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Die Welt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24 „bi* & W^lt Seite y tagelang darüber debattiert und ballotiert wurdp, ob Advokat X oder Advokat Y auf die Kandidatenliste zu stellen sei, glaubten wir das Hauptgewicht unserer Tätigkeit auf die Beratung und Veröffentlichung eines gründlieh gehaltenen Kultusgemeinde-Programmes richten zu sollen, persönliche Fragen jedoch möglichst aus dem Spiele zu lassen. Unsere Erwartungen sind jedenfalls übertroffen worden, indem uns in dar III. und IL Wahlkurie zirka 33°/0, in der I. nahezu 30°/o also fast ein Drittel der abgegebenen Stimmen zufielen. Es jst bemerkenswert, dass selbst enragieite Gegner der zionistischen Idee für unsere Kandidaten (Bernhard Jahr, Dr. Abraham Korkis und Adolf Stand) stimmten, um so Protest gegen die Machenschaften der Offiziellen einzulegen. Als Genosse Adolf Stand nach Beendigung des Skrutiniums von der Wahlkommission mit den Worten „Auf Wiedersehen in 3 Jahren!" Abschied nahm, und die zionistischen Hochschüler, die sich als so tüchtige Agitatoren bewährt hatten, ein hebräisches Bur.h blied anstimmten, mochte dies so manchem unserer Kultusväter als memento mori in die Ohren klingen. Unser warten 3 Jahre energischer, organisatorischer Arbeit nach aussen und innen. Wenn unsere grosse Idee immer tiefere Wurzeln in den Gemütern unserer Anhänger gefasst haben wird, dann kehren wir gestählt und gehoben aut die Wahistatt zurück und erringen früher oder später den Sieg, für den uns diese Idee praedestiniert hat. Ben Zion. Zum Krakauer Parteitag der jüdischen Arbeiter und Handeisangestellten Oesterreichs. Nichts spricht für die dem Zionismus innewohnende sieghafte Werbekraft mehr, als seine Verbreitung in dem arbeitslosen und arbeitenden jüdischen Proletariate. Nicht nur in Russland, sondern auch in England und Amerika gewinnt der Zionismus besonders in den letzten zwei Jahren immer grösseren Anhang unter den jüdischen Arbeitern. Auch in Oesterreich, wo diese Entwicklung verhältnismässig frühzeitig einsetzte, fand der Zionismus Anhang unter den Arbeitern des Handels, des Handwerks und. der Industrie, Schon vor fünf Jahren kam die Idee einer Vereinigung dieser Organisationen auf und wurde auf den verschiedenen Konferenzen in Brünn, Wien und Prag, sowie in Lemberg lebhaft diskutiert, ohne jedoch in Tat umgesetzt zu werden. Trotzdem entfalteten sich die Einzelorganisationen immer mehr, die galizischen Vereine schlössen sich zu einem provisorischen Verbände zusammen und es war die Aufgabe des für den 22. und 23. Mai 1904 nach Krakau einberufenen Parteitages, eine Klärungs- und Reorganisationsarbeit zu verrichten. Es waren 40 Delegierte der Organisationen Czernowitz, Krakau, Prag, Przernysl, Stanislau, Tarnopol, Tarnow und Wieji etc. erschienen. Begiiissungstelegramine und. Zuschriften waren von sämtlichen Vereinen, vom Krakauer und Wiener Distrikts-Komitee, sowie von vielen russischen Poale-Zion-Organisationen eingelaufen. Begeisterung erweckte die Zuschrift der russischen Zentralorganisation: Jüdische Proletarier aller Länder vereinigt euch! Den Tätigkeitsbericht erstattete Koll. Bloch im Namen des Verbandes jüdischer Arbeiter und Handelsangestellten Galiziens. Er berichtet; dass dem Verbände 10 galizische Vereine und 4 Sektionen mit einer Mitgliederanzahl von 1535 angehören. Im letzten Jahne waren seit der Lemberger Konferenz grössere Fortschritte zu verzeichnen; die Mitglieds ranzahl stieg in allen Organisationen. Insbesondere war die Tätigkeit für Einführung der Achtuhrladensperre eine erfolgreiche. Die Vereine unterstützten, durchreisende mittellose Fachkollegen. Die Stellenvermittlung wirkte insbesondere in Lemberg und Krakau segensreich. In Tarnow wurde ein Verein jüdischer jugendlicher Arheiter gegründet. Besonders verdient die Tätigkeit der Frauenvereine hervorgehoben zu werden; der Verein ,,Judith"-Krakau zählt an 200 Mitglieder. Der Bericht wurde mit grossem Beifall' zur Kenntnis genommen, ebenso der Bericht für die westlichen Provinzen, den Ober n i k (Wien) erstattete. In der Nachmrttagssitzung referierte Gg. Nathan G r o s s (Wien) über „Unsere Stellung im Zionismus und zur Sozialdemokratie". In leiner anderthalbstündigen Rede erschöpfte der Referent die Fragen, ob der jüdische Proletarier unbeschadet seiner sozialistischen Gesinnung der zionistischen Organisation angehören könne, ob die aktive Mitwirkung des jüdischen Proletariats am Zionismus für beide Teile unentbehrlich sei, in welcher Weise ferner eine Organisierung der Arbeiterschaft innerhalb des Zionismus möglich und wünschenswert sei, und ob sich dieselbe schliesslich nicht der Sozialdemokratie anschliessen. könne. Die erste, insbesondere von den Sozialdemokraten stets verneinte Frage beantwortete der Referent folgendermassen: „Für freie Völker bildet das stärkste, alle Klassen vereinigende Band, das gemeinsame Territoriuni, das Vaterland. Was für die in normalen Verhältnissen lebenden Nationen das gemeinsame