Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Article
- Armenier und Juden in Ungarn - und anderswo
- Date
- 1903-11-27
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 48 „blf* Welt1' Seite 3 „Blatt der armenischen Nation". Ihr Redakteur und Herausgeber ist während der ganzen Zeit der Professor am Szamosujvarer Staatsgymnasium Szongott Kristof, der sich durch die vorzügliche Leitung des Blattes und durch seine umfangreichen Arbeiten über die ungarischen Armenier und ihre Geschichte gross© Verdienste um sein Volk erworben, und dem auch von den magyarischen Gelehrten die grössteAnerkennung gezollt wird. In seiner Zeitschrift entwickelt er folgendes Programm: „Mögen unsere tüchtigen Armenier Vorkämpfer der Zivilisation sein, mögen sie die besten Ungarn bleiben, dabei aber ja nicht aufhören, Armenier zu sein.*' Unter diesem Banner zählt die Zeitschrift zirka 150 Mitarbeiter, und es gibt wohl keinen illustren armenischen Namen Ungarns, der in dieser Liste fehlte. General C z e t z J a n o s, der als letzter 1849 den Freiheitskampf in Siebenbürgen wider die Russen führte, fordert in einem Neujahrsbriefe an die „Armenia" armenische Jünglinge auf, sie mögen in seiner jetzigen Heimat Brasilien mit seiner Hilfe ihr Glück versuchen. Niemand verargt es diesem Manne, dessen Namen in der Geschichte und im Liede Ungarns fortlebt, dass er speziell seine Konnationalen einladet und nicht ungarische Jünglinge überhaupt. Einer der eifrigsten und besten Mitarbeiter der „Armenia" ist Reichsratsabgeordneter Dr. Molnar A n t a 1, welcher bereits seit Jahren Schriftführer des ungarischen Parlamentes ist. Nebst zahllosen Skizzen und Studien aus der armenischen Geschichte und Literatur veröffentlicht er in den letzten Jahrgängen, auf Grund eigener Studienreisenvom nationalen Gedanken erfüllte Schilderungen aus dem russischen und türkischen Armenien. Im Kronprinzwerke, „Die Oesterreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild44 schreibt er: „Das charakteristische der Armenier ist die tiefe religiöse Gesinnung, welche gleichzeitig die Ursache ist, dass seit dem völligen Verluste der Unabhängigkeit Armeniens im 11. Jahrhundert die Kirche die Zuflucht des geistigen Lebens der Nation wurde und das einigende Band für die in der ganzen Welt zerstreuten Armenier.44 Aber der Glauben ist auch für Dr. Molnar nicht die Bedingung der Zugehörigkeit zum Armeniertum, denn in seinen Artikeln nennt er die schismatischen Armenier des Ostens, trotzdem er und die anderen ungarischen Armenier katholisch sind, „unsere asiatischen B r ü d e r44. Ob wohl je ein jüdischer Abgeordneter sein Nationaljudentum bekunden möchte? Aber die Juden Ungarns sind eben Magyaren mosaischer Konfession, während die Armenier eine besondere Nationalität bilden. Diese fremde Nationalität besitzt jedoch, trotzdem sie nicht ein Tausendstel der Bevölkerung bildet, unter den 413 Reichsratsabgeordneten 15 Abgeordnete, darunter den Finanzminister L u k a c s, beide Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses, den gewesenen Minister Geheimrat Daniel und J a k a b f y, sowie den Grafen Ko r ä t s o n y. In der Volkspartei gibt es einen, in der Unabhängigkeitspartei zwei Armenier, darunter Dr. Lengyel Zoltan, einer der radikalsten Führer der Partei und auch im jetzigen Obstruktionskampfe einer der Vorkämpfer. Fast alle Abgeordneten sind Mitarbeiter der „Armenia44 und bekennen sich ohne Ausnahme stolz und offen zur armenischen Nationalität, die ihnen nicht das geringste Hindernis bei Erlangung der höchsten Positionen in den Parteien und im Staate bildet. Salomon Gaizago, einer der angesehensten Politiker aus dem Kreise Deaks, bei dessen Tod das ganze Land tiefe Trauer ergriff und das führende Organ schrieb, „dass Ungarn einen vortrefflichen Mann, einen gesinnungstüchtigen Politiker, einen edlen Menschen verloren habe44, schreibt noch kurz vor seinem Tode einen Teil seiner Briefe in .armenischer Sprache, und dass er armenischnational fühlte, braucht wohl bei einem Armenier nicht besonders hervorgehoben zu werden. Ungarische Minister gab es