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Die Welt · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Article
Die Juden in Böhmen
Date
1903-12-04
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 49 „bie * Weit" Seite 3 angedeutet wurde, politisch ziemlich unverlässlich ist, für unsere Darstellung wenig in Betracht. Anders der sozialdemokratische Teil. Unter der jüngeren Generation der jüdischen Kaufmannschaft hat sich die Sozialdemokratie, insbesondere zur Zeit der ersten Wahlen in die allgemeine Kurie des Reichsrates, massenhaft Anhänger erworben, und wenn ihre Zahl inzwischen ein wenig zurückgegangen ist, so ist das nur auf Pressionen seitens der Arbeitgeber zurückzuführen. Vom zionistischen Standpunkte muss die sozialdemokratische Fraktion entschieden sympathischer genommen werden, als die pseudo-deutsche und -tschechische. Denn fasst man den Begriff der sozialdemokratischen Internationalität dahin auf, dass die Pflege des Volksbewusstseins zur Privatsache erklärt wird — und diese Ansicht ist die richtige -— so bleibt für nationale Bestrebungen immerhin ein gewisser Spielraum; setzt man aber diesen Begriff einem vollständigen nationalen Indifferentismus gleich, so muss man bedenken, dass der Deserteur immer noch ethisch höher steht als der Ueberläufer. Ob übrigens die Juden der Sozialdemokratie durch ihre Zugehörigkeit zu derselben mehr genützt oder mehr geschadet haben, das ist ein Kapitel für sich und sei, wie überhaupt das ganze Verhältnis der Juden zur Sozialdemokratie, das noch von ganz anderen Gesichtspunkten zu beurteilen ist, einer besonderen Auseinandersetzung vorbehalten. Kämen die Juden ohne jedwede politische Ambition an die Reihe. Es ist zumeist die älteste Generation, Ueberbleibsel aus der guten alten Zeit. Ausser ihren geschäftlichen und Familiensorgen konzentriert sich ihr Interesse höchstens darauf, beim „Franzefuss", dem Nationalkartenspiel der böhmischen Juden, den vierten Ober zu kaufen. Ihre Zahl ist noch ansehnlich, doch stehen sie auf dem Aussterbeetat. Der Zionismus hat in Böhm'en bisher nur eine geringe Verbreitung gefunden und wird von den salonfähigen Bevölkerungskreisen meist überhaupt nicht ernst genommen. Die wenigen Zionisten sind aber keineswegs über das Land gleichmässig zerstreut, sondern bilden in gewissen Gegenden scharf umrissene politische Inseln — so Prag mit sieben jüdischnationalen Vereinen, Teplitz, Gablonz — während man in anderen Teilen des Landes das Wort „Zionismus" nur vom Hörensagen kennt. Der Grund hiefür liegt grösstenteils in dem Umstände, dass die Agitation in Böhmen meist nur privatim, von einigen begeisterten Parteiangehörigen batrieben wurde, die,insbesondere in kleineren Städten, unter ihren zahlreichen Bekannten leicht eine grössere Zahl von Anhängern zu finden wussten, während die öffentliche Agitation durch Versammlungen auf unfruchtbaren Boden fiel, — eine Erscheinung, die sich überall zeigt, wo vor einem Publikum durchschnittlicher Intelligenz, das mit einer vorgefaßten Meinung den Versammlungssaal betreten, von der Tribüne aus eine entgegensetzte politische Propaganda gemacht wird. — — Als die gefährlichsten Gegner des Zionismus stehen, wie sich aus dieser Schilderung der Verhältnisse ergibt, die deutschfortschrittlich gesinnten Juden auf dem Plane und dieser Partei seien noch einige Bemerkungen gewidmet. Zunächst wäre es für einen Psychologen der Politik höchst interessant, das Seelenleben dieser Partei zu studieren und die Motive zu sondieren, welche ihr noch immer neue Anhänger in die Arme treiben. In einer Zeit, in der sich allüberall, auch im Proletariat, der nationale Gedanke mächtig Bahn bricht, finden wir hier die seitsam perverse Neigung, die eigene Abstammung zu verleugnen. Und selbst