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Die Welt · 1903-11-20 · 47 (20.11.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
47 (20.11.1903)
Article
Die Sanscalotten
Date
1903-11-20
Page
2 (sequence 1)
Language
German
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Seite 2 „bis & weit" Nr. 46 Die Sanscalotten. W* In Frankreich gab es einmal eine berühmte Vereinigung, das regiment de la calotte, das Kappenregiment. Die Einreihung in dieses „Regiment" geschah, ohne dass man den Rekruten fragte. Wer sich im öffentlichen Leben betätigte und irgend eine besonders grosse Dummheit zum Besten gab, dem wurde das Käppi mit einem Dokument zugeschickt, vergleichbar etwa unserer „Widmungskarte", das seine Einreihung in diese weitverbreitete Körperschaft beurkundete. Es ist nie sichergestellt worden, welche Minister, Statthalter, Bürgermeister oder gar Politiker, die sich nicht einmal mit diesem bisschen äusserer Würde ausweisen konnten, der Auszeichnung der calotte entbehren mussten. Da keine Klagen solcher Männer aus jener Zeit auf uns gekommen sind, so müssen wir auf Grund dieses Mangels und nach unseren heutigen Erfahrungen annehmen, dass eben nur wenige übergangen worden sind. Es ist jammerschade, dass diese prächtige Institution nicht wenigstens uns Juden erhalten blieb. Es ist wahr, die Regimentskanzlei müsste über gewaltige Räume verfügen, die Kosten wären nicht gering; aber da gerade unsere wohlhabendsten Stammesgenossen zweifellos die berechtigtesten Ansprüche auf Aufnahme hätten, so würden die Ausgaben vielleicht durch eine kleine Taxe leicht gedeckt werden können. Bedenkt man, dass eben diese Herren äusseren Ehrungen nicht gerade schüchtern ausweichen, so könnte die Sache, wenn sie durch die freundliche Mithilfe dienstwilliger Journalisten gefördert würde, eine recht erfreuliche Entwicklung nehmen. Jetzt aber laufen sie noch ohne die calotte herum, als arme Sanscalotten. Wenn uns nicht hie und da ein Geniestreich, der publik wird, auf ihre Spur leiten würde, die Wackeren würden ungeehrt in die Grube fahren. Nicht alle diese Streiche können von uns registriert werden, aber über einige wollen wir doch berichten. Da hat sich jüngst in Deutschland eine Vereinigung aufgetan, die dahinter gekommen ist, dass eine Sammlung aller deutsch nationalen Juden unumgänglich nötig sei, d. h. der deutschen Juden, die noch die etwas abgestandene und sauer gewordene Milch der frommen Denkungsart aus der Zeit der Assimilationsblüte geniessbar finden. Es muss nicht allzuviele solche Juden geben, denn die neue Vereinigung lädt auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Zeitungsinserates krampfhaft zum Beitritt ein. Da es, wie gesagt, das Kappenregiment nicht mehr gibt, so wäre es angezeigt, den Herren nahezulegen, etwa einen Zettel an der Brust oder auf der anderen Seite zu tragen, der, selbstverständlich nur in gothischen Buchstaben, das eine Wort „Deutschnational" zeigen müsste. Wegen der Bücklinge, die nötig sein werden, wäre natürlich die andere Seite den Herren „deutschnationalen" Juden entschieden eher zu empfehlen. Zum Anschluss an diese sehr zeitgemässe Vereinigung sollten auch die Herren vom „Zentralverein" veranlasst werden, welche nach den erheiternden Episoden, die den letzten Wahlen in Deutschland vorangingen, der freisinnigen Vereinigung, respektive Volkspartei noch immer nachkriechen, trotzdem, wie sie sich erst jüngst überzeugt haben, in der Nähe von Stiefelabsätzen Vorsicht am Platze ist. Und erst unsere österreichischen Sanscalotten! Wie einige Altertumsforscher behaupten, gibt