Territorium, das ist für das heimatlose, zerstreute Volk das Streben nach einem solchen und dieses Streben heisst: Zionismus. Indem letzterer für dieses Ziel die Juden organisiert und vorbereitet, ist er schon heute gewissermassen ein Surrogat für das Territorium und wie dieses alle Klassen umfassend. Es kann daher einem jüdischen Sozialisten aus seiner Tätigkeit im Zionismus ebensowenig ein Vorwurf gemacht werden, wie etwa den Sozialdemokraten daraus, dass sie au den Arbeiten der vorn Bürgertum geschaffenen und. majoris-ierten Parlamenten teilnehmen./4 Die vom Referenten ausführlich behandelten Fragen finden ihren präzisen Ausdruck in den von einer zu diesem Zwecke gewählten Kommission formulierten. Thesen, welche wir bereits in ihrem Wortlaute in der vorigen Nummer mitgeteilt haben. Es mus bemerkt werden, dass deren Formulierung seitens der Kommission, bei der auch die Resultate der überaus interessanten Debatten nütberücksichtigt wurden, über die Vorschläge des Referenten weit hinausging und besonders den unsere Stellung zur Sozialdemokratie behandelnden Thesen eine schärfere Fassung gab. In der Debatte, welche auf den zweiten Verhandlungstag verlegt werden musste, betonten, alle Redner, dass eine Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie in gewissen wirtschaftlichen Aktionen erwünscht wäre, jedoch vielfach durch die Hetztaktik der Sozialdemokraten gegen den Zionismus, sowie durch das Unverständnis besonderen Interessen der jüdischen Arbeiterschaft gegenüber unmöglich gemacht wird. Die von. Gg. F e 1 d b 1 u rn (Krakau) eingebrachte Resolution: „Der Parteitag drückt dem gesamten, gegen jegliche Form der Unterdrückung kämpfenden Proletariate seine aufrichtige Sympathie aus, verurteilt jedoch die seitens der österreichischen Sozialdemokratie, gegen unsere Bewegung geübte Taktik der Verleumdung", wurde einstimmig angenommen. Sodann wurden die Thesen, mit Ausnahme der zwei letzten Leitsätze, e i n s t i m m i g angenommen. Diese Thesen, welche besonders österreichischen Verhältnissen Rechnung tragen, sind als eine Plattorm anzusehen, auf welche sich alle Gruppen geeinigt haben; die Aufstellung eines Programmes der Poale Zion wird, dem Einverständnis aller, auch der nichtösterreiehischen Organisationen der Arbeiter-Zioiüsten vorbehalten bleiben. Trotzdem sind diese Thesen von grosser Bedeutung für die planmässiffe Entwicklung der östercichischen Organisation, da dieselben ein einheitliches Vorgehen verbürgen. Von. den anderen Referaten wäre das im Jargon gehaltene Referat des Gg. FI e r z (Lemberg) über die Regelung de r Arbeitszeit zu erwähnen. Die Achtuhriadensperrc sei von den galizischen Organisationen mit aller Energie anzustreben. In der Debatte verlangt insbesondere Kenne r (Tarnow) die Regelung der Arbeitszeit der jugendlichen und industriellen Arbeiter. Andere Redner treten für die gesetzliche Einführung eines 36stündigen Ruhetages ein. Ueber O r g a n i s a t i o n. referierte Gg. O b e r n i k. Referent fordert eine grössere Berücksichtigung der industriellen Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Organisation, der arbeitende]! Mädchen sei überall mit grösster Energie aufzunehmen. Er schlägt die Gründung eines Poale-Zion-Verbandes vor, dessen Sitz in Krakau sein soll. Es sei ferner eine Föderation a 1 1 e r Poale-Zion-Organisationen und deren Vertretung auf den Kongressen durch eine eigene Gruppe anzustreben. Gg. O b e r n i k referierte auch über Stelle n verin i 111 u n g und Arbeitslosen u n t e r s t ü t z u n g. Referent wies auf die Schwierigkeiten hin, welche einer Stellenvermittlung für jüdische Arbeit entgegenständen. Doch dürfen die Organisatoren vor den Hindernissen nicht zurückschrecken, da gerade für das jüdische Proletariat, dem es so sehr an Arbeitsgelegenheit mangelt, der Arbeitsnachweis von grosser Bedeutung ist. Eine Stellenvermittlung der Arbeiterorganisationen hätte den grossen Vorteil, dass sie auch auf die Löhne einen Einfluss nehmen und den Arbeiter über die Arbeitsverhältnisse informieren könnte. Bezüglich Arbeitslosenunterstützung müsse zwischen Selbsthilfe und anderen Aktionen genau unterschieden werden. Die diesbezüglichen detaillierten Vorschläge wurden nach längerer Debatte, die Gründung des Poale-Zion-Verbandes mit grossem Beifall einstimmig angenommen. Ueher F r a u e n o r g a n i s a + i o n referierte in polnischer Sprache Genossin Her stein (Krakau). Sie betonte die Wichtigkeit derselben nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in kultureller Hinsicht. Gg. Hilfstern, sprach über die Stellung der jüdischen Frau. Gg. K a p 1 a n (Wien.) referierte über P<r e s s e. Er berichtete über die Entwicklung des ,.Jüdischen Arbeiter", der nicht nur agitatorische, sondern auch organisatorische Arbeit verrichtet hat. Seine Vorschlüge werden unter Beifall angehört. In der Debatte, zu der fast alle Redner dem „Jüdischen Arbeiter" Anerkennung aussprachen, wird der Ausbau der

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