Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 „bis # W$lt Seile 15 Löbliche Redaktion! Ein in Breslau unter Ausschluss der Oeffentlichkeit erscheinendes Blättchen enthält in mehreren Nummern der letzten Zeit Angriffe auf den Zionismus, die ßreslauer Zionistische Vereinigung und insbesondere deren Vorsitzenden, den Unterzeichneten. Da dieselben doch vielleicht durch irgendeinen Zufall von einem, der die Verhältnisse nicht kennt, gelesen sein können, sei hier konstatiert, dass eine Berichtigung beziehungsweise gerichtliche Verfolgung aus Gründen unterblieb, die jedem Breslauer Juden, der den Verfasser jener Verleumdungen kennt, aus dieser Kenntnis als selbstverständlich sich ergeben. Breslau, den 24. Juni 1904. Mit Zionsgruss Hugo Schachtel. * * * London, 23. Juni 1904. Löbliche Red aktion „d i e VV e 1 i*! Wien. Wir ersuchen Sie höflichst, in Ihrer werten Zeitung unter „Tribüne" folgende Notiz bringen zu wollen : Um die demnächst erscheinende jüdische Monatsschrift „Die jüdische Zukunft" allen zugänglich zu machen, haben die Herausgeber derselben beschlossen, dass jeder Verein, der wenigstens 25 Exemplare abonniert, nur K. 1.50 per Abonnent für ein V i ert e 1 j ahr zahlt (statt K 2.50). Die Vereine müssen sich aber direkt an die Administration der „Jüdischen Zukunft" (172 AmhurstRd., London W. E.) wenden. — In Russland : 60 Kop. für ein halbes Jahr (statt Kop. 1.20). Mit Zionsgruss Dr. Ch. Wortsmann. Aufruf! Freitag am 17. Juni brach hier eine Feuersbrunst aus, welche, einige Tage hindurch wütend, 60 Häuser, darunter alle Bethäuser, einäscherte. Das Gros der Abgebrannten sind unsere Glaubensgenossen. 200 jüdische Familien stehen obdach- und brotlos da. Menschen, die noch vor einigen Tagen wohlbemittelt waren, sind mit einem Schlage zu Bettlern geworden. Das Schreien der Kinder nach Brot und Kleidung ist herzzerreissend. Die Not ist unbeschreiblich. In diesem Unglück bleibt uns kein anderer Ausweg offen, als uns an die Oeffentlichkeit zu wenden und um Unterstützung für die armen Unglücklichen zu bitten. Gefällige Geldsendungen sind an den Kreditverein für Handel und Gewerbe in Rymanow zu adressieren. Ry m an ow am 19. Juni 1904. Joseph Fridmann Salornon Seelen freund Rabbiner. Kultu?präsident. Wien. Der „Allgemeine jüdische Arbeiterverein", IL, Untere Au^artenstrasse la (Cafe Moller) vera«-staltet diesen Samstag am 2. Juli präzise l/tS Uhr abends eine öffentliche Vereinsversammlung mit der Tagesordnung: 1. DieSchulen desZionismus. Referent Dr. Landesberge r. 2. Vereiosangelegenheiten. Um pünktliches Erscheinen wird ersucht. Gäste willkommen. WelNSbi-ooik- Wiener Typen. Der Wiener Magistratssekretär Dr. Demel, eine bis nun vollkommen unbekannte Persönlichkeit aus dem Stabe des Wiener Bürgermeisters, hatte in der jüngst geschlossenen Spiritusausstellung in Wien die Juden in der gröblichsten Weise beschimpft und war deshalb von einem dabei anwesenden Juden gerichtlich belangt worden. Er wurde zu 200 Kronen Geldstrafe verurteilt. So weit ist die Sache nicht besonders interessant. Unsere antisemitischen Stadtväter und Abgeordneten haben auf dem Gebiete der Beschimpfung der Juden schon viel Grösseres geleistet. Herr Demel ist gegen sie ein armseliger Waisenknabe, der noch überdies sozusagen dienstlich dazu verhalten zu sein glauben mochte. Herr Dr. Demel ist aber auch Vertreter der Gewerbebehörde beim Gremium der Wiener Kaufmannschaft Man nahm nun an, dass Dr. Demel nach seiner Verurteilung von diesem Posten enthoben werden würde, damit er mit dem ihm verhassten Juden nicht unnötiger Weise in Berührung käme. Sein Herr und Meister Dr. Lue er er hatte ps aber anders beschlossen. Offenbar hielt er das in spiner witzigen Weise für einen prächtigen Scherz. Der Wiener Bürgermeister ist nämlich sehr witzig und hat neulich sogar die Staatsgrundgesetze durch einen Witz aufgehoben, indem er kommentierte, dass man die Juden in Oesterreich wohl in öffentlichen Aemtern anstellen könne, aber nicht müsse, folglich stelle er keine an. Also Dr. Demel erschien, als ob er nie ein Wässerlein getrübt hätte, heiter und guter Dinge bei der Generalversammlung des Gremiums. Allseitig grosses Staunen. Da nahm sofort nach Eröffnung der Versammlung das Gremialmitglied Herr Bernh. Hofbauer das Wort und protestierte gegen die Abhaltung der Generalversammlung in