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Die Welt · 1903-11-20 · 47 (20.11.1903) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
47 (20.11.1903)
Article
Die Sanscalotten
Date
1903-11-20
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 „bi* £ weit" Seite 3 Ernstes sogar für radikale Politiker halten. Und deshalb sind sie. wenn schon aus keinem anderen Grunde . und abgesehen von allen Geniestreichen, die sie sonst , begehen mögen, die Männer, denen die Galotte ge- . büren würde, die Sanscalotten, von denen wir gesprochen haben. Dr. Alexander Marmorek, (Zu unserem Bilde.) Dienstag den 17. November erstattete Dr. Alex a n - d e r M a r m o r e k den mit grösster Spannung erwarteten Bericht über das von ihm entdeckte Tuberkulöserer um vor . der Pariser Academie de Medecine. Die Academie de Medeeine ist die vornehmste medizinische Körperschaft Frankreichs. Vor ihr wurde zu wiederholen Malen zuerst über Forschungen berichtet, die dann die segensreichsten Folgen für die gesamte Menschheit hervorriefen. Deshalb war es •für Marmorek, einen ■ Oesterreicher, eine besondere Auszeichnung, gerade von dieser Stelle aus der ganzen Welt das vorläufige Ergebnis seiner vieljährigen Forschungen mitteilen zu können. An die Veröffentlichung Dr. Marmoreks werden sich viele Hoffnungen knüpfen. Er hat deshalb lange gezögert, seine Arbeit zu publizieren und hat sich erst jetzt dazu entschlossen, weil er die Versuche nicht allein an Tieren, sondern auch am Mensehen zu einem wissenschaftlich reifen Abschlüsse gebracht zu haben glaubt. Er hat vorher das von ihm gefundene Heilmittel an Pariser Kliniken und an den Kliniken anderer Lancier mit Erfolg angewendet und erst nach einer solchen, unter den verschiedenartigsten Voraussetzungen und Verhältnissen gewonnenen Experimentenreihe wird nun die ganze Wissenschaft! i die Oeffentlichkeit in die Lage kommen, Kritik zu üben und die Ergebnisse zu ermessen. Jedenfalls wird das neue Serum, das im Laboratorium Marmoreks entstanden ist, das gespannteste Interesse hervorrufen, denn sein von der wissenschaftlichen Prüfung bestätigter Erfolg würde ein Segen für die ganze Menschheit, eine unschätzbare Errungenschaft der Naturforschung sein. Marmorek ist kein Unbekannter. Er wurde im Institut Pasteur, obschon er ein Fremder war, nach kurzer Zeit zum Abteilungschef ernannt und hat seinen Namen in der medizinischen Wissensehaft schon durch das Antistreptokokken-Serum begründet. Er war aus Wien, wo er seinen medizinischen Studien obgelegen und viele Jahre am Allgemeinen Krankenhause seine ärztliche Ausbildung vervollkommnet hatte, nach Paris gekommen. Dr. Marmorek ist der Solm des in Wien sehr bekannten Arztes Dr. J o s e f M a r m o r e k, der erst vor wenigen Jahren durch einen plötzlichen Tod seinem von ihm schwärmerisch geliebten Berufe entrissen wurde. Ueber den Vortrag Dr. A. M a r m o r e k s berichten Wiener Blätter folgendes: Dr. Marmorek verlas seine Mitteilung, die, entsprechend dem in der Akademie herrschenden Usus, sehr kurz gehalten war, mit deutlicher Stimme, während das Publikum und die (.Mehrten ihm lautlos und mit gespanntem Interesse folgten. Di*. Marmorek begann seinen Vortrag mit der Bemerkung, dass er in seiner heutigen Vorlesung vor der Akademie keinen vollständigen Bericht über seine langjährigen Arbeiten geben, sondern nur die Schlussfolgerungen, zu denen er gekommen war, mitteilen wolle. Er gibt auch diese Mitteilungen nur in ganz grossen Zügen. Einen eingehenden Rapport über die von ihm gemachten Erfahrungen werde er in wenigen Tagen in den zuständigen deutschen und französischen wissenschaftlichen Organen veröffentlichen. Sodann ging Dr. Marmorek auf den Charakter seiner Arbeiten ein. Er glaubt zu dem sicheren Resultate gelangt zu sein, dass