Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Article
- Die Ansiedlung eines Volkes
- Date
- 1903-12-25
- Page
- 10 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 10 lfbi$ fr W^lt" Nr. 52 anzusiedeln und dann kann hier eine viel höhere Dichtigkeit erreicht werden, als die der heutigen Kulturländer« In Deutschland kemmen auf 1 km2 116 Menschen. Es gibt aber eine rein landwirtschaftliche Insel, Guernsey im Kanal, wo auf 1 km2 400 bis 500 Menschen kommen. Dies brauchen wir nicht zu erreichen, um selbst für Millionen der Verbannten die Stätte zu schaffen. Auch für diese handwerkerlichen Kolonisten soll, wenn die Wünsche der Leiter der Bewegung geltend bleiben sollen, streng daran festgehalten werden, dass sie auf genos s e n schaftl ic hem Grund und Boden angesiedelt werden. Zu meiner grossen Freude haben die Männer, die dieses grosse Rettungswerk unternommen haben, sich zu der von mir vertretenen Anschauung gewendet, wonach im privaten Grundeigentum die Quelle aller sozialen Schäden liegt. Es sollen also alle, auch die Händler und Handwerker, auch die in den Städten Lebenden, Erbbauern sein. Wie nach altem jüdischen Brauch, so soll es auch jetzt sein in der neuen Form der Genossenschaft. So glauben wir das ganze Elend des Kapitalismus vermeiden zu können. Wann wir mit diesem Werke beginnen können, das steht dahin. Noch ist uns das Land nicht angewiesen, in dem wir die ersten Keime dieses neuen Volkstums pflanzen sollen. Noch wissen wir nicht, wo Ahasver seinen Stab wird zur Ruhe setzen können. Gleichviel, wir haben Zeit und wollen sie nützen. Wir Avollen womöglich praktisch alles durcharbeiten, was uns dienen kann, wenn einmal der Moment gekommen ist, der doch bald kommen muss. Und wir wollen nicht den Mut verlieren. „Wo die Not am höchsten ist, ist Gottes Hilf am nächsten." Dies wird sich auch hier bewähren. Und die Not kann wahrlich nicht mehr grösser werden. (Stürm. Beifall.) Der Zionismus in Wien und anderswo. Von Oskar Marmorek. Rede, gehalten in der zionistischen Volksversammlung vom 14. Dezember im Ronachersaale in Wien. Vide „Die Welt" Nr. 51. Der Redner leitete seine Rede mit einer Schilderung des Baseler Kongresses ein. „Da waren Delegierte aus Europa, Asien, Amerika und Australien, von allen den entlegendsten Teilen der Erde, wo die Splitter des Judentums zerstreut sind. Es gab keine grössere, prachtvollere Versammlung seit 2000 Jahren, um über das Schicksal des jüdischen Volkes zu beraten. Es erschienen nicht bloss Delegierte des in Osteuropa schmachtenden grössten Teiles unseres Volkes, sondern auch Delegierte der sogenannten freien Länder, Delegierte aus England, Deutschland und Amerika. Und nicht bloss proletarische Delegierte, sondern auch solche aus den hervorragendsten Gesellschaftsstellungen und von bedeutendem sozialem Range, Männer, deren Namen überall in der ganzen Welt und von allen Völkern mit Ehre genannt werden. Sie waren zusammengekommen, über ihre armen, verlassenen Brüder zu sprechen und zu beraten. In der ganzen Welt fand diese Versammlung ihren Widerhall, nur nicht hier in Wien, in einer der grössten Judengemeinden der Welt, in einer Gemeinde von 150.000 Juden. Wie kommt das? Um das zu erklären, muss man sich an den Spruch erinnern, dass nicht nur jedes Land die Juden bat, die es verdient, sondern auch umgekehrt die Juden ein getreues Spiegelbild des Landes zu sein pflegen, das sie bewohnen. Sie schmiegen sich den Verhältnissen des Landes, in dem sie wohnen so innig an, in ihrerMimicry, damit sie ja sich nicht unterscheiden. Und wir wohnen in einem Land der Phäaken. Hier herrscht politische Fäulnis, Gleichgültigkeit, eine kaum in Worten zu schildernde politische Unreife. In diesem Lande sind auch die Juden politisch unreif, charakterlos, mehr als irgendwo. In zwei Klassen können wir die Juden unseres Staates klassifizieren: Diejenigen, welche aus Erbitterung über die Leiden, denen sie als Juden ausgesetzt sind, zu Judenfeinden werden. Ihren tiefsten Ausdruck hat diese Kategorie in dem jungen Gelehrten aus jüdischem Stamme gefunden, der sein Volk in seinem Werke in einer Weise beschimpft hat, wie es noch nie ein