Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration : WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—1/2I2 Uhr. Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Irseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heiler. Rp7linQnroicDa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: L>C£Uyo|JI ClOC. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Alk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig Rr 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—. halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Ni\ 13. Wien, 25. März 1904 — 9. Nisan 5664, 8, Jahrgang. Die jüdische Hilfstätigkeit. Zur Versammlung des Hilf s Vereines der deutschen Juden. .Die Judensehaft war nie arm an Vereinigungen, denen die Pflege der sozialen Hilfstätigkeit Programm war. Die Anfänge solcher Vereinigungen reichen oft weit ins Mittelalter zurück. Jedenfalls sind ihrer viele nur der neuen Zeit angepasste Institutionen, die sich bereits im Ghetto bewährten. Darin aber liegt oft auch der Fehler solcher Einrichtungen. Man war nicht immer glücklich in der Fortsetzung des Alten. Sicher aber war man ineist recht ungeschickt in der „zeitgemässen" Aendenmg. In der alten Gemeinde gab es immerhin einen gewissen Zusammenhangs aller philanthropischen Institutionen. Selbst die schier hoffnungslose Zerstreuung der Juden über den grössten Teil der Erde brachte nicht den grossen Schaden, den man voraussetzen möchte; denn unbestritten galt damals der Satz : „Wir sind Kinder eines Vaters, Söhne eines Volkes". Der Jude durfte auch in der Fremde darauf rechnen, bei seinen Volksgenossen die Hilfe zu finden, die ihm in seiner Gemeinde wurde, wenn er den Lebenskampf nicht als Sieger bestand. Seit der Emanzipation der Juden sind diese Verhältnisse nicht nur in den westliehen Ländern, sondern durch das Beispiel der westlichen Juden auch in den grossen jüdischen Zentren des Ostens andere geworden. Die „zeitgemassc" Reformation der jüdischen Institutionen des Westens bestand gewöhnlieh darin, dass man den Ausbau der bereits vorhandenen vernachlässigte und durch Gründung neuer, .mögliehst wenig jüdisch aussehender Einrichtungen „dein Zeitgeist Rechnung trug". So kam es nicht nur, dass die jüdische -Gemeinde, früher wirklich ei nie Stätte und Veste jüdischen Lebens, immer mehr von ihrer Bedeutung verlor, sondern dass auch die jüdische Hilfstätigkeit sich immer mehr zersplitterte. Man hatte sich in den letzten Dezennien oft damit getröstet, dass es sich um eine Arbeitsteilung handle, dass diese Teilung der sozialen Hilfstätigkeit zu Gute kommen müsse, und dass die unbestrei tbaren Hebel stände, die sich allenthalben .zeigten, versehwinden würden, wenn man, durch Erfahrungen belehrt, begangene Fehler nicht wiederholen werde. Dieser Trost, der ja Hoffnungen auf eine Besserung gewährte, erwies sich aber als unzutreffend. Die materielle Judennot nahm so grosse Dimensionen an, dass sich über ihre Existenz auch die nicht unmittelbar Betroffenen nicht mehr täuschen konnten, wenn sie nicht absichtlich Augen und Ohren verschlossen. Diese Not war nicht mehr die, fast möchte man sagen, primitive der früheren Zeiten, sondern eine täglich wachsende Gefahr selbstfür die besser situiorten Juden; denn der Zusammenbang zwischen wirtschaftlicher Position und jwlitischer mii^ sozialer Einflusssphäre ist bei den Juden noch viel inniger und empfindlicher als bei anderen. Kein Wunder daher, dass auch reiche und reichste Jaden, ganz abgesehen von ihrer sonstigen Öffentlich sichtbaren und belobten philanthropischen Tätigkeit, ebenso wie die Juden gewisser politischer Kreise alle Ursache hatten, an diesem Problem nicht achtlos vorüberzugehen. Eine Anzahl grosser jüdischer philanthropischer Gesellschaften dankt diesen und ähnlichen. Erwägungen ihre Gründung und oft überaus reiche finanzielle Fundierung. Was das Zusaimnengchörigladtsgefühl, die echt jüdische Nächstenliebe nicht mehr zuwege brachte, das gelang der Angst vor den. Polgen des Fortbestehens der ärgsten. Verhältnisse und der Scham, dass man noch immer mit diesen Elendesten unter einem Schema subsummiort wurde. Die Psychologie der Wohltätigkeit, speziell der Wohltätigkeit der westlichen Juden, gehört sicherlich zu den interessantesten Gebieten der Kulturi'orsclumg unseres Jahrhunderts. Der Forscher wird, auf diesem Gebiet«! neben vielem lullen, ja Erhabenen, nehen manchem, was zum Lächeln, wenn nicht zum Spott, herausfordert, auch Spuren, und oft recht tiefe, des abstossendslon Kgoismus und der törichtesten Yerkennung ökonomischer KntWicklungen entdecken. Alle diese Einrichtungen aber sind meist nur darauf berechnet, momentaner Not abzuhelfen. Nur wenige kümmern sich, auch um die ferneren Schicksale der Unterstützten, und bei denen, die es tun, wäre es manchmal fast besser, dass sie es nicht täten. Alle zusammen zeigen aber, dass es in der wirtschaftlichen Lage der Juden immer nur ein labiles Gleichgewicht gibt, das durch die geringste Erschütterung gar leicht gestört werden kann. Der Nutzen solcher Hilfstätigkeit, so viel angestrengie Arbeit sie auch erfordern, mag, ist also ein sehr beschränkter. Er vermindert sich wesentlich dadurch, dass diese Hilfstätigkeit in vielen Fällen weder organisiert ist. noch ein klares Ziel vor Augen hat. Wir Zionisten, die sicherlich einer jeden Tätigkeit für das jüdische Volk das wärmste