Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Article
- Eine Ostafrikadebatte im Maccabeanclub in London
- Date
- 1903-11-20
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „bi$W^lt11 Nr. 46 der Systemlosigkeit zu nichts anderem führen kann, als zur periodischen und chronischen Erneuerung der alten Leiden, zur Verbreitung der Unruhen in Länder und Gemeinden, die sie bisher nicht kannten? Und wer kam uns zu Hilfe? Die armen Klassen haben ihre Shillings in die Bank getragen, ihre Pennys in den Schekel — ihre halben Pennys in den Nationalfonds, während ihre Reichen uns auslachen, ihre Prediger und Bischöfe uns verspotten und ihre Synagogen, die hunderte von Shillings von jedem ihrer Mitglieder sammeln, nie auf den Gedanken verfielen, einScherf- Jftin zu opfern für den Kampf der Wiedererlangung des Ortes, ohne den alle ihre Gebete leeres und heuchlerisches Geschwätz und schnöde Lüge wären. Sie sind jetzt beunruhigt und unmutig beim Herannahen dieser Gift speienden und gefährlichen Bestie, die Judenhass heiset. Sie haben mit tiefster Bestürzung den Sturm des Schreckens im Judentum ausbrechen sehen, und sie rufen nach einer organisierten Auswanderung. Hunderte und tauser de von Juden möchten, dass die zionistische Organisation diese Initiative auf sich nehme, aber eine grössere Zahl geht noch weiter. Sie wären fio'i, das ostafrikanische Angebot um jeden Preis aufzugj eifen. sogar um den Preis, unser gegenwärtiges Ziel — Palästina — aufzugeben und sie sagen, dass sie in diesem Falle mit uns gehen, mit uns arbeiten und uns mit Geld unterstützen würden. Unter dieser lärmenden Menge sehe ich manche Gesichter unserer früheren Gegner, aber auch die vieler Zionisten. Die letzteren sind sogar manchmal lärmender als jene. Sie verlangen eine vollständige Aenderung der Politik, ein rasches und schroffes Einlenken in die Bahn, die in das neue gelobte Land führt. Angesichts dieser Agitation möchte ich Ihnen einige Tatsachen und Aufklärungen über das Angebot selbst bieten. Der VI. Kongress hatte absolut keinen Begriff vom Lande; man sprach von dem Angebot in irgend einer englischen geographischen Ortschaft. Denn sogar die britischen Verwalter und Beamten, welche die Jahresberichte schreiben, scheinen zu fürchten, dass sie falsch verstanden werden und wiederholen in einemfort, es handle sich nicht um Uganda oder Zentrajafrika oder welche andere Besitzungen. Ich habe solche Missverständnisse sorgfältig vermieden und werde Ihnen bloss berichten, was man aus den authentischen und offiziellen Quellen, die allen offen sind, erfahren kann. Dies sind : die zwei Berichte des Commissioner S. M. des Ostafrikaprotektorats für die Jahre 1904 und 1903, der Bericht des Mombasa—Victoria (Uganda) Eisenbahnkomitees über den Fortgang ihrer Arbeit für 1901 und 1902, alle drei veröffentlicht als Parlaments^kten, und die Broschüre der Emigration-Ioformation-Office, unter dem Titel „General Information at to the East Africa Protectorate 1901* Ohne im geringsten das edelmütige Angebot diskreditieren zu wollen, könnte man klar seinen Grund angeben. England habe fünf oder sechs Millionen für die Errichtung der Ugandabahnlinie ausgegeben und sehe keine Möglichkeit, daraus irgend welchen Profit zu ziehen. Deshalb habe es einen Strom von Siedlern nötig. Dann skizzierte der Referent die allgemeine Lage des ostafrikanischen Schutzgebietes, mit seinen 350,000 Quadratmeilen, mit der eingeborenen Bevölkerung von ungefähr 4,000.000 Menschen und 450 Europäern und Eurasiern. Er schilderte dann nach den offiziellen Berichten die klimatischen Verhältnisse des Landes und seine Flora. Nachdem er von den Gesundheitsverhältnissen des Landes gesprochen hatte, die wohl unseren Lesern aus unseren diesbezüglichen quellenmässigen Berichten bekannt sein werden, berührte er die Frage, wie viel Menschen denn in der geplanten Kolonie angesiedelt werden können? Am Kongress hiess es, das Gebiet liege zwischen Nairobi und Mau, das heisst in dem Rift (Schlucht)-Tale. Dann hörte ich, das Gebiet wäre grösser und ich will es Ruch zugeben. Das ganze Rifttal ist fünfz;g Meilen lang 40 Meilen breit, das heisst 2000 Quadratmeilen. Laut den Aussagen des High Commissioners ist aber bloss der südliche Teil des Tales für die Behauung geeignet; nehmen wir also nur die Hälfte des Gebietes und rechnen wir hinzu andere 2000 Quadratmeilen, irgendwo bei Kust, sagen wir 50 Meilen lang und 40 Meilen breit. Dann haben wir zusammen einGebiet von 4000 Quadratmeilen. Nun ist die Frage : wie viele Siedler kann es vertragen? Richten wir uns nach der Meinung der gegenwärtigen Verwaltung. Si^lern, die keine Kapitalisten sind und die Boden auf Ratenzahlungen kauten, werden 160 Acres sofort und 4800 Acres als vor^ekauftes