Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 52 (25.12.1903)
- Article
- Das Attentat auf Dr. Max Nordau
- Date
- 1903-12-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316072-3339973--45207-3340054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 „bi* W^lt" Nr. 52 Annahme des Antrages zu entscheiden gehabt, wenn das grosse Aktionskomitee einen günstigen Bericht erhalten hätte, und die Unterhandlungen mit der englischen Regierung einen guten Abschluss voraussetzen Hessen. Das alles war aber noch gar nicht geschehen! Auf diese beiden hauptsächlichen Voraussetzungen Einfluss zu nehmen, war Nordau weder gewillt noch überhaupt imstande. Die Frage Ostafrika oder Palästina lag gar nicht vor. Selbst ein bornierter Fanatiker hatte keinen Anlass, sich zu irgend welcher Tat und nun gar zu einer solchen hinreissen zu lassen. Aus alledem erhellt, dass es sich nur um die Tat eines Halbverrückten gehandelt haben kann. Der Mann ist nur in beschränktem Masse für das Attentat verantwortlich zu machen. Anders allerdings liegt die Sache in Bezug auf diejenigen, die durch eine masslose, in ihren Mitteln skrupellose Agitation das Hirn dieses äusseren Einflüssen nur allzurasch erliegenden Menschen mit Schreckbildern erfüllt, seinen Glauben an das Ideal bis zum blinden Fanatismus erhitzt und ihn dadurch zu allern fähig gemacht haben. Diese Leute haben eine furchtbare Verantwortung auf sich geladen und dem Zionismus den schlimmsten Schaden angetan. Wehe uns, wenn wir solche Freunde nicht augenblicklich von uns entfernen, wehe der Zukunft unseres Volkes, wenn Unfähige, wie die Schürer eines solchen Fanatismus, auch nur den geringsten Einfluss auf unsere Massen gewinnen sollten! W. Zum Attentate auf Dr. Nordau. Schilderung eines Augenzeugen. Ehe ich an eine Schilderung des gestrigen Attentates auf Herrn Dr. Nordau gehe, will ich Ihnen zuvor noch einmal versichern, dass Herr Dr. Nordau sich Gott sei Dank vollkommen wohl befindet, da ihn die Kugel — entgegen den Zeitungsmitteilungen — nicht einmal gestreift hat. Und nun will ich Ihnen erzählen, wie sich das beklagenswerte Ereignis zugetragen hat: Wie alljährlich, fand auch am 19. d. M. ein Chanukaball des hiesigen zionistischen Vereines „Mebasereth Zion" statt, u. zw. in einem recht eleganten Saale des Boulevard Haussmann. Der Ball wird immer von dem wohlhabenderen, bourgeoisen Teile der zionistischen Kreise zahlreich besucht und war es auch gestern. Um ungefähr 11 Uhr war Herr Dr. N o r d a u mit Frau und ältester Tochter angekommen. Er hatte kaum seine Damen placiert, als sich ihm eia junger Mann näherte, ihm schüchtern und linkisch seine Visitkarte überreichte und ihn bat, ihm eine Unterredung im Nebensaale (wo das Büffet stand) zu gewähren. Dr. Nordau sagte dies für später zu. Die Visitkarte besitzt Dr. Nordau noch. Sie lautet: Chaim Selik Louban Einer aus dem Volke der Hebräer.*) Etudiant Der junge Mann war der Attentäter, der, nachdem er die Unterredung zugesagt erhalten hatte, verschwand. Hierauf wurden Dr. Nordau und Dr. Alex. Marmorek von den Funktionären des Vereines durch den grossen Saal in die Nebenräume geleitet, in deren einem das Büffet stand, und von diesem in einen noch kleineren, wo ein Sohn ßoehumo wskis (des Autors der Tiara) Skulpturen ausgestellt hatte. Hier verweilten alle längere Zeit, indess man im grossen Saale tanzte. Zuerst wurden Herrn Dr. Nordau verschiedene Leute vorgestellt, dann setzte er sich mit Dr. Marmorek *) Dies in hebräischer Sprache und lateinischen Lettern. in einen