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Die Welt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Article
Zur Geschichte des frühen Zionismus
Date
1903-12-18
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 51 #l6ie & weit" Seite ) durch Gedanken an schwarze Möglichkeiten verscheucht. Heinrich Loewe's Untersuchungen haben Licht auf diese Periode geworfen. Er hat uns in einer grossen Reihe von Aufsätzen die erschreckten Stimmungen aus den Vierziger jähren nahegeführt und erst neuerdings wieder eine längst verschollene Broschüre durch Neudruck zugänglich gemacht. 1862 erscheint Moses Hess' klassisches Werk „Rom und Jerusalem", das ein Bekennerbuch grossen Stiles ist, nicht gewachsen wie die anderen umfangreichen Werke von Hess aus philosophischen Abstraktionen und logischen Schlüssen, sondern auf dem Grunde einer ringenden Seele, in der elementare Rassenkräfte die Fesseln klügelnder Wdltkonstruktionen niederrissen. Es ist heute noch nicht möglich, die Wirkung dieses Buches, das in seinem Wesensgehalte nicht veralten kann, genau festzustellen, denn die zahlreichen Besprechungen (über die ich demnächst berichten werde), geben zwar die Ansichten tätiger Schriftsteller wieder, können aber niemals der Ausdruck dessen sein, was man vielleicht als „öffentliche Meinung" betrachten darf. 1882. Pinsker. 1897. Herzl schafft den ersten Baseler Kongress. Die Binduogsglieder sind klar gegeben. Aber von Hess zu Pinsker liegen die ersten Anregungen zu palästinensischer Kolonisation, ohne dass die nationalen Grundgedak°n Hessens dabei die Richtung geben. Von Hess selbst hiess es bislang, dass er wieder von seinen jüdischnationalen Gedanken abgekommen sei und sich wieder ausschliesslich sozialistischen Problemen und sozialistischer Arbeit zugewandt habe. Allein so sicher es ist, dass er zu einer organisatorisch-jüdischen Aibeit nicht gekommen ist, weil die Zeit dafür noch nicht reif war, so falsch ist es, ihn als Abtrünnigen seiner Lehre zu bezeichnen. Es ist mir gelungen, eine grosse Reihe jüdischer Aufsätze von Hess aufzufinden, die gänzlich unbekannt geblieben sind, aber von dem starken und leidenschaftlichen Interesse fürrs Judentum und für die Durchdringung des nationalen Gedankens zeugen. Und es dürfte ihm auch nicht an Genossen gefehlt haben* Genossen, die auch den Mut hatten, in der Oeffentlichkeit ihr nationales Bekenntnis abzulegen. An Gelegenheit fehlte es nicht. Die Sechzigerjahre scheinen eine Reihe von Judenstaats-Broschüren gezeitigt zu haben, die besonders in jüdischen Kreisen weniger Aufsehen als — Schrecken hervorgerufen haben. Von einer solchen Judenstaatsdiskussion sei hier die Rede. 1864 war in Genf eine Broschüre erschienen, anonym : „Devoir des nations de rendre au peuple. juifsa nationalite" Es war mir leider, trotz eifrigster Bemühung, nicht möglich, in den Besitz dieser Broschüre zu kommen; vielleicht wird sie ein anderer Gesinnungsgenosse in Genf oder Paris auffinden. Die „Archives Israel ites" vom Jahre 1864 bringen eine Reihe Zuschriften, die das Pro und Contra lebhaft und nicht ohne Schärfe behandeln. Und allen war es selbstverständlich, dass der ungenannte Verfasser dieser Broschüre nur der Neufchateler Prediger und Professor Abraham Petavel sein konnte. Petavel hatte schon oftmals in seinen Reden und Schriften von der Wiederherstellung des jüdischen Reiches gesprochen. Er muss in der Tat einer der eigentümlichsten und in der Reinheit und Geradheit seines Wesens anziehendsten Menschen gewesen sein. Die grosse Anzahl seiner Schriften bezieht sich ausschliesslich auf die Gewinnung Israels für das Christentum. Dabei war er keiner von den landläufigen Missionären, die die Seelen fangen, sondern eine heisse Liebe zum jüdischen Volke trieb ihn dazu, den