Antisemit getan hat. Für seine Tat hat der Mann eine Entschuldigung, den Wahnsinn. Leider Gottes ist aber dieser Fall nicht vereinzelt. Es gibt nur zu viele jüdische Antisemiten; doch für uns zählen sie nicht. Sie, die kein Interesse haben für das Judentum, mögen ihrer Wege gehen, nur mögen sie uns nicht stören. Zur zweiten Klasse gehören die Juden, die das Judentum angeblich auch erhalten wollen, die zwar betrübt und gerührt sind über die Leiden ihrer Brüder, die aber als höchsten Ausdruck ihres Leides einen Bettelpfennig herzugeben wissen, um den Leidenden recht weit aus den Augen zu bekommen. Dieser Klasse gehören die Reichen und die Führenden der Gemeinde an. Ihnen wurde die Führung anvertraut, aber wie führen sie uns? Ihre höchste Aufgabe erblicken sie in der Verwaltung des Vermögens der Gemeinde, als ob das des Judentums einzige Aufgabe wäre. Das Wichtigste vergessen und vernachlässigen sie, die geistige Führung des Volkes. Sie kennen nur den Wiener Grundsatz: „Eine Ruh/ will ich haben!" Diesen Juden war der Zionismus ein unwillkommener Gast, denn er störte sie in ihrer Ruhe. Der Zionismus fand es unwürdig, es weiter mit anzusehen, in welcher schmählichen Lage sich die Juden befinden, und zog den Kampf dieser erbärmlichen Schafsgeduld vor. Natürlich fand er die lebhafteste Gegnerschaft in den führenden Kreisen unserer Gemeinde. Zuerst war es angeblich Angst, es-könnte diese neue Bewegung dem Judentum Schaden bringen. Wäre dies das einzige Motiv, es würde ihnen zur Ehre gereichen. Die Soldprediger und Soldschreiber wurden ins Feld gegen den Zionismus geführt und es wird ein ewiger Schandfleck für sie bleiben, wie sie es getan haben." Redner erörtert dann, dass diese Furcht sich als gänzlich unbegründet erwiesen habe. „Man sollte meinen, dass das wohltätige Eingreifen des Zionismus, das eine Renaissance im Judentum hervorgerufen hat, b<i den führenden Kreisen einen Stimmungsumschwung erzeugen werde. Aber die Herren wollen nicht die Erstarkung des jüdischen Volkes. Diese Herren, die das Judentum zu verwahren haben, sie verstehen es nicht einmal, in ihren eigenen Häusern das Judentum zu erhalten. (Beif.) Gehen sie in den Sitzungssaal der Judengemeinde und sehen sie sich die Bilder der früheren Vorstände an: keine einzige Familie ist dem Judentum erhalten geblieben. Noch vor einem Jahrzehnt musste ein Vorstand aus der Gemeinde austreten, weil seine Familie abtrünnig geworden war. Heute ist es nicht mehr nötig. Heute sitzen im Vorstande Väter und Grossväter von Meschumodim. Nicht mit Gewalt, aber sachte wird das Judentum überwunden. Langsani schleichen die Söhne der Vorstände aus dem Judentum. Sie stehen ihm völlig indifferent gegenüber. Keine Tradition, keine geschichtliche Erinnerung, keine religiösen Bande knüpfen sie an das Judentum mehr und aus den nichtigsten Gründen verlassen es manche. Ein hiesiger Advokat hat das Judentum verlassen, weil seine Frau in einem katholischen Ordenshause eine Wohnung mieten wollte, und diese an Juden nicht vermietet wird! (Stürm. Hört!) Was hat der Zionismus in den sieben Jahren seines Bestandes nicht schon geleistet! Wir haben alle die Vereinsamten versammelt, wir haben sie gestärkt und ermutigt. Wir haben der Jugend ein Ideal gegeben, an das es sich im Leben stützen kann. Wir haben Indifferente ins Judentum zurückgeführt. Wir haben niemand Gewissenszwang auferlegt. Wir sind nicht religiös und nicht klerikal. Jeder kann nach seiner Fasson selig werden. Freilich wollen wir auch nicht die jüdische Religion, die grösste Kulturtat der Juden, verleugnen. Wir sind moderne Menschen und in unserem Kreise ist die grösste Zahl der jüdischen Intellektuellen. Die jüdische Jugend ist zurückgekehrt zu den Idealen des Judentums und ist bereit, ihm ihre ganze Kraft zu widmen. Wir haben aber auch insbesondere ganz praktische Dinge geleistet. Wir haben unseren in unglaublichen Verhältnissen Unterdrückten gezeigt, dass es für sie eine Morgendämmerung, einen Hoffnungsstrahl gebe, dass sie aus dieser Lage Befreiung erlangen sollen, eine Befreiung, die ihnen nicht durch Wunder kommen soll, sondern durch eigene Kraft und Arbeit. (Bravo!)