es in Oesterreich noch ehrlich freisinnige Politiker — Gelehrte haben manchmal wunderliche Anschauungen — die es mit den Juden gut meinen. Auf diese durch nichts erwiesenen Behauptungen hin sieht man unsere verehrten „Glaubensgenossen" andächtig hinter ein paar Männern einhertrotten,die angeblich dieses Fähnlein der sieben — oder sind es noch weniger? — Aufrechten bilden. Die sieben Aufrechten sind recht alte Leute. Insoweit stimmt alles. Aber den Jungen, der die Fahne zu Ehren bringt, den haben sie bisher vergebens erwartet Das hindert natürlich unsere jüdischen Politiker für das Weichbild Wiens und Prags nicht, ihren Weg weiter zu verfolgen. Sie sind ja Glaubensgenossen und da muss doch wenigstens ein gemeinsamer Glaube da sein, wenn sie schon von dem anderen nicht mehr wissen, als was ihnen der Herr Prediger vorsagt Es ist begreiflicherweise vergebliche Mühe, bei den Alten eine Aenderung dieser „Politik" durchsetzen zu wollen. Selbst wenn da und dort die Liebe der nichtjüdischen Mitbürger diese Politik mit den schmählichsten Angriffen auf die Ehre und die Existenz, auf Leib und Leben der „Glaubensgenossen" quittiert, so ist das nur ein vorübergehender Schreck, der sie für den Moment ratlos macht, ohne sie zur Umkehr zu bewegen. Sie seufzen höchstens: „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied," Sie werden kaum mehr begreifen, dass es auch ein politisches Lied geben kann, das ein herrliches, herzerhebendes, befreiendes ist. Sie ahnen kaum, dass auch in der Völkerpolitik die Zeit des Postwagens endgiltig "vorüber ist, in der alle ihre Anschauungen und Ueberzeugungen wurzeln. Es war ein recht ehrsames Vehikel, dieser Postwagen und der Schwager blies gar rührselige Lieder auf dem Horn; aber Schwager Chronbs ist dem alten Gefährt untreu geworden, und ängstlich sehen die Alten, wie er jetzt das Lokomobil lenkt und Dampf und Elektrizität kommandiert. Darum gibt es für uns junge Juden so wenig Verständnis bei den Alten. Wir wollen eine jüdische Volkspolitik, die den Politikern für Berlin, Wien, Hannover etc. und Umgebung als etwas Neues, Ungewohntes, das sie in der guten alten Zeit nicht kannten, Angst einflösst. Wenn wir wenigstens den Schlapphut und die Fahnen vom Jahre 48 verehren wollten, auf die sie als ihre Grosstat so stolz sind! Aber wir tun auch das nicht. Uns scheint die damalige Umwälzung heute in ganz anderem Lichte als ihnen, und wir sind nicht blind dafür, dass im Gefolge dieses Jahres für uns nebst einigem Guten viel Schlimmes erwuchs und zuletzt das Allerschlimmste, eine Politik, die noch jetzt mit den Schlagworten und dem Horizonte des längst wieder unschädlich gemachten Jahres arbeitet. Wir wollen mehr. Die Einigung unseres ganzen Volkes streben wir an, die Rettung seiner bedrohten Kinder aus den Ländern ihrer Bedrängnis, die Erwerbung eines Landes, derHeimatunserer Väter, für sie undfürdiejenigen von uns, die sich von ihnen nicht trennen wollen, die Fortentwicklung unserer eigenen Kultur, die trotz der langen Beschränkung und Gefährdung ihre Kraft nicht verloren hat, und von der wir hoffen, dass sie noch einmal der Zivilisation aller Völker Grosses und Schönes bieten werde. „Ihr messt den Vorteil einer Sache an Stunden, Wochen oder an Jahren, wo ich mir Aeonen durch die Finger gleiten lasse!* sagt der weise Athener in Herzls „Solon in Lydien" zu Krösus und Aesop. Das ist auch der Unterschied zwischen der jüdischen Politik des Zionismus und der unserer liberalen Kultusgemeindenpolitiker, die sich manchmal allen

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