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Die Welt · 1904-03-04 · 10 (4.3.1904) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 $ Flickwerkpolitiker. New-York, Da im hiesigen selbstgewählten „Ghetto44 sehr viele russische und rumänische Juden wohnen, leiht die „Jewish Agricultural Society" hiesigen Juden, welche sich als Farmer auf dem Lande ansiedeln, erhebliche Darlehen. Im Jahre 1902 hat sie 80 jüdische Farmer angesiedelt und ihnen 41 517 Dollar geliehen. Im ersten "Halbjahr 1903 erhielten 74 jüdische Farmer Darlehen im Betrage von 33 975 Dollar. Auch die „Jewish Industrial Removal Office" verfolgt den Zweck, die Einwanderung von New-York abzulenken. In Gemeinschaft mit dem U. 0. Bne Bris wurden von der Office anderweitig hiesige Juden angesiedelt: Vom Juni 1900 bis 25. Februar 1901 1204 Pers, Vom 25. Febr. 1901 bis 31. Dez. 1901 1830 „ Im Jahre 1902 3208 „ Im ersten Halbjahr 1903 2721 „ 88 Prozent der auswärts Angesiedelten sind mit ihrer Lage zufrieden. Die Gesellschaft hat Agenturen in allen Städten der Union und weiss, wo Bedarf nach den einzelnen Kategorien von Handwerkern, Arbeitern etc. ist. Nun hat sich in Milwaukee ein grosser Verein gebildet, der die Farmeransiedlung in grossem Massstabe betreiben will. Herr A. W. Ritsch aus Milw&ukee ist deshalb hier, um mit den beiden hiesigen Gesellschaften zu konferieren. London. ZumAn denken an die in Südafrika gefallenen jüdischen Soldaten. Der Londoner Verein „Maccabean* und die ^Gesellschaft für jüdische Geschichte", vereinigten sich zu einem gemeinsamen Komitee, welches den Zweck hat, das Andenken derjenigen jüdischen Soldaten — 127 an der Zahl — welche in den Keinen Englands kämpfend, im englisch-burischen Kriege ihr Leben liessen, für ewige Zeiten zu sichern. An der Spitze dieser Bewegung steht Colonel Goldsmid als Präsident, der aucb| einen Aufruf an alle jüdischen Vereine, sowie auch an alle! Juden als solche, ohne Unterschied der Partei und des^ Standes mit der Aufforderung richtete, durch ihr Scherflein das vorgesteckte Ziel erreichen und zu einer würdigen Dankeskundgebung der Juden Englands gestalten zu helfen. Das Vorhaben findet auch die Unterstützung sämtlicher Eabbiner. Lord Rothschild erscheint als Erster mit einer Zeichnung von hundert Pfund Sterling, Zur Nachahmung empfohlen. Aus Frankfurt a. M. wird berichtet: Das erste Vereinsjahr des hiesigen Israelitischen Mädchenklubs war sehr erfolgreich. Der Klub verfolgt den Zweck, jüdischen Mädchen, die im Berufe stehen, eine Stätte zu . bereiten, an der sie nach vollbrachtem Tagewerk am Abend und an freien Nachmittagen Erholung und Anregung finden. Der Besuch war sehr rege, Die Kurse erstrecken sich auf praktische Arbeiten und theoretische Fächer. Eine reiche Bibliothek und Tageszeitungen stehen zur Verfügung. Eine Vergnügungskommission sorgt ein- oder zweimal im Monat für einen Unterhaltungsabend, in dem lehrreiche und musikalische Vorträge mit Aufführungen abwechseln. Shanghai. (China.) Am 24. Jänner hielt im hiesigen zionistischen Vereine (Shanghai Zionist Association) Rev. Frank Rawlinson, Pastor der Freichristlichen Kirche von Shanghai) einen Vortrag über den „Zionismus". Den Vorsitz führte Mr. Edward I. Esra. Der Vortragende äusserte sich in sehr sympathischer Weise über unsere Bewegung und sprach sein volles Vertrauen für die Zukunft der zionistischen Sache aus. Der Vortrag wurde von den zahlreichen Anwesenden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Ungefähr fünfzehn Kolonialbankaktien wurden an diesem Abend gezeichnet. Rabbiner-Verband in Böhmen. Am 15. und 16. v. M. fand im Hotel Bristol in Prag die ordentliche Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Böhmen statt. Den Vorsitz führte der Obmann des Verbandes Rabbiner Dr. Kurrein (Teplitz). Gegenstand der Beratung bildeten Fragen auf dem Gebiete der Liturgi'k und Pädagogik. Es mus hervorgehoben werden, dass sich der Rabbiner-Verband gegen jegliche Veranstaltung von Musikauflührungen in Synagogen aussprach. Das Bestreben des Verbandes zielt dahin, die Einheit in der Synagogenordnung und Jugendbildung anzustreben. Diesen Bestrebungen stellt sich naturgemäss das Nebeneinanderbestehen von 200 autonomen Kultusgerneinden ohne Existenz einer Zentralstelle hindernd entgegen. Aus der Hochburg des Liberalismus. Vor vierzehn Tagen starb in Grosswardein (Ungarn) einer der reichsten Grossgrundbesitzer des Binarer Komitats namens Franz Miklossy. Hierauf wurde das bei einem Budapester königlichen Notar deponierte Testament eröffnet. In demselben vermachte er sein ganzes Vermögen, welches aus Gütern im Biliarer Komitat besteht und 1 200 000 K beträgt, der ungarischen Akademie der Wissenschaf- * W^lt11 Nr. 10 ten. Er knüpft jedoch hieran folgende Bedingungen: Die Akademie muss einen Güterverwalter mit einem Jahresgehalt von 800Ü