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Die Welt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 16 lf&te Weit 'Nr.'22 aufsuchen. Viel Erinnerungen an etwas Jüdisches besitzt Elsa nicht. Eine Grosstante Sara hatte ihr, dem Kinde, nur noch von jüdischen Bräuchen berichtet: von der Thorakrone, vom Schammes, dem Synagogendiener, vom Chasen, dem Vorbeter, vom Minchagebet, vorn Chanukaieuchter, und von Purirn, dem Esthergedenkfest, und dieselbe alte Tante hatte auch von ihren Ahnen, dem grossen, angesehenen Moses Oppenheimer aus Wien und dem weit und breit berühmten Rabbiner Cohn Breslauer erzählt. Aber Elsa war alles Jüdische, so lange sie zurückdenken* konnte, immer intensiv zuwider gewesen; es kränkte sie, wenn man es schmähte; aber sie mochte nicht, dass man überhaupt davon sprach; es sollte ignoriert werden, es sollte nicht da sein, nie dagewesen seki. „Aber plötzlich erinnerte sie sich mancher kleiner Kränkungen, Unannehmlichkeiten und Zurücksetzungen, so wie der weit krasseren Ungerechtigkeiten, unter denen andere leiden mussten, fühlte bittere Verachtung für die egoistische oder pharisäerhaft geschminkte Gefühllosigkeit der Christen. Bisher war sie sehr geneigt gewesen, „verstehend zu verzeihen'4, hatte überaus feine Nerven für die Schwächen und Fehler der Stammesgenossen besessen. Jetzt kam ihr aber doch der Gedanke, dass das grössere Recht auf dieser Seite, das grössere Unrecht auf jener' wäre, dass es ihr nur bequemer und ästhetischer erschienen war, hierüber hinwegzusehen. Mit dem trotzigen Wunsch, ihre Zusammengehörigkeit zu beweisen, mit der demütigen Hoffnung auf Trost und Erbauung trat sie also ein." Jedoch zugleich schämte sie sich schon unbeschreiblich, hier einzukehren; hätten Bekannte sie abends allein den Wintergarten oder das Cafe Bauer betreten sehen, sie hätten es für einen gewagten, zu missbiMigenden Scherz gehalten, es hätte sie aber nicht so peinlich überrascht, wie dieser Einfall. (Dabei waren jene Bekannte «ebenso rein semitischen Ursprunges wie sie, dabei war es doch eigentlich verächtlich und niedrig, sich seiner Abstammung und einstigen Religion zu schämen, seiner Vorfahren, also seines einstigen Ich.) Auch bleibt ihr die ganze Atmosphäre der Synagoge fremd: die Sprache, von der sie kein Wort verstand, und die auch an keine bekannte anklang, und ein „träger, fast plärrender Gesang*', und sie sagte sich, dass sie doch keine Orientalin sei. Sie ist enttäuscht, und alles scheint ihr so nichtssagend und fremd. Sie verlobt sich dann schliesslich noch mit dem reichen Generalkonsul Beiruch, der dick, untersetzt und kahl und 32 Jahre älter als sie ist, und nun wohnt sie weiter in einer Wohnung, in der sich ein Musiksaal aus hellem Marmor mit weissen Azaleen und Statuetten vo»n Klinger und Stuck befindet und ein Esszimmer aus tief veilchenfarbener Seide mit Kopenhagener mattlila und weissem Porzellan. Sie wird fast noch schöner als früher, und überall wird ihr unglaublich der Hof gemacht .... Dies etwa ist der Inhalt der kleinen Novelle, welche die Verfasserin vorsichtigerweise „eine Studie aus dem Tiergarten- Viertel'4 benennt, und von dieser Peripherie des jüdischen Lebens gehen gar bedeutsame Zusammenhänge zu seinem Zentrum, der zionistischen Bewegung. Die unbeschreiblich holde Weihe, die übe>r den jüdischen Feiertagen, den Sederfeiern und über