Land angeboten. Folglich bekommt jeder Siedler im ganzen 640 Acres, das heisst eine Quadratmeile. Wenn man auf diese Weise die Kolonie pflanzen wollte, so wäre Platz für 2000 Bauernhöfe und wenn man fünf Juden auf einen Flecken setzen wird, wo ein englischer Kolonist haust, so wird die Zahl die Höhe von 10.000 erreichen. Wenn wir nun jedem Hofe fünf Personen zuieilen, so wird sich die Gesamtsumme auf 50.000 belaufen und mit Hinzurechnung der Handelsleute, Handwerker und Städter, der Beamten, zivilen und Militärbehörden, dann ist die Zahl 70.000 meiner Schätzung nach nicht zu klein. Ich bin tiberzeugt, daes diese Schätzung nicht nach dem Geschmack derjenigen ist, die von der Kolonie als einem neuen Vaterland reden. Ich werde mich nicht von den vagen Behauptungen, dass wir mehrere Provinzen bekommen werden, befriedigen lassen. Vor allem glaube ich, dass die lokalen Behörden nur dort Land gewähren werden, wo die eingeborene Bevölkerung spärlich ist, und das ist, wie ich meine Berechnung machte, in dem Rifttal und den Athi- Ebenen. Dann glaube ich, dass eine Landfläche von 4000 Quadratmeilen in einem halbtropischen, jungfräulichen Lande für den Anfang mehr als genug ist. Je grösser die Zahl der Siedlerhöfe, desto grösser das erforderliche Kapital/ Dann zitiert Redner die unseren Lesern schon mitgeteilten Daten aus dem Berichte des High-Commissioner, dass jeder Siedler mindestens 300 Pfund Sterling haben muss, dass die klimatischen Verhältnisse, wie in allen äquatorischen Ländern, zwar gut, aber sehr veränderlich und deshalb krankheitserregend sind, dass auch die Hochländer, das „deutsche" Ostafrika ebenfalls unter allen diesen Mängeln leiden, ferner macht er darauf aufmerksam, dass die Agrikultur in einem tropischen Lande viel schwieriger und kostspieliger sei, als in einem gemässigten! Denn es gäbe die Schwierigkeiten zu beseitigen, die hier nicht existieren, wie zum Beispiel bei Bewässerung, Brückenbau u. s. w. Die britische Regierungwolle keine Kosten tragen bei der Besiedlung des Lande«. Die Sache sei mithin den Juden allein überlassen. Können wir denn annehmen, dass es 10.000 Juden gibt, die ein Kapital von 3000 oder 2000 Rubeln haben und nach Ostafrika gehen werden? Die ganze Besiedlung berechnet für 10.000 Höfe mit den Minimalkosten von 200 Pfund für jeden einzelnen, hinzugerechnet die Auslagen für Bewässerung, Brückenbau, Bahnlegen, Administration u. s. w. wird 4 Millionen Pfund kosten. Woher wird das Geld genommen werden? Die Zeit, die zur Gründung der Kolonie nötig sei, ist wenigstens 25 Jahre. Was die Regelung der Einwanderung anbetrifft, so gibt es zwei Wege. Entweder wird man sie einzelnen Unternehmern überlassen und dann wird es 50 oder 100 Jahre dauern, oder man wird die Armen zu Tausenden hinstürzen lassen und dann wird ein Jahr, wenn nicht weniger, genügen, dass die Nachrichten von ihrem Elend den ganzen Plan sprangen werden. Das Land sei gar nicht sicher auch seitens der eingeborenen Bevölkerung. Wenn man diese nach den Steuern, die sie entrichtet, zählen würde, so beträgt sie 4 Millionen. Darunter gefähr^ liehe und kriegslustige Negerstämme, wie die Wanderolos in den dichte?» Waldungen der Maugebirge, die Nandi im Westen, die Kavirondo, die Massai im Süden. Darausfolgt: wenn auch die Expedition einen günstigen Bericht bringen wird, wenn alle sonstigen Bedingungen erfüllt sein werden, so könnte bestenfalls eine Siedlung von 70.000 oder höchstens 100.000 Juden erfolgen.Wie kann man dann von zionistischen Tribünen herab vorplaudern, dass wir dort eine Million oder sogar anderthalb Millionen hinbringen können? Dass wir in Ermangelung Palästinas das Rifttal als Zukunftsstätte für die Juden annehmen, dass es den Surrey-Tälern gleicht, dass es eine vorzügliche Erziehungsanstalt für einen autonomen Staat vorstellen wird, eine Halbstation auf dem Wege nach Palästina u. s. f.? Alle diese Behauptungen werden öffentlich von zionistischen Tribünen vor Provinzlern vorgetragen, obwohl die primären Fragen wegen der Fruchtbarkeit und der Lage des Gebietes noch „sub judice" sind, obwohl der Kongress sich noch zu gar nichts verpflichtet in Erwartung der Tatsachen. Denn der Kongress hat die englischen Blaubücher nicht gelesen. Der Kongress wupste gar nichts von dem in Frfge stehenden Lande, Deshalb und nur deshalb halte ich es für meine Pflicht, Zionisten und Nichtzionistfn, die ich für unsere Sache gewinnen möchte, die Wahrheit sagen und sie nicht irreführen zw lassen. Als ob der Zionismus Zionismus zu sein aufhören und Ostaf'ikanismus werden könnte! Ich will deshalb diese vagen Behauptungen analysieren und ihnen ihre Leere zeigen. Erstens bezüglich der Million oder der anderthalb Millionen, die Mr. Greenberg ansiedeln wird, ohne sie