Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 „bie & weit« Seite 5 Die Krankheit Dr. Herzls. Die Krankheit Dr. Herzls, eine Herzmuskelentzündung, hat gewiss schon seit Jahren ihr Vernichtungswerk begonnen. Dr. Herzl litt schon seit längerer Zeit an Herzbeschwerden, die er aber mit grosser Energie selbst seiner nächsten Umgebung zu verheimlichen wusste. Seine intimsten Freunde hatten mit grossem Schmerz zu konstatieren, dass er schon während des dritten Kongresses so litt, dass er gezwungen war, gegen seine Beschwerden ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die ununterbrochenen Aufregungen, denen er durch seine rastlose Tätigkeit ausgesetzt war, waren gewiss nicht geeignet, sein Leiden zum Stillstand zu bringen. Vor zwei Monaten haben sich seine Leiden so sehr gesteigert, dass er gezwungen war, auf Anraten der Aerzte seine Tätigkeit aufzugeben und nach Franzensbad zur Kur zu reisen. Er kam von dort nicht gebessert zurück und suchte nun in dem stillen Edlach am Semmering Heilung. Hier schien anfangs sein Zustand sich zu bessern, doch traten plötzlich vor 14 Tagen schwere Erscheinungen von unregelmässigen Funktionen des Herzens auf, mit all ihren fürchterlichen Qualen und Beschwerden. Er litt sehr an Atemnot. Doch gelang es der aufmerksamen Behandlung seiner behandelnden Aerzte und der wundervollen Pflege seiner Frau, die wochenlang allein um den Kranken war, teilweise der Beschwerden Herr zu werden, und wieder schöpften seine Intimen Hoffnung, dass das Unheil abgewendet werde. Er spazierte sogar im Garten herum. Dies sollte auch sein Unglück werden. Wahrscheinlich durch eine Erkühlung wurden am letzten Samstag die Zeichen einer Lungenentzündung konstatiert. Das arme, geschwächte und kranke Herz — dies wurde den Aerzten sofort klar — war nicht imstande der neuen Erkrankung Widerstand zu leisten. Die Nacht von Samstag auf Sonntag war sehr schlecht. Der Kranke war sich seines schweren Zustandes bewusst und er, der seiner Mutter bisher sein schweres Leiden zu verschweigen gewusst hatte, bestand darauf, dass diese und seine beiden jüngsten Kinder aus Aussee rasch berufen werden. Am Morgen des Sonntags traten plötzlich Zeichen von Gollaps (Verfall der Kräfte) ein. Ununterbrochen wurden dem Kranken Kampfer-Injektionen gemacht und seine Worte waren: „Werde ich noch meine Mutter sehen?" Nachmittag trat auffallenderweise eine so bedeutende Besserung ein, dass man meinte, der Kranke werde sich dennoch aus dieser schweren Attake befreien. Als seine Mutter kam, konnte er sie und seine Kinder noch umarmen, er war ruhig und fast guten Humors. Gegen 3/*5 Uhr drückte er den Wunsch aus, etwas zu schlafen. Dr. Werner, sein treuer Pfleger in den letzten Tagen, der mit ihm allein im Zimmer war, wandte sich für einen Augenblick ab, als er einen tiefen Seufzer hörte. Als er sich rasch umwandte, tat unser Führer seinen letzten Atemzug. Die letzten Tage. „Das Meer — weisst Du denn, wie ich es liebe! Im heissen Sande liegen und stumm hinausschauen. Und gesund werden, gesund! Das soll dann ein Leben werden, wie Du es noch nicht gelebt hast lu So sprach er^ noch wenige Tage vor der geplanten Reise zu seiner treuen Pflegerin. Auch wir waren hoffnungsvoller und erwarteten mit Sehnsucht den Freitag, an dem er in Wien ankommen sollte. Da kam mittags eine Depesche an Oskar Marmorek, er möge sofort mit zwei Aerzten nach Edlach kommen, da sich das Befinden Herzrs durch einen