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Die Welt · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Blätter meldeten die entsetzlichen Einzelheiten des grausen Ereignisses, sie erzählten von der beständigen Angst des Getöteten, der ein so gewaltsames Ende stets befürchtete, und sie berichteten von den Verstumme* lungen des Körpers, der als fast unkenntlicher Rumpf auf die Strasse zu liegen kam. Die politischen Betrachtungen, die sich diesen Schilderungen der furchtbaren Tat eines politisch Verzweifelten anschlössen, stimmen alle so ziemlich überein. Keine grosse Zeitung, die für die Tat nicht nur den Fanatismus eines Einzelnen, sondern auch die politischen Verhältnisse Russlands verantwortlich macht. Die Sucht, in einem grossen Reiche, das 120 Millionen Einwohner zählt, den Geistern eine Meinung uni Art aufzudrängen, der unverhüllte Mangel an Gedankenfreiheit und nicht zuletzt die anderwärts schon längst ausgeschalteten harten Mittel, mit denen die Regierungsgrundsätze durchgeführt werden sollten, dies alles ist durch die Ermordung des allmächtigen Ministers wieder grell in die Erinnerung zurückgerufen worden. Minister von Plehwe hatte viele Feinde — er hat sie sich selbst geschaffen. Das Schicksal eines grossen Reiches war in seine Hand gegeben und anstatt zu zeigen, dass ein Land wirklich die Mutter verschieden gearteter Kinder sein kann, machte er die mütterlichen Liebesbevveise abhängig von der geforderten unmöglichen Kniebeuge der Kinder. Ihm, der die Macht gehabt hätte, die freien Bestrebungen aller Bewohner des grossen Zarenreiches, sowohl der Russen als der Nichtrussen zum Nutzen des Staates zu vereinigen, war es lieber, einen unermesslich grossen Teil der Kräfte des Staates zur Niederhaltung von Bürgern zu verwenden. Speziell uns Juden war Plehwe stets ein unerbittlicher Feind gewesen. Er, der die Macht besass, unser Volk, soweit es im russischen Reiche wohnte, zu drücken, hat diese Macht immer schranken* los ausgeübt. Er hat über die Juden Russlands grausam geherrscht, ohne sie zu kennen, ohne sie zu verstehen, und ohne sich nur die geringste Mühe zu geben, ihr Wesen kennen zu lernen. Die Art der Juden, sie galt ihm als eine schlechte, nicht weil ihre Schädlichkeit sich gezeigt hätte, nein, weil sie mit dem unabänderlichen Uebel belastet war, dass sie nicht russisch war. Er war von den seichtesten Gedanken über das Judentum erfüllt. Die guten Eigenschaften der Juden, die auch er anerkennen musste, sie dienten ihm, wie schon seit Jahrhunderten den Regierenden, dazu, die Gefährlichkeit der Juden zu beweisen, und die angeblich schlechten Eigenschaften der Juden waren ihm natürlich ebenfalls ein Vorwand für ein strenges Vorgehen gegen unser Volk. Jüdische Intelligenz, jüdische Lernbegier, jüdische Sparsamkeit und Enthaltsamkeit, sie dienten ebenso zur Motivierung grausamer Spezialgesetze gegen die Juden, wie die angebliche Scheu vor schwerer Arbeit. Ihn belehrte nicht die tausendjährige Geschichte, dass die Juden ein unbeugsames Volk sind, von dem sich zwar Veräterseelen um materieller Vorteile willen loslösen, das in seiner Gesamtheit aber sein Volkstum nie vergisst. Und Plehwe Hess sich von dem Anblick dieser veräterischen Gestalten täuschen. Er sah nur, dass die Erschwerung der materiellen und moralischen Existenz einzelne von ihrem Volke riss und glaubte mit Strenge und Härte das ganze jüdische Volk niederhalten und beugen zu können. Auch den scheinbaren Widerspruch begriff er nicht, der zwischen der Haltung des jüdischen Volkes als Ganzem und der Haltung des einzelnen Juden be* steht, er wussste nicht, dass die Stärke des jüdischen Volkes in seinem Volkstum liegt, und dass der Einzelne gegenüber den ungeheueren schrecklichen Mitteln, die Jahrhunderte lang angewendet werden, scheu und ver^ schüchtert werden musste. Er sah ein grosses, für sein Volkstum tapferes Volk, dessen einzelne Mitglieder ihm aber doch stets als Feiglinge erschienen. Er verstand das Wesen und den Heroismus des passiven Widerstandes nicht — bis der Mann kam, der ihm das Rätsel zu lösen schien.

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