bereits vier von armenischer Nationalität und ungezählte andere hohe Staatsmänner, sind ja gleichzeitig drei Obergespäne und drei Bürgermeister königlicher Freistädte Armenier. Die 830 000 Magyaren mosaischer Konfession, welche fast 5 Prozent der Bevölkerung bilden, haben bis jetzt noch keinen einzigen — nicht etwa jüdischen Minister oder Obergespann — denn so was wagen sie nicht mal zu träumen — sondern keinen einzigen Staatssekretär oder Vizegespann oder selbst nur simplen Bürgermeister in jenen Städten, wo die Juden in absoluter Majorität sind, durchgesetzt. Die Assimilation scheint also nicht so besondere Vorteile, und das stolze, seibstbewusste Bekennen seiner Nati'onaliitjät, wie es seütens der Armenier geschieht, nicht so besondere Nach teile zu bringen. Täglich wird die Zahl jener Blätter grösser, in denen es — o Ironie der Tatsachen — heisst: „die Juden sind keine Magyaren;44 gar kräftig klingt dieser Ruf in den Hörsälen der Universität und selbst die feierlichsten Beteuerungen des „Egyeniöseg" lassen diesen Ruf nur immer kräftiger werdem Dabei ist es noch traurige Tatsache, dass das chauvinistische Vorgehen der ungarischen Juden bei den Nationalitäten eine furchtbare Erbitterung hervorgerufen hat. Die Armenier hingegen, trotzdem sie immer gute Ungarn waren, haben es wohl verstanden, mit den siebenbürgischen Rumänen im besten Einvernehmen zu leben und auch das rumänische Bistum ist im aimenischen Szamosujvad. Seit Jahrhunderten besitzen die ungarländischen Armenier ihre eigene, ausgeprägte Nationalität, sind gute Freunde der Magyaren, aber nicht Magyaren selbst und dennoch wird bei jeder Gelegenheit in allen ungarischen Blättern das Armeniertum mit der grössten und überschwänglichen Freundlichkeit behandelt. Nur zwei kurze Zitate unter Hunderten ähnlichen: „Magyar Hirlap44: „Eine der treuesten Nationen Ungarns sind die Armenier, welche in Freud und Leid so mit uns verschmolzen sind, dass sie bloss äusserlich, aber nicht im Herzen und Gedanken eine eigene Nationalität bilden, was wir Magyaren schon lange wissen.4* Den Armeniern selbst fällt das im magyarischen Blatte erwähnte Aufgehen im Magyarentum gar nicht ein. Ais sie vor kurzem die 200jährige Gründung der Armenierstadt Szamosujvar feierten und am Hauptplatze der Stadt ein gewaltiges Denkmal ihres Führers Verzar Oxentius stifteten, leiteten sie eine mächtige Agitation für die Errichtung eines eigenen armenisch-katholischen Bistums in Siebenbürgen ein, denn ein solches besteht schon seit 180 Jahren nicht mehr. In ihren Kirchen herrscht ganz ausschliesslich die armenische Sprache, ihre Priester sind eifrige Vorkämpfer der armenischen Nationalität und Sprache. Szamosujvar ist in seiner ganzen Verwaltung armenisch geblieben, sämtliche Bürgermeister der Stadt seit ihrer Gründung, die Mehrheit der Professoren am dortigen Staatsgymnasium, wo das Armenische obligater Gegenstand ist, sind Armenier. Trotzdem armenische Reichsratsabgeordnete im ganzen Lande gewählt werden, waren die beiden Wahlbezirke Szamosujvar und Erzsebetväros bisher noch stets von Armeniern vertreten, obwohl die Armenier selbst in diesen Hauptorten nur eine kleine Minorität bilden. An der Budapester Universität, wo es nur wenige armenische Hörer gibt, ist eine Lehrkanzel für armenische Sprache und Literatur, die gegenwärtig Dr. Patrubany A k o s, einer der eifrigsten und nationalbegeistertsten ungarisch-armenischen Schriftsteller, knie hat. Dass hingegen das Hebräische, trotzdem die Juden in vielen Mittelschulen Ungarns die Majorität bilden und in der Hörerschaft der Universität in der Zahl von 2010 ein Drittel bilden, keinen Lehrstuhl an der philosophischen Fakultät besitzt, wird wohl niemanden wundern, denn für das Armenische interessieren sich alle Armenier, auch die Minister und Aristokraten, für das Hebräische jedoch höchstens ein alter Rabbiner! Je mehr man sich mit ihnen befasst, desto sympathischer werden diese ernsten, charaktervollen Männer, welche fern von der angestammten Heimat, in verschwindend kleiner Zahl, durch Jahrhunderte die Nationalität und die Muttersprache