Kindern Jakobs die „Heilslehren" zu bringen, damit sie endlich eröst würden und auf ihrer heimischen Erde als das auserwählte Volk Gottes es ermöglichten, dass die vom Prophetenmund geweissagten Tage kämen. Denn jeder hohe Fortschritt der Menschheit im Sinne der Bibel hat die Heimkehr der Juden ins heilige Land zur Voraussetzung. Man miiäs gestehen, so verrannt uns auch immer die Anschauungen Petavels erscheinen, die Art, wie er sie vorträgt, der heilige Ernst, die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung, haben etwas geradezu Rührendes. Er war ein eifriges Mitglied der „Alliance israelite universelle", den man mit Liebe entgegenkam, auch wenn der Präsident Königswarter mit aller Entschiedenheit als „Privatmann" das gegenseitige Verhältnis klarlegte. Von seinen vielen Reden, seinen offenen Briefen kann an dieser Stelle nicht eingehender gesprochen werden. Bemerkenswert aber ist ein grosses Gedicht von ihm: „La fille de Sion ou la retablissement dTsrael," das in sieben Gesängen im Jahre 1864 bei Den tu in Paris erschienen ist und auch in den jüdischen Blättern, trotz der prinzipiellen Ablehnung des Standpunktes, reiche Anerkennung gefunden hat. In der Tat darf man nicht mit grossen literarischen Erwartungen an dieses Werk herangehen. Jeder Gesang ist etwa 10 Seiten lang und hat 100 Seiten Erklärung! Das sagt genug. Wohl muss man auch oftmals lächeln über die wunderlich mystischen Anschauungen, über seinen ehrlichen Glauben an die apokalyptischen Prophezeiungen, dass nämlich in dem siebenten Millennium, dem Sabbat-Jahrtausend, das Gottesreich anbrechen wird und dass schon heute sich die Wiederherstellung des jüdischen Reiches vor dem Ende des sechsten Jahrtausends erfüllen kann, denn grosse Veränderungen bereiten sich im Orient vor. Und vielleicht wird der Hergang doch etwas anders sein, als Pötavel sich ihn vorstellt. Allein die Anschauung ist hier nichts, die Gesinnung alles. So war es denn natürlich, dass alle Welt in Petavel den Autor der oben genannten Broschüre sah. Freilich hat Pötavel später die Urheberschaft abgelehnt, jedoch mit dem Bemerken, dass er die darin vertretenen Anschauungen natürlich vollkommen teile. Die Redaktion der „A r c h i v e s Israelite sc machte gleich von vornherein ihre Bedenken geltend: Der Vorschlag ist weder „realisable" noch „acceptable". Wenn die Nationen sich dazu verstünden, den Israeliten die Tore Palästinas wieder zu öffnen und sie wieder in ihr Besitztum einzuführen, scheint es uns sehr zweifelhaft, da^s die Israeliten en masse diesen Vorschlag annähmen. Sie sind Franzosen etc. Menschenliebe, Mission und was auch heute sonst noch zu den Abwehrmassregeln gehört. Gegen diese Art der Behandlung der Frage wendet sich in einem längeren Briefe LazarL^vy-Bing. Es ist fraglos, dass er noch nicht zu der Klarheit durchgedrungen ist, wie Moses Hess, den er kennt und schätzt und auf den er verweist. Allerlei dunkle Vorstellungen, fantastische Menschheitszukunftsbilder, wie sie das hellenistische und spätere Judentum konstruiert, wirbeln noch in seine gesunden, praktischen nationalen Gedanken hinein. Aber er ist doch einer der Wenigen, die den Mut haben, in dieser Zeit der trübseligen Konfessionalisierung des Judentums wieder die nationale Grundlage und den nationalen Gehalt unserer Gemeinschaftskultur zu betonen. Levy-Bing war Bankier in Nancy, später in Paris, wo er als Mitglied des Konsistoriums für die Legislative am 2. Juli 1871 vorgeschlagen wurde. Er gehörte zu jenen leider immer seltener werdenden reichen Männern in Israel, denen die Beschäftigung mit dem Judentum und die schöpferische Anteilnahme ihre edelste Erholung Ist. Er hat auch ausser einer Reihe gedankenreicher Aufsätze

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