Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Article
- Eine Ostafrikadebatte im Maccabeanclub in London
- Date
- 1903-11-20
- Page
- 11 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 „b\$ & W^lt Seite 11 finanziell zu.stützen. Nach dem obengesagten, halte ich es für übe) flüssig, darauf weiter einzugehen. Aber vielleicht ist er zu seinen poetischen und wohlgeformten Bildern durch die Annahme gelangt, man könnte dort Industrie- und Manufakturzentren schaffen, andere Birminghams, Manchesters und Bradfords und das Land anders als durch Agrikultur zu entwickeln. Dann werde ich ihnen erzählen, dass in dem Nachbarlande, in Deutsch-Ostafiika fünfzehn Jahre lang verschiedene Experimente seitens der deutschen Kapitalisten gemacht wurden, dass enorme Geldsummen und wissenschaftliche Sorgfalt verwendet wurden, mit dem einzigen Resultate, dass das Land jährlich mehrere Millionen Mark z ir Deckung des Defizits verschlungen werden und dem Mutterlaode zum Ijmtgelt nur die versprochenen Möglichkeiten bleiben. Das Rifttal kann kein Nachtasyl für Millionen Menschen werden, denn es gibt dort keine Schlafkammern. Denn wenn sie sich schon zu einem bescheidenen Gedanken von einer kleinen Siedeiung für Emigranten herablassen, wozu ihn mit dem grossartigen Schilde eines autonomen Staates behängen? Man muss die Tatsache ins Auge fassen : Im Briefe djr Foreign Office steht kein Wort von einem autonomen Staate, von einer autonomen Kolonie, es ist dort die Rede von der Ausübung der religiösen" Bräuche, freien Hand in dr»r Munizipalverwaltung und lokalen Autonomie unter der Aufeicht der britischen Regierung. Und wenn es auch eine vollständige Autonomie wäre, ein unabhängiger Staat mit eigener auswärtiger Politik, stellen sie sich dann diesen Staat von 100.000Menschen amAecjuator vor, 300 Meilen entfernt von der Küste, abgeschnitten von der ganzen Weit, und wenn eine Eisenbahnbrücke zusammenbricht ganz ausgangslos. Stellen sie sich einen Staat vor, der mit seiner Ein- und Ausfuhr ganz von einer Eisenbahn abhängt, die nicht ihm gehört, der von den Behörden des Hafens von Mombasa abhängt, und Steuer zahlen muss, wie es jenen beliebt. Ich mu-s gestehen, dass ich, Nationalist, wie ich bin, fragen würde : „Habt Ihr keinen besseren Flecken gefunden, um die zionistische Flagge aufzupflanzen? Da musste ich wahrlich an Palästina am Mittelländischen Meer denken. Freilich, es wurde immer betont, dass wir einen jüdischen Gouverneur haben werden. Aber das ist gar kein Anziehungsmitiel für den Juden. So könnte man auch jetzt sagen, weil in London ein jüdischer Lord-Mayor ist, gehe ich nach London. Es wird ferner als Grund für Ostafrika angegeben, es werde eine kleine Drillanstalt in physischer Beziehung, für die Zionisten werden. Aber es gibt ja doch in Europa Verbände, diesesZweckes wie es z.B. die Vorführung des JüdischenTurnerverbandesin Basel gezeigt hat.es gibt schliesslich jährlich 100.000 jüdische Soldaten in den verschiedenen Armeen Europas, wo sie ebenfalls gedrillt werden. Nein, wenn man Emigranten nach Ostafrika schicken wird, werden sie dort bleiben müssen. In Basel wurde die Parole ausgegeben, in London wurde dem beigetreten, dass Ostafrika nnr eine Haltestation auf dem Wege nach Palästina, nur ein Umweg sei. Nein, der Zionismus wird nichts in Ostafrika gewinnen, wenigstens nichts für sich, er kann höchstens dort etwas für das Wohl und im Interesse der gesamten Judenheit leisten, und nur in dieser einzigen Richtung möchte ich die Expansion der zionistischpn Tätigkeit zulassen. Die Umstände haben es mit sich gebracht, dass unsere Organisation im Zentrum der jüdischen Welt steht und ihre Augen auf sich zieht. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir in gewissen Beziehungen mit den übrigen Körperschaften mitarbeiteten zur Hilfeleistung für unsere Brüder. Wenn die britische Regierung passendes , Land für eine gewisse Zahl jüdischer Siedler gefunden hat, können wir die Vermittler, ja die Kontrolleure sein. Aber wir müssen doch begreifen, dass es nicht unsere primäre Obliegenheit ist, und dass der Zionismus nicht einen Rundgang halten kann, wie ein englischer Richter, heute seine Fahne an Ostafrika borgen und morgen an Timbuktu. Meine Herren! Ich halte den Gedanken, dass Ostafrika den Zionismus wegschwemmen wird, für zu lächerlich. Ich sage auch ferner, dass das Rift-(Schlucht) Tal nie eine trennende Schluchtim Zionismus werden wird. V en ein solcher Riss entstehen wird, so wird es die Schuld derer sein, die mit leichtem Herzen aUedem den Rücken wenden, was sie jahrelang gesprochen und getan haben. Mr. Greenberg hat in einer öffentlichen Versammlung