das Koch'sehe Tuberkulin nicht das eigentliche Toxin der Tuberkulose sei. Das Tuberkulin sei nur ein vorbereitender Stoff, -eine Etappe zu dem echten Toxin, das er gefunden habe. Die Herstellung des von ihm als gegen die Tuberkulose wirkungsvoll erkannten Serums erfordert ein sehr kompliziertes Vorfahren. Sein Serum wird nicht, . wie das lvoch'sehe Tuberkulin, bloss aus einer Nährflüssigkeit gewonnen. Dr. Marmorek stellt zunächst das Toxin der Tuberkulose dar. Zu diesem Zwecke kultiviert er Tuberkelbazillen auf einem 'Nährboden, der aus dein Blutserum des Kalbes und aus einer Xährflüssigkoit besteht. .Mit dem gewonnenen Toxin, der Bazillen, welches die wirksamen Stoffwechselprodukte der K ra i dd km tser reger enthält, immunisiert er Pferde, und erst dieses vom Pferde gewonnene Serum, das, ein. Immunserum, giftfreies Sei*um ist, wird zu Behandlungszwecken für Menschen, und Tiere verwendet. Was nun die erzielten Resultate bei der Injektion seines Serums betrifft, so erklärt Dr. Marmorek, dass.er bei (jlehirnhauttuberkulose keine Heilung konstatierte; doch glaubt er, in diesen Fällen mit seinem Serum stets zu spät gekommen zu sein. Bei Knochentuberkulose, Gelenkstuberkulose, bei tuberkulösen Lymphdrüsen und selbst bei Lungentuberkulose habe er jedoch unbestreitbare Erfolge erzielt. Bei den von ihm behandelten .Fällen von vorgeschrittener Lungentuberkulose trat sichtliche Besserung ein. Der Auswurf und die Bazillenmengo nahmen ab, die Atemnot verschwand. Weniger vorgeschrittene Tuberkulose wurde ganz geheilt. Leber die Anwendung des neuen Serums bemerkte Dr. Marmorek, dass die einge>pritzten Serummengen ziemlich gross sein und auf eine Peihe von Dosen verteilt werden müssen. Das Serum verursacht weder Fieber noch andere Pieaktionen. Am Schlüsse seines Vortrages bemerkte Dr. Marmorek. dass er die Schwierigkeiten, seines Unternehmens wohl kenne, dass erst die Wiederholung seiner Versuche auch seitens anderer Forscher ein definitives Urleil über den Wert seines Serums geben könne. Solche Versuche worden jetzt in Frankreich und im Auslände4 von vertrauenswürdigen Männern der Wissenschaft angestellt, seine bisherigen, mehr alsein Jahr umfassenden Erfolge jedoch berechtigten ihn, der Academie de Medecine schon heute seine Entdeckung vorzutragen. Er halte sieh uinsomehr dazu berechtigt, als die Unschädlichkeit seines Serums in absoluter Weise konstatiert sei, und dass darum alle Aerzte dasselbe anwenden können, ohne gefährliche Folgen, befürchten zu müssen. Er fordere die Aerzte selbst auf, sein Serum anzuwenden, um damit das Feld der Erfahrungen noch zu erweitern. Dr. Marmorek bemerkte dann noch ausdrücklich : „An dieser Stelle bitte ich die Akademie, mir eine persönliche. Bemerkung zu gestatten. Seit vielen Jahren Mitglied des Instituts Pasteur, habe ich mich mit seiner Direktion wissenschaftlich über m-olirere Punkte dieser Untersuchungen nicht in üebereinstimmung gefunden. Um jene vollkommen zu entlasten, habe ich es für meine Pflicht gehalten, nieine Demission als Labonitoriunischef zu geben, um ganz allein die moralische und wissenschaftliche Verantwortung für diese Arbeit zu tragen/'' Die Aufnahme des Vortrages in der Akademie. Die Versammlung, in welcher Dr. Marmorek seinen Vortrag hielt, war glänzend besucht. Alles, was Paris an medizinischen Sommitäten besitzt, war anwesend. Die Kede machte grossen Eindruck auf die anwesenden Gelehrten, insbesondere die Erklärung, dass Dr. Marmorek die volle wissenschaftliche und moralische Verantwortung für seine Entdeckung übernehme, sowie die massvolle Sprache über die erzielten Resultate und die ausdrückliche Anführung von Resultatlosigkeit bei bestimmten, von vornherein als verloren anzusehenden Fällen.

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