Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Article
- Armenier und Juden in Ungarn - und anderswo
- Date
- 1903-11-27
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316068-3339139--44639-3339289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 # Nr. 48 bewahrt, treue Bürger ihrer Heimat wurden, warme und hochgeschätzte Freunde des heimischen Volkes, aber nie für angebliche politische Vorteile ihren Namen und ihre Nationalität verschacherten. Nicht nur einzelne, sondern die Gesamtheit hat es zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Von den 365 armenischen Familien Ungarns sind 57 adelig, und für ihren Wohlstand zeugt es, dass im Hauptsätze der ungarländischen Armenier, irn Komitate Szolnok-Doboka, von den 211 Höchstbesteuerten 41 Armenier sind, d. i. 20 Prozent, während sie bloss 1.5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Aber nicht nur in Ungarn, in der ganzen Welt haben die Armenier Nationalität und Sprache durch Jahrhunderte getreu bewahrt und es überall zum grössten Einfluss gebracht. In Galizien und der Bukowina leben höchstens 6000 Armenier und doch sind diese Armenopolen Führer der politischen Parteien, z. B. die Familie Abrahamovicz, und bilden gar im Bukowinaer Grossgrundbesitz eine eigene ausschlaggebende Partei mit vier Landtagsabgeordneten. Juden gibt es in diesen Ländern 150mal so viel, und man vergleiche die Lage dieser Polen und Deutschen mosaischer Konfession mit der Lage der ihrer Nationalität treu gebliebenen Armenier. Und diese Gegenüberstellung Hesse sich in aller Herren Länder fortsetzen. Glänzend geht es überall den Armeniern und ihre Lage lässt nirgends etwas zu wünschen übrig, und doch haben sie nicht ihrer fernen Heimat, ihrer unglücklichen Brüder im türkischen Reiche vergessen. Eine eigene Bewegung, gleich dem Zionismus im Judentum, ist allerdings bei den Armeniern nicht entstanden, doch nicht etwa, weil die zu Wohlstand, Ansehen und Macht gelangten Armenier keinen Sinn für die ehrwürdige Heimat am Kaspi-See, kein Herz für die armen, unterdrückten Brüder hätten. Sie brauchen keinen Zionismus, denn sie haben ihr Zion nie verloren, sie sorgen und bangen, kämpfen und streiten fortwährend seit Jahrhunderten für dasselbe. Ueber die Hälfte der Szamosujvarer „Armenia" ist mit begeisterten Schilderungen über Armenien und sein Volk erfüllt, und ebenso erscheinen in London und Marseiile, Paris und Boston, Wien und Livorno und noch in vielen, vielen Orten Zeitschriften und Zeitungen, meist in armenischer Sprache, welche fortwährend und unerschöpflich für Kenntnis, Befreiung und Wiedergeburt Armeniens arbeiten. Niemand bezichtigt deshalb die Armenier des Vaterlandsverrates und wenn auch viele der ungarländischen, italienischen, rumänischen etc. Armenier nicht an eine Rückkehr denken, so sind sie doch Kolonien und Vorposten Armeniens, ihrer Stammesheimat, im fremden Land. Alle aber hoffen bestimmt und zuversichtlich auf Armeniens Freiheit, denn sie wissen wohl, dass man ein Volk nicht auf die Dauer seiner Heimat berauben kann! Armenier und Juden wTerden oft miteinander verglichen, und doch ist die Aehnlichkeit nur eine äusseriiche. Die Armenier sind überall eine selbständige Nation geblieben, die Juden versuchten überall, sich an die übrigen Nationen anzukleben; die Armenier sind deshalb überall angesehen und machtvoll, die Juden verhasst und unterdrückt; die Armenier haben ihre Stammesheimat nie verloren, wenn sie auch unter fremde Herrschaft kam, während den Juden erst der Zionismus eine Heimat schaffen kann und wird. Dann aber werden wir aber auch nicht mit solchem bewundernden Neid die Armenier betrachten müssen, wie es jetzt leider der Fall ist. Lavoslav Schick. Zion und Ostafrika. Eine Rede Mr. Greenbergs. Samstag den 14. November fand in der St. James-Halle in London eine grosse zionistische Volksversammlung statt, in der Rev. Green den Vorsitz führte und Mr. L. J, Q r e e nberg der Hauptredner war. Der Hauptinhalt der"Rede war eine Polemik gegen Dr, Gast er, der in dem Oktoberhefte der Zeitschrift „Ost und West" unter dem Titel „Zionismus und.Neuzionisnius" einen geharnischten Artikel in der Ostafrikaangelegenheit veröffentlicht hatte. Mr. Greenberg begann mit der nochmaligen Erklärung des Zieles des Zionismus, der die Schaffung eines öffentlich-rechtlich gesicherten Heimes für das Jüdische Volk in Palästina anstrebe. Mr. Greenberg erklärte, der Zionismus halte nach wie vor an diesem Ziele fest, von dem er niemals abgewichen sei. „Wir bleiben," so führte der Redner aus, „treue Anhänger unserer Hoffnungen und Ideale und streben nach wie vor darnach, unser Heim in Palästina zu errichten, um dort ein neues Leben im Judentum zu beginnen und die geistigen und körperlichen Fesseln zu sprengen, welche unser Volk in der Zerstreuung trägt. Das Banner Judas wollen wir auf die Zinnen Zions pflanzen, einen wahren Sammelpunkt für die Zerstreuten unseres Volkes schaffen, der Judennot ein Ende bereiten und von dort aus der Menschheit die frohe Botschaft senden einer Aera von Freiheit, Gleichheit und Recht." Diese Worte rühren von unserem gelehrten Freunde, dem Chacham Dr. Moses Gaster her. Ich trage sie vor als einen Ausdruck meiner Gefühle, um zu zeigen, dass zwischen den Gegnern der letzten Entwicklung im Zionismus und ihren Fürsprechern am Ende nur ein geringer Unterschied vorhanden ist; ich unterschreibe diese Worte Dr. Gasters mit ganzem Herzen. Diese Worte bilden den Schluss eines ausgezeichneten Artikels, den er in der Zeitschrift „Ost und West" veröffentlicht hat. Ich will die Aufmerksamkeit auf diesen Artikel lenken, denn er war dem Inhalte und dem Umfange nach gediegen. Er war mit der ganzen Meisterschaft geschrieben, die Dr. Gaster auszeichnet, und ich beteure hier, dass ich bei allem, was ich zu sagen habe, der immensen Verdienste, die sich Dr. Gaster um unsere Sache erworben hat, nicht vergessen werde, auch nicht vergessen werde der hohen Stellung, die Dr. Gaster mit Würde bekleidet, noch auch des Ansehens, das er nicht nur in unserer Gemeinde, sondern bei der Judenschaft der ganzen Welt geniesst. Dr. Gaster begann seinen Artikel mit der Bemerkung, dass man unterscheiden müsse zwischen „Judenfrage" und Zionismus. Er sagte: „Die zionistische Frage und die Judenfrage sind nicht gleichwertige Begriffe. Sie können nicht ohne weiteres eine für die andere umgetauscht werden. Die eine hängt mit der Judennot zusammen, die andere ist davon unabhängig.'4 Nun, ich erlaube mir da gleich im Anfang anderer Meinung zu sein als Dr. Gaster. Wenn die zionistische Bewegung überhaupt eine praktische Bedeutung haben soll, so muss man genau die Lage der Juden kennen lernen, ob sie eine elende oder eine glückliche ist. Man muss die Judenfrage genau studieren und ich bin umsomehr überzeugt, dass ich Recht habe, da ja Dr. Gaster selbst eine Woche darauf in der Anglo Jewish Association gesagt hat: „Ich halte fest an der Ansicht, dass die einzige Lösung der Judenfrage nur Palästina ist." Nun, wenn Dr. Gaster nach einer Woche seine eingenommene Position verlässt und erklärt, der. Zionismus habe sich mit der Judenfrage zu beschäftigen, so ist damit die Grundlage des Artikels, auf den ich mich beziehe, erschüttert, denn er geht von der Annahme aus, der Zionismus sei etwas ganz verschiedenes von der Lösung der Judenfrage in ihrer ökonomisch-sozialen Seite. Dr. Gaster sagt in seinem Artikel, dass der Zionismus Ziele verfolgen muss, die mit der Lage und den gegenwärtigen Lebensbedingungen der Juden nichts zu tun haben. Ich habe Dr. Gaster gegen sich selbst reden lassen. Es war das beste, was ich tun konnte. . Aber ich frage, ob es möglich sei, zu, begreifen, dass die zionistische Bewegung für die Welt, für die Judenheit etwas leisten könnte, ohne dem gegenwärtigen Stande,der Judenfrage Rechnung zu tragen! Obwohl der obgenanaite, Artikel, wie alles, was Dr. ,Gaster schreibt, vortrefflich ist muss ich diesem doch einen Vorwurf machen. Dr. Gaster nimmt immer die Miene der Unfehlbarkeit an und lässt keine von der seinigem abweichende Meinung zu. Er hat eine kurze und scharfe Methode, mit