erklärt, er wäre immer der Ansicht gewesen, Palästina sei nicht mit Geld zu erlangen. Das einzige Mittel, wäre Enthusiasmus. Warum ist dann Mr. G r p enher.g mit dieser seiner Ueber'zeugun.? Direktor der Bank geblieben, anstatt diese Stelle niederzulegen und Direktor eines Instituts für Enthusiasmus zu werden? Er war Vermittler bei den Unterhandlungen mit der englischen Regierung und hat seine Sache gut getan, musste er auch dann ein Zerstörer werden? Musste er denn die Zeit der Untersuchung der Frage dazu benützen, um alle unsere Hoffnungen zu vernichten und zu Schanden zu machen? Ich sehe keinen Grund für Verzweiflung im Zionismus ein". Redner schloss mit den Worten, dass er nie an den Zion smus veizweifeln werde, wenn auch mehr Versuche, als bisher gemacht wurden, misslängen und appellierte an alle Juden, die dem Zionismus noch fernstehen, sich der Bewegung anzuschliessen. An der darauffolgenden Debatte nahmen Anteil: Ob. Goldsmid, Sir Montefiore, Mr. Z an g will und Mr.. B entwich, wovon einige, wie Sir Mo n t e f i o r e und Z a n g w i 11 für Ostafrika eine Lanze brachen, Bentwich dagegen polemisierte. Mit dem üblichen Dankesvotum für den Redner schloss die Sitzung. Aus Russland. Ki'schenew. Wie wir bereits mitgeteilt haben, beginnt am Donnerstag den 19. d., im Delegiertenge.ichte der Odessaer Gerichtskammer zu Kischenew die Verhandlung gegen die Teilnehmer an den erschütternden J denmorden und Plünderungen von jüdischem Hab und Gut. welche im April dieses Jahres, während der russischen Osterfeiertage, in Kischenew ungehindert und ungestört verübt wurden. Die Anklageschrift in diesem Monstreprozesse, welche von den Staatsanwälten Goremykin und Dschibelli auf Grund der von vier Untersuchungsrichtern erhobenen unwiderleglichen Daten verfasst wurde, entrollt über die Vorgänge an den schreckenerregenden russischen Osterfeiertagen des laufenden Jahres grauenregende Bilder und berichtigt zu gMcher Zeit offiziell die unmittelbar nach den Kischenewer Judenmorden von kompetenter Seite publizierten Angaben über die angebliche Schuld unserer Volksgenossen an der Entstehung der Exzesse unwiderleglich. Die dazumal offiziell verbreitete Version, dass ein jüdischer Karousselbesitzer ein Christenweib misshandelte und so das Signal zu den Exzessen gegeben hätte, weist die Anklageschrift zurück, indem sie feststellt, dass die Exzepse ausschliesslich auf die Hetzereien des berüchtigten „Bessarabetz" und auf die Agitationen von Vertretern der Kischenewer Intelligenz zurückzuführen sind, welche jedoch „von der Untersuchungsbehörde nicht eruiert werden konnten". Zu gleicher Zeit erhebt die Anklage schwere Vorwürfe gegen den Gouverneur von Raaben und gegen die Kischenewer Polizei, welche die Exzesse teils geduldet, teils sogar gefördert haben. Der Kommandant der Garnison, General Beckmann, erhielt erst am dritten Tage der Exzesse den schriftlichen Befehl des Gouverneurs von Raaben, die Ruhe durch Militärgewalt wiederherzustellen. Und im Nu wurde die Ruhe wieder hergestellt, aber unschuldiges jüdisches Blut floss bereits in Strömen, der Wohlstand von Tausenden von jüdischen Familien war bereits vernichtet, Tausende von armen Juden waren bereits zu Bettlern gemacht. Nach den Daten der Anklageschrift, welche auch die „Nowoje Wremja" anführt, wurden während der Exzesse 1350 Häuser, ein Drittel von Kischenew demoliert und das Hab und Gut in denselben vernichtet und geplündert, 38 Juden getödet, 433 Juden verwundet. Angeklagt sind im ganzen 350 Personen. 100 des Mordes, 250 des Raubes und der Plünderung, 300 Personen wurden von den Friedensrichtern wegen Gewalttätigkeit zu kleineren Freiheitsstrafen verurteilt, 500 freigesprochen. Unter den Juden in Kischenew herrseht angesichts des Prozesses eine gewisse Beunruhigung. Petersburg. Die Universitäten von Charkow, Dorpat (Jurjew), Kiew. Noworoasisk und Tomsk haben in diesem Jahre, den Minister für Volksaufklärung (Unterrichtsminister) ersucht, die Aufnahme von Juden in piner Mehrzahl als der festgesetzte Prozentnorm zu gestatten. Die?e Intervention, welche durch die schreckliche Laere der jüdischen Maturanten hervorgerufen wurde, die alljährlich üb*r Bord geworfen werden, hatte Erfolg: Minister Sänger bewilligte die M^hraufnahme von Juden als Studenten ierb^zügli^honUniversitäten.Die^Nowoje Wremja" hat geeren die kleine Erleichterung einen gehässigen und scharfen Artikel veröffentlicht, in welchem dieses den russischen offiziellen Kreisen nahestehende Blatt unter anderem erklärt, die Juden in Russland seien keine Söhne des Vaterlandes und "hätten daher kein Recht, in die vom Staate erhaltenen Schulen aufgenommen zu werden.