Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316102--45907-3340736- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. „bis $ Welt11 Seite 23 gegenüberstanden, haben niemals unterlassen, seine stets unveränderliche Liebenswürdigkeit und sein offenes Wesen anzuerkennen. Dies ist keine geringe Anerkennung für jemand, der wie Dr. Herzl in einem ununterbrochenen Kampfe stand, welcher mit Notwendigkeit starke Antipathien hervorgerufen und wider ihn viele politische Gegner aufstehen liess. Es ist auch nicht möglich, die Tatsache zu ignorieren, dass die Krankheit Dr. Herzls eine direkte Folge der wundervollen Selbstaufopferung um seiner Brüder willen ist, und besonders um jener willen, die unglücklicherweise in Unterdrückung und Knechtschaft leben. Obgleich wir hoffen, dass es nur ein vorübergehendes Leiden ist, so nniss doch der Ausgang seiner Krankheit eine ernste Sache für die zionistische Bewegung sein, weil er immer ihr Herz, ihre Seele und ihr eigentliches Leben gewesen ist. Ob es vernünftig von ihm war, so viel Arbeit in der Bewegung in seinen eigenen Händen zu konzentrieren und so viel direkte und persönliche Verantwortlichkeit zu trage]], wollen wir jetzt nicht untersuchen; aber es scheint uns, dass bei so zahlreichen, aufrichtigen, tüchtigen und ergebenen Anhängern der Bat J ethros an Moses ein derartiger war, dass er ihn hätte veranlassen sollen, ihn im Interesse der Bewegung in ernstliche Erwägung zu ziehen. Das Judentum hat wenig Männer von der Bedeutung Herzls und es ist nicht recht, dass seine Kraft so ungebührlich rasch verbraucht wird. Ohne Zweifel ist die Anstrengung infolge der Misshelligkeiten wegen der ostafrikanischen Frage die unmittelbare Ursache der Erkrankung Dr. Herzls und es ist zu wünschen, dass Mittel gefunden werden, wenn sie noch nicht gefunden sind, um weiteren schädlichen Einflüssen in dieser Beziehung vorzubeugen. Die Juden der ganzen Welt vereinigen sich in ihren Sympathien für Dr. Herzl in seiner Krankheit und in den innigen Wünschen für seine baldige Wiederherstellung. „Daily Telegraph": „Aus Edlach bei Beichenau kommt eine Nachricht, welche mit aufrichtigem Bedauern aufgenommen werden wird. Dr. Theodor Herzl, der Begründer der zionistischen Bewegung, ist tot. Er starb im frühen Alter von 44 Jahren an einer Lungenentzündung. Er lebte nicht lange genug, um die glänzende Erfüllung seiner Mission zu sehen, das Bestreben, das nichts weniger oder mehr war, als die Wiedervereingiung des jüdischen Volkes in Palästina. Aber es gelang ihm, andere aus seinem Volke mit seinem eigenen Enthusiasmus zu erfüllen. Niemand kann sagen, was sein Verlust für die Bewegung bedeuten wird, aber diese ist längst hinaus über das Stadium, welches wir als ein Stück mit einer Glanzrolle betrachten und es ist kein Mangel an geeigneten Führern, um sein Werk weiter zu führen . . . Im Jahre 1895 war es, wo er ernsteren.Dingen sich zuwandte und seiner Ueberzeugung Ausdruck gab, dass ein neuer Exodus wünschenswert und notwendig für seine Glaubensgenossen sei. Es ist kein Zweifel, dass die Dreyfus- Affäre eine von den Grundursachen war, die ihn zu dieser Ueberzeugung drängten. Aber die Dreyfus-Affäre selbst war ja nur ein Teil der weit über Europa verbreiteten antisemitischen Bewegung. Man kann sagen, dass es mit der einzigen Ausnahme von England in Europa keinen Grossstaat gab, in welchem der Antisemitismus nicht etwas mehr als ein Kassenvorurteil war, sondern tatsächlich das Programm einer politischen Partei. Charakteristisch war nur das Originelle in dem Vorschlage des Dr. Herzl, denn die Hirsch-Kolonisations-Gesellschaft war bereits vorhanden, um verfolgten Juden aufzuhelfen, in die neue Welt zu wandern. Und davon wurde grosser Gebrauch gemacht. Aber H e r z 1 sah bald, dass er nicht imstande sein würde, grossen Enthusiasmus hervorzurufen, wenn er nicht an die ausschliesslich nationale Idee c.er Juden appellierte und er publizierte im