Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—1/2I2 Uhr. Preise der Anzeigen : laut aufliegendem Tarif. Der Irseratenteil wird Dienstag ibends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. Rp7llf1QnrßiQß' Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.— , vierteljähng Kr. 3.—. Für das Ausland : uccuyopi UIOG. Deutschland ganzjährig JMk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England Man2jährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Nr, 12. Wien, 18. März 1904 — 2. Nisati 5664, 8. Jahrgang. Der Auszug der Zwölftausend. In dem Gürtel von Stahl und Mensehenleibern, den Russland um seine fernöstlichen Besitzungen schlingt, bilden die Juden ein starkes Glied. Ihrer zwölftausend sind bis jetzt auf den Kriegsschauplatz kommandiert worden und gehen in Winterstürmen, durch Feuer und Wasser daran, ihren Schwur zur Fahne und zum Gesetz zu halten. Es sind, junge, hoffnungsfrohe Bursche, die vom Exerzierplatz aufs Feld der Ehre ziehen; neben ihnen Familienväter, die ihrer Frau zum Abschied den Scheidebrief überreichten — ein Beweis, wie frei von feigen Hoffnungen sie sind. Wir haben die Pflicht, auf die Zwölftausend hinzuweisen, die jetzt das sibirische Stromgebiet durchqueren, um alsbald zumindest harten Strapazen entgegen zu gehen. Ihr 'Verhältnis zur anderen Truppenzahl kommt dem Verhältnis der russischen Juden zum Gesamtvolke zumindest gleich. Diese Tatsache ist geeignet, die Lügen von einer Fahnenflucht der Juden zu töten. Die Verbreiter dieser Lügen müssen von der öffentlichen Meinung unter erschwerenden Umständen verurteilt werden, weil das Mutterland diesmal Stiefkinder zu Hilfe ruft, ohne dass eine traurige Erinnerung deren Gehorsam verkleinert. Es unterliegt keinem Zweifel, . dass die jüdischen Kämpfer Eusslancls auch jene Verleumdungen zu Schanden machen werden, die den Juden Mannesmut absprechen. Das gerade Gegenteil dieser Behauptung ist geschichtlich erwiesen. Wir wollen die glänzende Tapferkeit unserer x\ltvorderen nur streifen; wollen auch vom Mittelalter die Taten passiven und aktiven Heldentums, die Dulder religiöser Bekenntnis, die Kämpfer des nachmaurischen Spanien, die gegen Chmielnizki, gegen die Schweden, nur erwähnen; aber von dem Zeitpunkt an, da die Regierungen die Juden zur Blutsteuer heranzogen, hatten sie diese Verfügung keinen Moment zu bereuen. Aus den Kriegen gegen Napoleon, aus den italienischen und anderen Feldzügen Oesterreichs, mehr noch im Jahre 1870/7.1 und in der Folgezeit, in der rumänischen und der bulgarischen Armee — überall bekundeten die Juden soldatische Tüchtigkeit und ein Pflichtgefühl, das oft das gewöhnliche Mass weit überstieg. Mit der kriegerischen hielt stets auch die friedliche Hilfeleistung der Juden bei einem Notstand ihrer Wohnländer gleichen, lebhaften Sehritt. Es ist dies derzeit auch in Russland nicht anders, und die Juden zeigen dort moralisch und materiell einen hohen Patriotismus. Sie folgen auch hierin einem allgemeinen historischen Beispiele. Für patriotische Taten erhielt der böhmische Jude Treuenberg — doppelt unerhört — vom strengkatholischen Ferdinand den Adel. Die dreifache Notwendigkeit zum Kriegführen nach Montecucculi: Geld, Geld und wieder Geld wurde gar oft nur mit Hilfe der Juden verschafft. Allen Gesellschaften, die sich um den kämpfenden Soldaten barmherzig kümmern, das Rote Kreuz und seine Dependaneen, sind jüdiseherseits stets opferwillig unterstützt worden. Für den gegenwärtigen Fall liegen genügend viele amtliche und private Berichte vor, die das Verhalten der russischen Juden als tadellos erkennen hissen und zahlreiche Angebote zu persönlicher oder sachlicher Hilfeleistung melden, von denen die meisten angenommen wurden. Auch über die Juden im Auslande hat der Pariser Botschafter seiner Regierung nach Petersburg berichtet, dass deren Tun und Lassen den Plänen oder der Tätigkeit Russlands keineswegs feindlich gegenüberstünde. Der Brief des Botschafters beleuchtet die gewissen Sensationsnachrichten aus trüber, antisemitischer Quelle, Nachrichten, die von politischen Quertreibereien nichtrussischer Juden sprechen. Wenn letztere nur so viel Einf luss hätten, um sich selbst zu schützen! Mit alleiniger Ausnahme der verbissensten judenfeindliehen Blätter anerkennt denn auch die gesamte russische Presse die pflichtgetreue Haltung der einheimischen Juden. Es fehlt darin auch nicht an warmgefühlten Aufforderungen zu einer späteren Belohnung dafür. Diese Belohnung haben die Juden überall bekommen, wo sie an der Geschichte der Staaten persönlichen Anteil nahmen. Wenn sie auch den altererbten Rassenhass des Pöbels nicht verschwinden gemacht haben, so sind sie doch von den Gesetzen denjenigen gleichgestellt worden, deren staatsbürgerliche Leistungen an Gut und Blut sie in gleichem Masse teilten. Erwägungen zugunsten einer Aenderung der Judengesetzgebung werden zurzeit im Riesenreiehe des Ostens gepflogen. Vielleicht ist es gut, dass inmitten der Beratungen der Krieg ausgebrochen ist. Es ist die Zeit gekommen, in der die Juden durch die Tat zeigen können, dass ihrerseits kein Grund vorliegt,. ihre Staatsbürgerrechte gesetzlieh zu beschränken, weil sie ja ihre Staatsbürgerpflichten in vollem Ausmass erfüllen.