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Die Welt · 1904-03-11 · 11 (11.3.1904) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 »m & weit Nr. 11 irgend eines Fremdlings empfangen, so dass es ihm nicht möglich sei, jemanden auszuliefern«5 Hierauf entgegnete der Oberste der ägyptischen Schergen, der noch immer nicht recht bei Atem war, bestimmt halte sich der Verbrecher auf dem Boden Midians auf, der Fürst möge nur freigeben, nach ihm zu fahnden, und alsbald werde man das Wild aufgespürt haben. Schon schien es den Häschern, die gleich Jagdhunden begierig waren nach der Fährte des Gehetzten, dass der Midianiter Willens wäre, die Hätz zu gestatten, doch der Fürst winkte sachte ab, zur Geduld mahnend, und fragte den ersten der Aegypter, welcher Art denn die Blutschuld sei, die jener Gesuchte auf sich geladen. ,.Er erschlug einen ägyptischen Mann!" „Tat er es mit Bedacht oder fortgerissen von plötzlichem Taumel?" forschte der Priester. „Sicherlich mit Bedacht. Denn er wandte sich vorerst hin und her, und da er sab, dass kein Mensch da war, erschlug er den Aegypter und verscharrte ihn in den Sand." „Wie ist sonst der Sinn dieses Mannes? Ist's ein Weiser oder ein Tor?K „Einer der Weisesten. Und umso schwerer ist seine Schuld/' sagte der Häscher, finster die Brauen zusammenziehend, „da sein Verstand genau wusste, was seine Hand tat." „Und wer war der Erschlagene?" fragte der Midianiter, dessen Auge gross und sinnend auf dem erhitzten Gesicht des Schergen weilte. „Ein Vogt des Pharao! Ein Vogt über die Frohnarbeiter des Pharao." Der Priester schwieg eine Weile und blickte in Gedanken versunken zu Boden. Dann fragte er aufschauend: „Welche Strafe trifft bei euch den, der solcherart einen erschlägt?" „Der Tod! Selbstverständlich der Tod! Der Pharao trachtet nach ihm, dass er ihn erwürge!" stiess der Aegypter hervor und schien sehr erstaunt, dass es jemanden gebe, welcher derlei fragt. -Auch der Midianiter wiegte wie in Verwunderung den Kopf: „Selbstverständlich der Tod!" wiederholte er und legte einen besonderen Klang in das „Selbstverständlich", wie als ob er etwas gar Befremdliches in diesem Worte fände. „Und trifft solche Strafe jeglichen ohne Ausnahme?" fuhr er toit. „Ich meine: wägen eure Richter nicht den Täter gegen den Erschlagenen, ehe sie ihr Urteil sprechen?" Ein sehr überlegener Ausdruck kam in das Gesicht des ägyptischen Beamten, als er den Midianiter so reden hörte. Die Rechtsgedanken eines Hirtenhäuptlings! Und abweisend, doch nicht ohne Wohlwollen, erwiderte er: „Gleiches Recht für alle! Tod jedem, der mordet! Tod um Tod! Die Tat gilt vor dem Richter und nicht der Täter!" Der Aegypter blickte feierlich drein» „Es nimmt mich Wunder," sagte der Priester halblaut, wie für sich, „dass eure Denkenden, die doch von mancher Pforte den Vorhang weggezogen haben, nicht die Satzung fanden: Ueber einen Weisen, der einen Tropf erschlug, darfst du nicht den Tod verhängen!" Der Scherge trat einen Schritt zmüek und starrte den Priester an, wie einen, der von Sinnen ist. Doch der Midianiter mochte das grosse Staunen des anderen nicht wahrnehmen, da er ruhigen Tons die Frage tat: „Sag* mir, zu wessen INutz und Gedeihen sind denn in Aegypten Gesetze erdacht worden?" „Nun, doch nicht dem Einzelnen zuliebe, und wäre er der Weiseste, sondern im Dienste aller, zur Förderung des gesamten Volkes!" murrte unwirsch der Aegypter, erfasst