Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 26 „bie $ weit11 Nr. 30 Die antizionistische Zeitung „Archives Israelites" schreibt: „ . . . Man weiss, was wir von der edlen, aber schwärmerischen zionistischen Bewegung, die gegen so viel unüberwindliche Hindernisse zu kämpfen hat, denken- Wenn es aber einen Menschen gegeben hat, der die Bewegung wenn auch nicht bis zum Endziel, so doch wenigstens auf den Weg zu einem, wenn auch weiten Erfolge bringen konnte, so war es sicher Dr. Herzl. Ein überlegener Geist, fähig zum Handeln, ein unternehmender und kluger Diplomat, hatte er alle Fähigkeiten, den Zionismus aus seiner Untätigkeit, in der er sich hinschleppte, ans Tageslicht zu fördern. Dr. Herzl hat durch seine unentwegte Ergebenheit gegenüber seinen unglücklichen Brüdern, durch die beredten Worte, in denen er Ihren berechtigten Klagen Ausdruck verlieh, das Judentum sehr iu Ehren gebracht , . Im ,.Haschofaru dem spaniolischen Organ der bulgarischen Juden, schreibt Dr. Rimalo wsky einen Trauerartikel über Herzl. Die markantesten Stellen sind folgende : „Dr. Herzl starb an der Krankheit des Herzens! Ja, er gab sein Herz seinem Volke und starb für dieses .... Wie lebendig steht er vor meinen Augen, eine königliche Gestalt, wie sie kein König in der Welt besitzt. Ein rascher und feuriger Blick, der in das Innere des Herzens hineindringt; ein überzeugendes und siegreiches Wort! Auf der Kongresstribüne, in den Bänken der Delegierten, sogar in den Wandelgängen des Kongresshauses, immer und überall war Dr. Herzl der Mittelpunkt, das Zentrum, von dem aus alles sich bewegt. Und wenn ich diesen Herzl angeschaut habe, erfüllte mich eine unendliche Freude: „Er ist unser", sagte ich mir, „er gehört zu uns Juden". Und immer schien es mir, der Saal des Kongresses wäre zu klein, das Publikum zu gewöhnlich, ich hätte gewünscht, dass die ganze Welt komme, und den Schatz sehe, den wir besitzen. Mögen sie alle kommen, mögen sie alle sehen, sehen und sagen: haben auch sie solche Menschen wie er einer ist? Ich war sicher, dass nicht .... Aber ach, da kommt der unsichtbare Gast..... Und ich frage mich mit Schrecken : Musste gerade dieses Leben abgeschnitten werden? Musste gerade dieses Opfer aus der Mitte des jüdischen Volkes, das so arm an Genies und so reich an Schmerzen ist, fallen?..... Es sterben Fürsten und Könige und geistige Oberhäupter, es sterben auch Genies, aber unser Verlust ist unvergleichlich grösser. Nicht durch Erbschaft, nicht durch Wahl ist Herzl unser Führer geworden. Ohne Einladung kam er, rollte die jüdische Fahne auf.....und Niemand konnte sich einen Führer vorstellen ausser Herzl..... Oh, unvergesslicher Führer! Dir werden für ewig unsere Herzen gehören! Dein Beispiel wird uns eine Leuchte in der Zukunft sein, gleich dir werden viele Tausende Streiter ausrufen, bis sie deinen stärksten Wurden erfüllt haben werden : Alle unsere Kräfte für unser Volk! Das Lemberger Tagblatt „Dzien" (Der Tag): . . . Herzl vermochte es, um sich Alles und Alle zu sammeln, ja was das Wichtigste ist, er vermochte die zionistische Idee im Volke zu verbreiten, in den Massen, die bis dahin gleichgültig oder feindlich sich verhalten hatten. . . . Herzls Zionismus nivellierte alle Unterschiede der Anschauungen und Ueberzeugungen im Judentume und überbrückte die Kluft zwischen reichen und armen Juden. Mit dem Wachsen der Idee wuchs auch Herzls Einfluss; im Volke wuchs er bis zur Vergötterung heran, man sah zu ihm mit Begeisterung hinauf, wartete auf seine Winke, man glaubte an seine Arbeit — und er arbeitete, wurde von gekrönten Häuptern, vom Papste und vom Sultan empfangen. Er schuf Vertretungen des jüdischen Volkes in der ganzen Welt, eine Institution, von der niemand auch nur zu träumen wagte; weder König noch Minister, trat er in Verhandlung mit der englischen und türkischen Regierung; als Werkmeister am Webstuhle der Politik beflügelte er das Rad der jüdischen Geschichte . . . Er fiel in der Mitte des Weges als Kämpfer — der erste Jude grossen Stiles nach Don Josef, Herzog von Naxos. Den Herzl der „Neuen Freien Presse" wird bald jemand ersetzen; ob auch die jüdische Welt Ersatz finden wird '? * * * Aus dem Wschöd: Herzl ist nicht mehr! Jüdisches Volk — Herzl ist nicht mehr! Israel — dein Führer, dein Erlöser — lebt nicht! Armes jüdisches Volk! Präge es deinem Gedächtnis ein, merke und höre es: Er schaute — dein Land von den Bergen Gileads bis zu den Ebenen Efraims. Und gen Süden reichte sein Blick, gegen die Palmenstadt, gegen Zoar. Und gegen Westen, gegen die Städte des Elends und der Opfer der Zerstreuung . . . Und er liebte dich so, wie dich bisher niemand geliebt hat — gehasstes Volk! Und er erfüllte dich mit einer Hoffnung, wie du sie niemals gehegt — verzweifeltes Volk! Er, der Einzige, Geliebte, Grosse der Nation. Uaser Auserwählter, unser Führer unser Vater! Du hast Theodor Herzl verloren! * * * Und es entstand nie in Israel ein Prophet gleich Moses. * * * Es entstand in Israel — Theodor Herzl. Die Verkörperung, Verwirklichung der Träume von Jahrhunderten . . . Er beherrschte Millionen Seelen . . . Er, das Kind unserer Tränen, unserer Schmerzen, unseres Leids. Er, der den Weg gebahnt aus den Wirrnissen des Golus zu den lichten Gefilden des Vaterlandes. Theodor Herzl ist nicht mehr! * * * Ist es wahr? Ist es möglich? Die schmerzerfüllte Seele sträubt sich gegen diese niedrige, brutale Tatsache. Den Lippen drängen sich Worte der Lästerung auf. . . Wie ist es? Dieser Mund, der Wort der Erlösung verkündet - ist er für immer, verstummt? Dieser feurige, gleichsam wie von einem Nebel umhüllte Blick, der weinen konnte an den Gräbern von Kischenew, der befehlen konnte der jüdischen und zionistischen Anarchie, dieser im Schimmer neuer Sonnen erglänzende Blick — ist er für immer, unwiderruflich erloschen? Und dieses Herz, so empfindlich und gerührt von dem unsagbaren Schmerze der Millionen, dieses Herz, in welchem eine überirdische, engelreine Seele wohnte, dieses Herz sollte für immer stillstehen? Weshalb denn, o unbarmherziger Gott, hast du uns so hart gestraft, so unsagbar hart? Weshalb? .. . Vergeblich wiederhole ich es mir: Theodor Herzl lebt nicht mehr! Dumpfe, klanglose Worte. Mein Hirn fasst sie nicht, mein Herz zerreisst ein wilder, grausamer Schmerz. Vor mir ist eine Leere, eine verzweifelte Leere. Als ob alles Licht der Welt erloschen wäre . ♦.