Jahre 1896 soine berühmte Broschüre „Der Judenstaatu, in welcher er auf Palästina als den natürlichen Wohnsitz des jüdischen Volkes hinwies, den aufzurichten er als seine Aufgabe auf sich nahm. Nach diesem Plane sollten die Juden ihr nationales Leben wieder einmal in Palästina aufnehmen, in einem neuen Staate durch Zahlung eines Tributes an den Sultan, unter dessen Souveränität und dessen Zustimmung. Die heiligen Stätten sollten exterritorial werden, um die Empfindlichkeit der christlichen Mächte zu schonen, und der neue jüdische Staat sollte auf der Basis von Chartered-Compagnien geführt werden. Die Broschüre stiess auf vielen, unglaublichen Skeptizismus der cliristlichen Welt und die Führer der jüdischen Passe hiclien sich fern. Aber sie wurde mit wunderbare]]) Enthusiasmus von den. bedrängten Juden Europas aufgenommen, welche der Verheissung eines neuen und besseren Zustandcs ihrer Existenz zujubelten; und auch von den jüdischen Idealisten und Schwärmern wurde dieses Wort in seiner besten Bedeutung aufgefasst, denn die zionistische Bewegung war eine nationale Bewegung. Ob der Zionismus ein praktisch undurchführbarer Plan ist, brauchen wir hier nicht zu untersuchen. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand und. die Hindernisse, die zu überwinden sind, scheinen umso im übersteigbarer zu sein, je mehr man sie im Lichte der Vernunft betrachtet. Aber was das Interessante in der zionistischen. Bewegung ist, das ist, dass manche hervorragende Juden, besonders von grosser literarischer Bedeutung sich ohne Bedenken Dr. Herzl anschlössen und ihn dabei unterstützten, den ersten Zionisten-Kongress in Basel zustande zu bringen, der ein ungeheurer Erfolg war. In einigen Jahren erreichte der Zionismus die Ziffer von 200 000 Anhängern und Dr. Herzl wurde von den idealistisch angelegten Glaubensgenossen als der „moderne Moses" betrachtet, der ausersehen ist, die jüdische Basse wieder ins gelobte Land zurückzuführen. Er wurde vom deutschen Kaiser, vom Sultan in mehreren Audienzen empfangen, wohnte der Friedenskonferenz im Haag bei und reiste in der grossen Welt herum, für sein grosses Werk wirkend. Als der Zionisten-Kongress in London zusammentrat, wurde ihm eine ausserordentliche Ovation zuteil und vor einem Jahre erst erhielt er von Seite der britischen Regierung das Anbot eines grossen Landstriches in Britisch-Ostafrika für eine jüdische Siedlung unter englischer Souveränität. Sein Tod ist ein grosser Verlust für die Sache, denn er war ein Mann von grosser persönlicher Anziehungskraft und ein geborener Führer eines Volkes.4* Der „Berliner Lokalanzeiger" vom 5. Juli schreibt: Theodor Herzl, der Wiener Schriftsteller, der, wie wir gestern meldeten, im Alter von 44 Jahren verstorben ist, wird nicht nur von den „Zionistcn" betrauert werden, die zu ihm, der machtvollsten und zugleich interessantesten Persönlichkeit jener seltsamen Bewegung, wie zu einem Messias aufblickten. Auch die deutsche Bühne hat Ursache, das Hinscheiden des tüchtigen Mannes zu beklagen-- In der „AViener Reichswehr" veröffentlicht Leopold Lipschitz ein Feuilleton, dem wir folgendes entnehmen.: „Seine geistige Toilette war immer sorgfältig gewühlt, selbst im gewöhnlichen Umgang und bei belanglosem Gesprächsthema. Er beherrschte die Sprache wie ein orientalischer Rajah seine Lieblingssklavin, und es machte ihm Vergnügen, mit ihr zu prunken, sie in strahlendster Schönheit zu zeigen. Wenn er gut gelaunt war, jriauderte er Feuilletons. Er gehörte zu den seltenen Geistern, die einen noch beschäftigen, wejm man ihnen den Bücken gekehrt hat. Eine gelungene Redewendung, ein leuchtender Gedanke, ein blitzendes Apercu blieben zurück und man kam so leicht davon nicht lus. Mit dem Gros der Menschen wird man rasch fertig. Jeder hat eine Walze oder deren zwei und die schnurrt er regelmässig wieder ab. Ein paar kleine Gedanken, die ans dem Berufskreis hervorgewachsen sind, das Bisschen ange-