Winkel dieses Nebensaales, wo beide leise mit einander sprachen, bis ein bekannter Journalist, Herr Poliakoff, hinzutrat, der Herrn Dr. Nordau allein zu sprechen wünschte. Dr. Marmo rek trat einige Sehritte beiseite und hatte sich kaum abgewendet,' als ein Schuss ertönte. —Der Attentäter hatte unter dem Rufe: „Mort a Nordau, Afrikanzi" (Afrikaner!) aus einer Distanz von etwa 20 cm. auf Dr. Nordau geschossen, infolge seiner ungeheueren Erregung aber gefehlt. Dr. Nordau warf sich sofort auf den Mann, ebenso Dr. Marmorek, und es entspann sich zwischen den Dreien ein fürchterlicher Kampf, in dem es nicht gelang, dem Manne den Revolver zu entwinden. Er feuerte vielmehr noch einen Schuss ab, der so knapp an dem Gesichte Dr.Marmoreks vorbeigieng, dass dieses von Pulver geschwärzt wurde. Endlich Hess der Attentäter den Revolver fallen, und nun stürzte sich die Menge auf ihn, um ihn zu prügeln, bis ihn ein Wachmann und Dr. Marmorek in ein Nebenzimmer führten. Herr Dr. Nordau, der in keinem Momente seinebewunderungswerte Ruhe verloren hatte, ging nun in den grossen Saab wo es inzwischen Ohnmachtsanfälle der Frauen gegeben hatte. Kurze Zeit darauf verliessen Herr Dr. Nordau mit seiner Familie sowie Dr. Marmorek mit dem grössten Teile der Ballbesucher das Fest. Der Verwundete ist ein Herr Ossowetzki, ungefähr 24 Jahre alt, der eine leichte Fleischwunde im Oberschenkel erhalten hat. Ob diese Wunde von der ersten oder zweiten Kugel herrührt, wird erst die Untersuchung ergeben♦ Er wurde in das Spital geführt. Was nun den Attentäter betrifft, so ist das ein etwa 27jähriger Student, der vor ungefähr 3 Wochen mit seiner Frau und einem Schwager nach Paris kam. Er ist hier unbekannt. Vor einigen Tagen wohnte er einer Versammlung einer hiesigen hebräischen Gesellschaft bei und am Ende der Versammlung übergab er dem Präsidenten einen kurzen Brief: „Die Zionisten, die bereit sind, sich zu opfern, mögen sich zusammentun.* Dieser Brief wurde absolut nicht verstanden und unbeachtet gelassen. Als später die Generalversammlung der Volksuniversität stattfand, bat er einen der Ordner, ihm einen Platz vorne zu verschaffen. Er kam auch in die Association des etudiantssionistes, wo er ungemein heftig gegen Uganda sprach und sich gelegentlich äusserte: II faut terroriser! und ein anderesmai: Ii faut tuer Reinach (Salomon). Am Tage vordem Ball kam er ebenfalls hin, nahm sich ein Buch und ging, aus demselben laut deklamirend und lachend, auf und ab. Die Impression aller, die ihn kennen ist also: Ein Wahnsinniger! Un illumine! Auf dem Polizeikommissariate soll sich der Attentäter nach den einen geäussert haben: (Er spricht übrigens nur schlecht französisch.) Je sais ce que je merite. J'ai ete designe par un comite de sionistes fervents pour tuer Nordau. Nach anderen: Je n'ai voulu faire qu'une manifestation." Die Zeitungen bringen nur kurze, sachliche Berichte, aber unter Erwähnung der Beweggründe, nämlich dass Dr.Nordaufür Ugan da gesprochen habe und der Attentäter zu den intransigenten Zionisten gehöre. n Ein anderer Zeuge des Attentats lässt sich über den Vorgang folgendermassen vernehmen: Die Pariser Zionisten hatten eine Makkabäerfeier veranstaltet und der Ballsaal Oharas war dicht gefüllt. In einer Tanzpause um 12 Uhr nachts trat plötzlich ein junger Mann, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, auf eine Gruppe zu, in der sich Dr. Nordau befand. Br feuerte schnell hintereinander zwei Schüsse ab. Dr. Nordau glaubte sich durch den ersten verletzt, wandte sich aber