vom Unwillen derer, die irgendwo eine Falle wittern und sie nicht zu sehen vermögen. „Zum Vorteil aller! — Dann ist es eben wider den innerlichen Wunsch der Gesetze und wenig fürsorglich, einen Wertvollen auszulöschen, weil er irgendeinen aus dem Gewimmel der Kleinen in Asche verwandelte/ In dem Auge des Häschers regte sich's wie1 gerechte Empörung, doch der Priester fuhr fort zu sprechen, sauft und fast väterlich, als spräche er mit freundlichem Willen zu einem unerfahrenen Kinde: „Denke Dir, dass irgendwo ein Mann aulsteht, der in sich die Kräfte hat, allen, dem gesamten Volke, ja sämtlichen Völkern, kostbare Gaben zu überbringen. Gaben, daran sich noen in späten Jahrtausenden die Menschen erheben und verbessern. Ein Grosser wird geboren, der von ungefähr auf einen Busch losgeht, die Zweige auseinanderdrängt und den Menschen zuruft: „Seht, hier zwischen dem Geäste öffnet und weitet sich ein Weg in eine lichte Zukunft! Merkt Ihr, wie es feurig aus dem Busch aufflammt? Das Morgenglühn neuer Zeitalter!" Und die Menschen schreiten hinein in den jungen Pfad und wallen fortan anwachsend zu einem unermesslichen Völkerstrom in der Richtung vorwärts, die ihnen jVner Eine gewiesen. — Und jetzt nimm* an, solch' ein Weiser und Wegweiser erschlüge einen Mann, irgendeinen Namenlosen und Dunklen, und dies zu einer Zeit seines Lebens, da er, selber im Dunklen harrend, noch nicht aufstehen konnte, um der Menschheit das Thor in die Gärten der Zukunft zu öffnen; und nimm an, e.^ wären sogleich Richtknechte zur Stelle, die mit klobigen Fäusten den „Mörder" fassten und den düsteren Gesang anstimmten: „Tod um Tod! Es sterbe, wer sterben ma^ht!", und also ihn, der eine kommende Menschheit in sich trägt, zur Richtstatt geleiteten. Müsstest Du da nicht die^e Schergen wie heillose Feinde ansehen und ihnen mit angstvollem Aufschrei in die Hände fallen, auf dass sie nicht in irrer Gerechtigkeit ein Gefäss künftiger Kostbarkeiten zertrümmern?" Dem Aegypter war, während der Priester sprach, ein Wirrsal von Gedanken aufgestiegen, darin er noch keinen festen Halt finden konnte. So war er verlegen, grollte aber auch dem Hirtenhäuptling, der sieh unterfing, an den Gesetzen Aegyptens hart zu mäkeln. Er griff also nach einer Frage, die er gerade in der Nähe erblickte und die einem Einwand gleichen konnte: „Wer sagt mir doch, ob eben der, auf dem ich Blutschuld sehe, morgen oder in 40 Jahreneinen von Morgenrot umlodert* n Busch schauen wird. Da dürfte ich ja nimmermehr Gleiches mit Gleichem vergelten, und gar Niemand könnte auf der Richtstatt vom Leben zum Tode gebracht werden!'' Weil dies der Häscher in einem schmerzlichen Tonfall gesagt hatte, fragte der Priester gleichsam teilnehmend: „Ach, und solches wäre Dir sehr zu Leide?44 Gereizt fiel ihm der Richtknecht m die Rede: „Und sodann kann Alles, was Du den Mörder zu verklären vorbrachtest ganz gleicherweise für die Erschlagenen gelten. Irgendwann könnte Jeder irgendwie der Menschheit ein köstliches Geschenk bringen. Auch der Dunkelste, Warum soll der Erschlagene hinweggetilgt werden und der Mörder nicht?w „Du vermeinst also eine Lücke in den Reihen der Menschheit dadurch gut zu machen, dass Du noch eine zweite Lücke hinzufügst? — Doch lass uns in Frieden scheiden! Ich weiss jetzt nicht, ob der Mann, dem Ihr auf den Fersen seid, in Wahrheit auf den

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