Kronen anstellen, und zwar soll mit der Verwaltung der Güter ein ungarischer Schriftsteller betraut werden, dessen Werke die nationale Richtung zum Ausdruck bringen. Aus den übrigen Einkünften sollen alljährlich solche literarische Werke prämiiert werden, die durch ihren nationalen Charakter hervorragen. Seiner Gattin, einer gebürtigen Französin, hinterlässt Miklossy eine Jahresrente von 2400 Kronen jedoch mit der Bedingung, dass sie nach Frankreich zurückkehrt. Der interessanteste Passus im Testament ist jedoch folgender: „Sollte Ungarn nach hundert Jahren in Bedrängnis geraten oder sollten sich die Verhältnisse Ungarns derart gestalten, dass pekuniäre Hilfe notwendig wäre, so soll die Akademie die Güter verkaufen und den Erlös zur Errichtung einer Nationalgarde verwenden. Jedoch stellt der Erblasser die Bedingung, dass die Güter weder an einen Juden noch an einen Getauften oder überhaupt an Jemanden, in dessen Familie sich ein Jude 'befindet, verkauft werden dürfen. Die Kontrolle für die Einhaltung dieser Bedingung überträgt er einer geachteten Grosswardeiner Persönlichkeit, die hiefür eine jährliche Rente von 2000 Kronen bezieht Aus Sachsen. Einer Anregung aus jüdischen Kreisen folgend, hat die sächsische Regierung dem Landtage einen Gesetzentwurf vorgelegt, der den Zweck hat, den Rechtsverhältnissen der sächsischen jüdischen Religionsgemeinde eine festere Grundlage zu geben. Ihre Verhältnisse wurden durch Gesetz vom 18. Mai 1837 geregelt, seitdem haben sich die Zustände jedoch derart geändert, dass diese Vorschriften nicht mehr ausreichend sind. In Anlehnung an die Bestimmungen für die politischen Gemeinden, soll nach dem Gesetzentwurfe die Mitgliedschaft bei einer jüdischen Religionsgemeinde ohne ausdrückliche Willenserklärung des Einzelnen schon durch Wohn- ■sitz, Aufenthalt, Besitz eineR Grundstückes oder Betrieb eines Jselbständigen Gewerbes erworben worden. Das Land soll in Religionsgemeinden aufgeteilt werden und diese sollen den Charakter öffentlich rechtlicher Korporationen haben. Nach der letzten Zählung 1900 gibt es in Sachsen 12,416 Juden und sieben jüdische Religionsgememden und zwar in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Plauen, Annaberg, Bautzen und Zittau. Der Ausschuss der I. Ständekammer hat erkannt, dass eine zeitgemässe Neuordnung der rechtlichen Verhältnisse der jüdischen. Religionsgemeinden in Sachsen notwendig sei. Die Judenexzesse bei Zablotow. Vor einem Erkenntnissenat des Czernowitzer Landesgerichtes, hatten sich kürzlich mehrere Insassen des Ortes Piedekutz bei Zablotow wegen Hausfriedensbruches und Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit zu verantworten. Angeklagt waren: Michailo Prinkowski, Ambrosi Bodnar, Fodor Charyna, Petro Fedorak und Georgi Lepkan. Seit mehreren Monaten wurden den jüdischen Einwohnern von Piedekutz und Umgebung in der Nacht die Fenster zertrümmert, die Exzedenten drangen in mehrere Wohnungen ein und beschädigten die Möbelstücke. Die Bewohner der erstürmten Häuser mussten flüchten. Der Gerichtshof unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Olinski sprach alle Angeklagten schuldig und verurteilte Prinkowski zu einem Jahre schweren Kerkers, verschärft mit einem Fasttag monatlich, Bodnar zu sieben Monaten, Charyna, Fedorak und Lepkan zu je acht Monaten schweren, verschärften Kerkers. Kolomea, 25. Februar. DieSchlussverhandlung gegen die Exzedentenvon Zablotow hat heute vor einem Viersenate begonnen. Der nunmehrige Vertreter der „Oesterr. israel. Union" in Wien, Herr Dr. Zip s er ist auch von allen beschädigten Juden bevollmächtigt, sie zu vertreten und ihr Recht zu fordern. Die Angeklagten sind durch zwei Advokaten vertreten und zwar verteidigt Gerichtsrat Morawski die eigentlichen Urheber der Exzesse Finanzwach-Oberaufseher Eduard Skalski und Spezereihändler Michal Krzywiecki und der Anführer der radikalen Partei Dr. Trilowski vertritt die übrigen Angeklagten, durchwegs Bauern. — Um 9 Uhr Vormittags begann das Verhör der Angeklagten. Der Eintritt war jedem gestattet, nichtsdestoweniger war die Zuhörerzahl sehr gering. Von den 31 Angeklagten, von denen manche wegen Auflaufes, Schlägereien, körperlicher Verletzung und Raub, und die obenerwähnten zwei Personen als Urheber beschuldigt wurden, wurden blos 14 verhört. Sämtliche leugneten alle und jede Teilnahme an den Exzessen. Es hatte den Anschein, als wäre zwischen ihnen eineWerabredung getroffen worden. Sie suchten ihre Aussagen durch Angaben von Zeugen zu bekräftigen, welche jedoch vom Staatsanwalt oder von Dr. Zipser zurückgewiesen wurden, da sie entweder Mitbeteiligte waren, oder wie aus den Protokollen zu ersehen ist, das Gegenteil behaupteten. Die Fortsetzung des Verhörs wurde für Nachmittag bestimmt. — Um 4 Uhr Nachmittags

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