wenn sich die Juden ihrer Vergangenheit zu schämen hätten — die Geschichte des Judentums lehrt das Gegenteil — wäre diese Perversität unverzeihlich, da sich selbst Angehörige von Völkern der niedrigsten Kulturstufe, von Stämmen, die vom Hammeldiebstahl leben, überall stolz zu ihrer Nationalität bekennen. Und wenn diese Juden von dem Volksstamm, dem sie sich aufdrängen — man nennt das bekanntlich „Assimilation* — wenigstens freundschaftlich aufgenommen würden! Man weiss, wie sehr das Gegenteil davon der Fall ist. Immer wieder mit Fusstritten regaliert, immer wieder mit Spott und Hohn zurückgewiesen, laufen sie immer wieder mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit ihren Verächtern nach — fürwahr eine in der Geschichte der Völkerpsychologie noch nie dagewesene Erscheinung von Selbsterniedrigung.-- Und wenn sie wenigstens irgend einen praktischen Erfolg mit ihrer deutschnationalen Anbiederung erzielen würden! Umgekehrt, wie jener patriotische Festredner, der pathetisch ausrief: „Hat uns der Patriotismus jemals geschadet?" — muss man sie ganz nüchtern fragen: „Hat euch die deutschfortschrittliche Gesinnung je genützt?" Die deutsche Fortschrittspartei ist niemals offen und ehrlich für die Juden eingetreten, und man kann es eigentlich auch gar nicht von ihr verlangen in einem Staate, in dem der Antisemitismus zur Existenzbedingung einer politischen Partei geworden ist. Der Antisemitismus ist ein Gradmesser der Kultur. In Amerika kaum dem Namen nach bekannt, bildet er in anderen Staaten das Um und Auf der ganzen Regierungskunst und gibt in Oesterreich in seinen verschiedenen Intensitäten das unterscheidende Merkmal der politischen Parteien ab : Latenter, offener, zum Paroxysmus gesteigerter Antisemitismus — im politischen Leben nennt raan's: Freisinnig, national, radikalnational. Philosemitismus ist der Todeskeim für jede politische Partei in Oesterreich — und so helfen sich denn die deutschfortschrittlichen Abgeordneten mit einem einfachen Hausmittel: solange es nur angeht, reden sie über die Judenfrage überhaupt keine Silbe. Wiesehr diesen Herren die Judenfrage eine — peinliche Frage ist, dafür folgende Episode: Einer der ersten deutschfortschrittlichen Abgeordneten wurde einmal in einer Wählerversammlung von seinem deutschnationalen Gegenkandidaten gefragt, welche Stellung er gegenüber jenen jüdischen Wählern einnehme, die kurz vorher bei der Wahl in die fünfte Kurie sozialdemokratisch gewählt hatten und ob er diese von sich weise. Alles lauscht gespannt, da antwortet der Abgeordnete : „Ich bin nur meinen Wählern Rechenschaft schuldig, der Herr Gegenkandidat ist nicht mein Wähler, daher gebe ich ihm auf seine Frage keine Antwort".-- Intelessant ist auch, dass die fortschrittlichen Juden es mit ihrer politischen Gesinnung eigentlich gar nicht so peinlich genau nehmen und in ihrem Herzn auch immer noch für andere politische Ansichten Platz haben. Am besten zeigt sich das bei den Reichsratswahlen, wo dieselben Juden, die in der Städtekurie für den deutschfortschrittlichen Kandidaten gestimmt, in der fünften Kurie wie ein Mann für den sozialdemokratischen Kandidaten eintraten. Nun geht ja auch die arische Bevölkerung ab und zu Wahlkomprornisse ein, aber man bleibt da immer bewusst, dass es sich um Ausnahmsregeln handelt, während bei dieser Partei Manifestationen der divergierendsten Anschauungen zur politischen Selbstverständlichkeit geworden sind. Eines könnten die Zionisten von den Deutschfortschrittlichen lernen: wie man die Jugend für sich gewinnt Schon an den Mittelschulen wird die jüdische Jugend durch ihre Emissäre in Pennälerverbindungen auf die deutschfortschrittliche Gesinnung dressiert, und wenn die jüdischen

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