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Die Welt · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Article
Die Juden in Böhmen
Date
1903-12-04
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 -„MC-^t-Welt Nr. 49 Abiturienten die Prager Hochschule beziehen, so öffnen sich ihnen gastlich die Pforten der „Lese- und Redehalle" mit ihrer prächtigen, in ganz Mitteleuropa mit treudeutschem Gruss und Handschlag zusammengeschnorrten Bibliothek, ihren Freibilletts und Tennisplätzen, und eines schönen Tages wird ihnen dort nach einem guten Schalet feierlichst das Ehrenwort auf deutsche Gesinnung abgenommen. Dem Zionismus kann in Böhmen nur Raum geschaffen werden, wenn die deutsche Fortschrittspartei vom politischen Schauplatz verschwindet. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass dies die nächste Wahlschlacht besorgen wird. Hoffen wir das Beste. Lieber ehrliche Feinde als Freunde, die vom Verrate an unserem Volke leben und sich am Mark unserer Jugend mästen. Wenn dem deutschnationalen Judentum nicht die politische Basis entzogen wird, so wird man mit Argumenten wenig ausrichten. Das sitzt zu fest in den Knochen. Einem Juden wurde einmal von mehreren arischen Deutschen das Recht streitig gemacht, sich zur deutschen Nationalität zu rechnen. Alle Einwendungen, die er erhob, wurden mit logischer Schärfe zurückgewiesen. Und als er sich nicht mehr anders helfen konnte, schlug er wütend auf den Tisch und schrie zornfunkelnden Auges: „Und wenn Ihr zerspringt, wir sind doch Deutsche!" — Furor teutonicus! R. W—f. Brief aus Odessa. „Einigung ist Kraft", so heisst die dritte Ohrfeige, welche die russischen „Kosmopoliten" seit Ostern bekommen haben. Die erste hiess „Kischenew", die zweite „Hornel11. Der auswärtige Leser, der die russischen „Kosmopoliten" (natürlich in Anführungsstrichen) nicht kennt, wird wohl darüber sehr erstaunt sein, dass es Menschen und zudem noch wie wir gleich sehen werden, Juden gibt, für die ein „Pogrom" und die Begründung eines antisemitischen Studentenvereines eins und dasselbe ist. Das Traurigste aber an der Sache ist der Umstand, dass diese Juden selbst am wenigsten an dieser Entartung schuld sind. Erzogen in vollständiger Unkenntnis des Judentums, im Hause assimilierter Eltern, in Schulen und unter Kollegen, wo das Wort „Jude" (Shid) mit der grössten Verachtung ausgesprochen wird und nichts von der Vergangenheit seines Volkes wissend, kommt der junge, intelligente Jude ins Leben oder in die Universität. Die Juden kennt er nur nach den höchst widerlichen jüdischen Typen Dostojewskys und nach den wenig anziehenden jüdischen Typen anderer russischer Literaten. Die Strasse zeigt ihm meistens dasselbe wie die russischen Literaten. Die Judenheit in ihrer heutigen Verfassung kann ihn nicht anziehen. Dass es auch heute noch in der Judenheit Schöriheit gibt, weiss er nicht, denn er hat von der jüdischen Literatur der Gegenwart keine Ahnung. Dass die Juden auch etwas für die menschliche Kultur geschaffen haben, hat er wohl gehört, aber er selbst weiss nichts davon, denn Heine ist für ihn ein deutscher Dichter, A n t o k o 1 s k y ein russisch er Bildhauer. Die Frage, wie die Juden in ihre jetzige Lage gekommen sind und was sie früher waren, interessiert ihn absolut nicht. Russisch-national erzogen, möchte er auch russischnational sein, aber die „Maigesetze", der rRayon" Kischenew, Hornel u. s. w. machen ihm das zur Unmöglichkeit. Als Jude fühlt er sich nicht — fühlt doch kein Mensch, welches Blut in seinen Adern fliesst — und Russe kann er unmöglich sein. Die verfehlte Erziehung nahm ihm das, was jeder andere Mensch besitzt, nämlich das Bewusstsein, irgend einer Nation anzugehören, während die rauhe Wirklichkeitihm seine