den Sabbatabenden mit allen Segenssprüchen und Symbolen der Weinbecher und der Brode ausgegossen war, lag in dem innigen, glücklichen Familiengefühl der Juden, und den jungen Menschenkindern, die in den jüdischen Häusern heranwuchsen, verknüpfte sicn diese Weihe mit der Dankbarkeit für all die Elternliebe, von der sie so sorgsam und aufopferungsvoll geführt und geleitet wurden, und mit der unbewussten Erinnerung an die lange Reihe der Geschlechter, welche diese köstliche Weihe bewahrt und überliefert hatten. Aber sie, die einzige Weihe, verwehte, sobald die jungen Leute in die moderne Kultur gerieten und mit dem Flitterkram ihrer „Aufklärung" eine überlegene, abwehrende Geringschätzung dieser Traditionen heimbrachten, Dazu kam vielleicht noch der Wahn, dass alle Spötterei, die sie dratissen unter den Nationen zu erdulden hatten, durch das Festhalten an jenen Traditionen verschuldet würde, und dass eine oberflächliche MischmaschkultuV alle Rassenunterschiede auslöschen werde. Grabbe sprach damals von den'' Judenjungen, deren ganze Bildung im Schweinef.leischessen bestehe. Aron Bernstein, der Verfasser des „Vögele der Maggid" und eigentlich der Begründer der deutschen Ghettonovelle, Hess als Aufklärungsapastel seinen Sohn (den später durch seinen Streit mit Kopsoh-Eugen Richter bekannt gewordenen freisinnigen Reichstagskandidaten von Liebenwerda-Torgau) bald nach der Geburt taufen. Nun braucht ja wohl nicht erst dargestellt zu werden, mit welcher Wucht ein Bekenntnis zu den schonen Idealen des Zionismus all den unerfreulichen Entartungszuständen moderner Jüdinnen entgegenwirken könnte. Jüdin! Nicht länger träum' den alten Traum Von Festeslust und kurzer Freude; Blick um dich, Weib! Dein Bruder bricht Zusammen fast, erdrückt vom Leide. Streich von der Stirn, was dich verwirrt Und was dein Denken unklar macht, Zu schwer auf deinem Bruder liegt Die ewiglaugie Leidensnaeht. Nach Osten sieh! Und wenn dem Herz Noch jüdisch fühlt, rnuss es dich fassen: Du darfst dein Volk nicht tatenlos Im Elend untergehen lassen. Nach Osten sieh, nach Hilfe schau, Bring selbst dem Volke dar dein Leben, Du sollst's als Tochter deines Stammes Auf deines Volkes Altar geben. Du solist die Wege deines Volks In Liebe treu, in Liebe gehen, Und leuchtend wird vor diesem Weg Das Bild vom neuen Ziorn stehen. Das wird in deine Augen klar Und hell den Gottesiriediein giessen, Und alle bitt're Weigemüh' Wird dir das grosse Ziel versüssen. Wenn du dies Ziel vor Augen hast, Wird jede Mühe leicht dir scheinen, All' das, was du an Glück erträumst, Wird sich in diesem Wort veneiinen. Geh nur dem Weg, den ich dir sag: Sieh, deine Kinder sind mein Hoffen, An deiner Kinder reiner Hand Steht dir auch deine Heimat offen. Zieh auf den Schoss dein Mädchen dir, Zu Füssen sitze dir dein Knabe, Und male leuchtend ihm das Bild Von deiner einst'gen Heimathabe. Und wenn an dir sein Auge hängt Und schnell das Herz des Mädchens schlägt, Dann reiss sie auf und zeig das Leid, Das noch ihr Bruder stöhnend trägt. Dann weise hin sie auf das Blut, Das man aus ihrem Leib giesogen; Zeig, wie man sie um Heknatsluft Und Menschenrechte hat betrogen. Und wenn dir dann ihr Auge folgt, Umflort vom tiefen Leid, dem trüben, Dann zeige ihnen, was du willst: „ . . . Ein stolzes Hoffen ist uns blieben . .

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