Anwesenheit des Dr. Demel, der alle Juden als Betrüger bezeichnet habe. Herr Hofbauer v rlangte die Entsendung einer Deputation an den Statthalter, damit dieser sofort Herrn Dr. Demel von seiner Funktion beim Gremium enthebe. Erst wenn. Dr. Demel durch einen anderen behördlichen Vertreter abgelöst sei, könne man die Beratung fortsetzen. Der Präsident des Gremiums Herr Leopold P o 11 a k von P a r n e g g, ein Adeliger, der ein Parness der Wiener Kultusgemeinde war, ehe er in der Karlekirche der Vermählung seines getauften Sohnes beiwohnte, Herr Leopold von Pollak liess diesen Antrag, als nicht auf der Tagesordnung befindlich, nicht zu. Herr Hofbauer erwiderte, dass er nun annehme, der Präsident teile die Ansichten dieses behördlichen Vertreters, und da er es mit seiner Ehre nicht vereinbarlich halte, der Versammlung länger beizuwohnen, solange dieser Vertreter der Behörde anwesend sei, so verlasse er den Saal. Mit Herrn Hofbauer entfernten sich mehrere Gremialmitglieder, unter diesen auch Herr kaiserl. Rat Schefftel, der beim Fortgehen sagte: „Man kann in Anwesenheit eines behördlichen Organs, das den Juden die Augen ausstechen will, nicht hierbleiben." Herr Dr. Demel ist also weiter behördliches Aufsichtsorgran beim Gremium und wird es dank der Protektion des Herrn von Pollak und der Juden, die seine Anwesenheit als nötig erachteten, auch weiter bleiben, wenn die nächste Versammlung, für die energisch gearbeitet wird, nicht anders beschliessr. Ein modernes Heiratsgesuch bringt das „Berl. Tgbl." „Für eine Waise, 21 Jahre alt, geb. Jüdin, jedoch sehr freidenkend, recht gut, aber solid erzogen, aristokratische Erscheinung, Mitgift vorläufig 126.000 Mark in baar, später mehr, suche ich als christl. Vormund passende Partie. Herren in fester Position, wie Richter, Rechtsanwälte, Reg.-Baumeister, Mediziner, höhere Beamte etc. Juden, event. auch getaufte, ersuche um ihre Offerten unter B. H. 1235 an Rudolf Mosse, Berlin SW. Diskretion Ehrensache; Briefe auf Wunsch zurück." Assimilationsfrüchte. Eine aufsehenerregende Taufe fand jüngst im erzbischöflichen Palast in Mailand stM: Fräulein Andreina Costa, die Tochter des bekannten sozialistischen Abgeordneten Andrea Costa und der Frauenrechtlerin Anna Kuiischow, einer Jüdin, trat zum katholischen Glauben über. Fräulein Costas Uebertritt ist auch aus politischen Gründen bemerkenswert. Sie, die Tochter des aufrichtigsten und sympathischesten unter den italienischen Sozialistenführern, heiratet demnächst den bekannten Mailänder Grossindustriellen Gavazzi, der ein Neffe des streng monarchisch gesinnten Abgeordneten gleichen Namens ist. Unglaubliche Uebelstände in den Reiormgemeinden Nordamerikas. Die „Jewish Voice", ein St. Louiser Wochenblatt, enthält in ihrer Nummer vom 15. v. M. folgende Notiz: „Autorität? Unsinn! Wie kann man eine Autorität zitieren, wenn keine Autorität anerkannt wird? Ein Freund schreibt uns am 8. April: „Am letzten Dienstag Abend, wenn Sie und ich Pesach-Gottesdienst abhielten, vollzog Dr. Emi;li G. Hirsch aus Chicago die Trauung eines1 Juden und einer Christin in Clinton, Illinois. Und er gilt als ein grosses Kirchenlicht des Judentums!" Die einzige Antwort, die wir unserem Freunde geben können, ist: Was wollen Sie dagegen tun?" — Der „Chronicle" von St. Louis enthält in der Nummer vom 15. April! folgenden Artikel, der für die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judentums"*) wohl von Interesse sein dürfte. In einem persönlichen Briefe an die Mitglieder seiner Gemeinde sagt Dr. Leon Harrison, Rabbiner der Gemeinde Temple Israel, dass von 600 Personen, welche den Gottesdienst am Sonntag Morgen besuchten, nur 60 Juden waren. Er weist nach, dass die Vernachläsigung des Synagogenbesuches seitens der Juden die Entmutigung des Predigers und den endlichen Ruin der Gemeinde bedeute und zugleich eine öffentliche Schmach für Juden und Judentum sei. Weiter sagt Dr. Harrison: Ich fühle den Schmerz und das Erniedrigende solcher Zustände zu tief, um Sie dafür verantwortlich zu machen. Es ist klar, dass eine solche Gemeinde keine jüdische Gemeinde mehr ist und ein solcher Gottesdienst kein jüdischer Gottesdienst mehr ist. Der Sonntagsgottesdienst kann nicht so fortdauern. Mein Eifer für meinen Beruf kann nicht fortdauern. Ich muss *) Wjr entnehmen die Notiz der „Allg. Ztg. d. J."