Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Für das Ausland: DU£Uyo|JI ClOC- Deutschland ganzjährig Mk, 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.— halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli, —.85 Nr. 30 Wien, 22. Juli 1904 — 10. Ab 5664, 8. Jahrgang. „Tröstet, tröstet mein Volkl Unser Trauertag ist vorüber, unsere Trauerzeit ist geblieben. Seit tausend Jahren und fast wieder tausend Ilaben wir geklagt am neunten Ab und jetzt müssen wir klagen wie ehedem; denn noch ist unseres Volkes Unglück nicht gewichen und unser Heiligstes in Trümmern. Und heilig ist uns alles im Lande der Väter, nicht der Tempel allein. An der düstern Wand, die schon so viel Tränen getrunken, hängen unsere trauernden Blicke, an den armseligen Trümmern der Hallen, die einst in stolzer Pracht die Völker mit Ehrfurcht erfüllten, an der verfallenen Stadt, an dem verwüsteten, verkommenen Lande. Und all das vergossene Blut und all. die bitteren Tränen umsonst, unseren Feinden eine Freude, vielen Brüdern selbst ein Spott! AVehe Zion und seiner Stätte! Von tausend Hoffnungen umklammert, konnte es nicht ganz verschwinden und doch auch nicht aus seiner Zerstörung wieder erstehen. Schon wollten sie es verloren geben, die nur auf Taten sehen und nicht auf Tränen. Da stand das Volk von neuem auf, und, als ob es ihm gestern erst genommen worden wäre, erhob es seine Stimme und verlangte nach seinem Lande. Er aber, unser Führer, schuf seinem Volke den Platz, von dem aus es mit Ernst und AYürde sein Recht gelte])d machen konnte, wie nie zuvor. Unser Führer! Wie; liebte er dies Volk, wie sehnte er sich nach dem Lande! Mit seinem feurigen Geiste, mit seinem tief ergebenen Herzen hielt er beide umfasst und trug ihre Seh merzen mit der Wonne, wie sie nur selbstlose Liebe gewährt. Beide wollte er erlösen, Volk und Land, und keine Stunde verfloss ihm, in der er nicht seines Zieles dachte und ihm nachstrebte. Er liebte dieses Ziel, das so viele verlachten. Die Vielen, „Die da sprechen zu den Sehern: Sehet nicht! und zu den Schauenden: Offenbaret uns nicht AVahrhcit! Redet zu uns glatte Reden, offenbaret uns Täuschungen!" Er aber glaubte an sein Volk und an die Erlösung des Landes, und dass sie nur so lange im Elend bleiben, „bis ein Geist aus der Höhe sich über sie ergiesst". Und diesen Geist wollte er uns bringen und hat er uns gebracht. Es war der Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, des Mutes und des Selbstvertrauens. Er hat uns gestärkt und erhoben und uns im Zukunftsbilde unser Volk in Friedenswohnungen gezeigt und unser Land in seiner Blüte. Da wurde unsere Sehnsucht flammender und sog unsere Tränen auf, dass wir klaren Blickes unseren Weg sehen und selbst unserem Elend mutig ins Auge schauen konnten. Und wenn wir am neunten Ab unsere Trauer der unseres Volkes einten, so wurde unser Wunsch nur brennender, unsere Hoffnung noch zuversichtlicher^ dass wir diese Trauer in Freude wandeln würden. So hat er unserem Leben Kraft gegeben und Schönheit, unserem Volke aber neue Hoffnung auf die Zukunft. Da kamen wieder die Trauerwochen. Und sie nahmen uns unseren Führer. O, des ungeheueren, des unerträglichen Schmerzes! AVehe ob der erloschenen Leuchte, die unseren Weg erhellte, unser Ziel verschönte! Wehe ob der Liebe, die uns gestorben, ob der Kraft, die uns entschwunden! Heisser flössen unseres Volkes Tränen an dem alten Unglückstage, und schmerzlicher als je tönten seine Klagen. Wir aber standen tränenlos. Zu viel hatten wir zu ertragen, dass wir noch weinen konnten, zu viel, um laut zu klagen. Aber tiefer noch wurde unser Erbarmen und heisser noch unser AVunsch nach dem Frieden. Und wir dachten dessen, Avas er als heilige Pflicht gesehen und uns eingeschärft hatte. Und es war uns, als ob wir seine Stimme hörten: „Der Herr zürnte mir um euretwillen und hörte nicht auf mich. Ich durfte nicht hinübergehen, dass ich sehe das schöne Land, das jenseits des Jordans, dies schöne Gebirge und den Libanon. Ihr aber seid meine Schüler. So gehet und tröstet, tröstet die Trauernden." So aber hat schon vor ihm ein Grosser gesprochen: „Tröstet, o tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihm zu, dass erfüllt ist seine Leidenszeit, dass seiner Schuld genug getan, denn es hat aus der Hand des Herrn doppelt empfangen für alle seine Sünden." Und wir sammelten unseren Mut am neunten Ab und wir rufen nun unserem Volke zu: „Er ist von uns gegangen, aber sein Geist hat uns nicht verlassen, sein Vermächtnis wird uns nimmer schwinden. Nicht ermatten wollen wir