigen Gesetzestreuen noch nicht alle unserer Bewegung zugetan sind. Diesem Uebelstande abzuhelfen, haben sich in Russland die gesetzestreuen Zionisten vereinigt und auf Basis des Baseler Programmes einen Verband mit Namen „Misrachi" gegründet. Die Aufgabe des Verbandes ist: als festgefügte Organisation der gesetzestreuen Zionisten den Standpunkt der G evsetzestreue innerhalb des Zionismus zu wahren und zu vertreten, die zionistische Idee in ihrer Reinheit zu pflegen und zu fördern, alles Unjüdische, alles, was der heiligen Lehre und den jüdischen Traditionen nicht entsprich t?vomZionismus fern zu halten, die gesetzestreue Judenheit für den Zionismus zu gewinnen und so allen Gesetzestreuen Gelegenheit zu geben, ihren heiligen Eifer und ihre Begeisterung mit ruhigem Gewissen in den Dienst des grossen