quälenden Husten verschlechtert habe. Als ich zu Marmorek kam, um mit ihm zum Bahnhofe zu fahren und den Grund des plötzlichen Aufschubes erfuhr, war ich sofort sehr besorgt. Wir beschlossen ausser dem Hausarzt Dr. Bondi den der Familie befreundeten Dozenten Dr. Gustav Singer an das Krankenlager zu bitten. Mit fieberhafter Ungeduld warteten wir den Abgang des Zuges ab, der uns, Marmorek, Dr. Singer, A. H. Reich und mich nach Edlach tühren sollte. Am Bahnhofe gesellte sich uns ein alter christlicher Freund Herzls und unserer Bewegung bei, während Dr. Bondi bereits mit einem früheren Zuge an das Krankenlager geeilt war. D<r Schnellzug war für unsere Ungeduld von einer qualvollen Langsamkeit. Endlich waren wir in Payerbach, und nun ging es in zwei Wagen mit stets wachsender Schnelligkeit auf Edlaeh zu. Wir hatten beschlossen, dass Majfi&orek mit Di\ Singer zu Herzl sollten, während ihm vl.i uns drei andern erst am nächsten Morgen gesprochen werden sollte, damit er durch die plötzliche Anwesenheit so vieler Freunde nicht etwa erschreckt würde. Wir sassen etwa fünf Minuten in Erwartung des Ergebnisses des Aerztekonsiliums, als man mich eiligst zu Herzl rief.. Seine Frau hatte ihm von meiner Ankunft erzählt, un<3 er bat mich sofort zu sich. Ich eilte durch den dunkelnden Garten auf den schlichten Pavillon zu, in dem mein teuerer Freund und Führer lag. Vor dem Eingange trat mir seine Frau entgegen und bat mich nach freundlicher Begrüssung bei dem Kranken zu bleiben. Wie oft hatte ich während der letzten Wochen gebeten, mich ihn pflegen zu lassen, aber solange Frau Herzl sich noch aufrecht erhalten konnte, war sie vom Krankenlager ihres Mannes nicht gewichen und hatte kaum gestattet, dass ihr hie und da eine Krankenpflegerin aushalf. Wie gerne sagte ich also zu. Frau Herzl führte mich durch ein Nebenzimmer, noch eine Tür — und ich sah ihn mit ausgestreckten Händen mir entgegenwinken und hörte die Stimme, die so liebkosen konnte, wenn er einen Freund begrüsste. „Mein lieber Werner"! ♦ . . Einen Moment wurde ich so schwach, dass ich mich am Fussende des Bettes stützen musste, aber schon im nächsten Augenblick stand ich an der Seite des Bettes und drückte seine Hände und schaute ihm in das liebe Gesicht, das wehmütig lächelte. Und während die Aerzte noch im Nebenzimmer berieten, machten wir ab, dass ich fortan bei ihm bleiben sollte, um mit einer Pflegerin gemeinsam ihn zu betreuen. Ach, nur allzukurz war die Zeit, die ich ihm widmen durfte", nur allzuschnell ward ich des freudig übernommenen Dienstes enthoben! Die Aerzte kamen und teilten uns mit, dass sie einen Bronchialkatarrh konstatiert hätten und trafen die nötigen Anordnungen, denen sich der Kranke vertrauensvoll unterwarf. Noch ein kurzes Gespräch, das die Hoffnungen des Kranken stärken, ihm neue Zuversicht einflössen sollte und ich war allein mit meinem teueren Kranken, um die Nachtwache zu halten, Mit seiner gewohnten Bescheidenheit bat er mich um Entschuldigung, dass er von mir ein Opfer verlange. Erst als ich ihm mehrmals versichert hatte, dass ich von hunderten beneidet würde, weil ich um ihn sein dürle, gab er sich zufrieden. „Du sollst sehen", sagte er, indem er mir immer wieder die Hände drückte. „Du sollst sehen, dass ich ein folgsamer Patient bin, pffege mich gesund, und dann wollen wir uns freuen, freuen!" Ich bat ihn, nicht so viel zu sprechen. Das Sprechen machte ihm Beschwerden. Er fügte sich und