Menschenrechte streitig macht; und so schafft er sicfrnun ein Ideal, welches ihm volle Vergeltung verspricht. Er wird zum „Kosmopoliten" und glaubt fanatisch daran, dass recht bald die Zait kommen werde, wo es „weder Hellenen noch Juden" geben wird. Ungeachtet dessen, dass jede Nationalität jetzt mehr denn je ihre eigenen nationalen Interessen vertritt, glaubt er mit einer besonderen Hartnäckigkeit an die baldige Verschmelzung a 1 1 e r Nationen in eine „Menschheit". Er selbst ist dem nationalen Boden entrissen und er wünscht nichts sehnlicher als dass alle Menschen sich von ihrer Nationalität lossagen, um ihm zu gleichen. Uebrigens mag ihm da3 Alleinstehen auch nicht besonders behagen. Sagt man solchen „Kosmopoliten": „Wenn ihr doch seht welch ein Hass zwischen Jud'und Nichtjud' herrscht, wie könnt ihr nur glauben, dass dieser ewige Rassenhass bald verschwinden wird", so antworten sie: „Tut nichts — lasst erst die heutige russische Studentenschaft ins Leben treten. Als Aerzte, Lehrer, Advokaten u. s. w. werden sie das russische Volk schnell aufklären und der Hass wird wie Schnee an der Sonne schmelzen." Und die „Kosmopoliten" hatten scheinbar ein Recht so zu sprechen, denn solch eine liberale und ideenreiche Studentenschaft gibt es wohl nirgends wie in Russland und gar viele begeisterte, russische Jünglinge schienen wirklich die auf sie gesetzte Hoffnung der „Kosmopoliten" rechtfertigen zu wollen. Nun aber begründeten die jungen Leute in blauen Blusen, die bis zur späten Nachtstunde in den höchsten Dachstuben Odessas über alle möglichen höheren Materien disputieren, vor zwei Wochen in Odessa einen verkapptantisemitischen Verein mit dem Namen „Einigung ist Kraft«. Zweck dieses absolut judenreinen Vereines ist „sich geistig und moralisch auf ge setzlichem Boden zu entwickeln". Im Laufe von zwei Wochen hat der Verein 200 Mitglieder herangezogen. Die Universitätsbehörde, welche jegliche studentische Vereinigung mit allen Mitteln unterdrückt, gab dieser Verbindung ihre Sanktion. Solche Vereine entstanden bereits oder sind an mehreren anderen Universitäten Russlands noch im Entstehen. Ein naiver jüdischer Student, für den die russische Intelligenz von Kischenew und Hornel blos eine seltene Ausnahme, ist, die die Regel bestätigt, wollte es unter keinen Umständen glauben, dass noch andere russische Gebildete judenfeindlich gesinnt sein können und ging zur Geschäftsstelle des Vereines, um sich als Mitglied eintragen zu lassen. Zu seinem Erstaunen erfuhr er aber, dass sich ein Jude nicht geistig und moralisch auf gesetzlichem Boden entwickeln kann, und dass der Verein „Einigung ist Kraft" keine Juden aufnimmt, da es sein Hauptziel ist — die Juden aus den russischen Universitäten hinauszuekeln, weil dieselben angeblich revolutionäre Ideen unier den Studenten verbreiten und so der geistigen und moralischen Entwicklung auf gesetzlichem Boden hinderlich im Wege stehen. Der arme Bruder Studio musste sich zu seinem nicht geringen Schmerze gestehen, dass der Antisemitismus auch in der russischen Studentenschaft tiefe Wurzel geschlagen hat, denn dies beweist das rege Leben auf der Geschäftsstelle und das rapide Anwachsen des genannten Vereines. Von dem vielgepriesenen Liberalismus aber und dem Gleichheitssinn der russischen Studentenschaft wird bald nichts mehr als eine schwache Erinnerung übrig bleiben. Die Begründung dieses Vereines ist das Kischenew der „Kosmopoliten" in Anführungsstrichen; das ist das „Pogrom" ihrer Hoffnungen. Der Verein bekämpft jede freiheitliche Bewegung unter den Studenten und wird Fortschritte machen, weil „Einigung Kraft ist", und wenn die „Kosmopoliten" ihre ganze Hoffnung auf die freiheitliche

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