Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 46 (13.11.1903)
- Article
- Der Schlemiel
- Date
- 1903-11-13
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316066-3338701--44427-3338830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 & weit11 Nr/46 findet, als das erste Automobil vor den entsetzten Bauern vuriibereilt: „Das ist der Teufel". Der Zionismus eilt durch die liberalen Gefilde: „Eine gefährliche Utopie," schreit der geistige Führer und die geängstigten Beformjudon sehlagen einen .Magen. David. Die tiefsinnige Begründung des Berliner Tageblattes wiederholt der Schlemiel drin (Gedankengang nach in, folgender Fabel: Der Zionismus ist eine Utopie. „Berliner Tageblatt". Der Kater sprach zum Esel: „Siehst du den hohen Baum rla? Gib acht, wie rasch ich bis in den Wipfel hinaufklettere." ...Oller Quasselfritze," sagte der Esel, ,,<let is ne Utopie. Een Tier mit vier Beenen kann überhaupt nich 'iclettern." Und. als der Kater wirklich oben war und fragte: ..Wn, ist"s noch immer eine Utopie?"', da wiederholte der Esel: „Een Tier mit vier Beenen kann nich klettern, sonst könnt iek'*s ooch." ' Dass aber auch andere Wege als aus dem Berliner Tiergarten nach dem .lutherischen Wittenberg führen, ist niänniglich bekannt und ebenso, dass die Hochtouristen der Frömmigkeit, die so eifrig nach deren Spitze streben, sehr oft abstürzen. Schlemiel' hat einen von den Himmelspächtern entdeckt, der auf;die protestantische Seite übersiedelt ist, nur aus reinem Glauben. Er glaubte nämlich so intensiv, dass er die jüdische Religion in kürzester Zeit ganz ausgeglauht hatte. Er niussie sich also etwas Xeues zum glauben aussuchen und fand den christlichen (-Hauben. Er ist genau so eifrig darin wie früher für den jüdischen und bearbeitet Schlemiel. Der aber schreibt ihm zurück: Liebster Levvsohn, ich bin noch nicht so weit. Ich kann vorläufig nicht ans neue Testament denken, da ich im alten noch nicht alles geglaubt habe. Im Gegenteil, ich bin mit dem grössten Teil im Rückstände. Sobald, ich das Versäumte nachgeholt habe oder Aussieht auf einen gut bezahlten IVwten bekomme, werde ich mich Ihrer erinnern. Hochachtungsvoll S c h 1 e m i e 1." In der Beilie von guten alten Bekannten, Witzen und Personen, tritt jetzt unser alter Freund und Wächter am liliein. Gustav Karpol es, auf, der in Karlsbad seinen Magen und in der Allgemeinen Zeitung des Judentums die Zionisten zu zerschmettern pflegt. Diese 'Tätigkeiten widersprechen einander, denn, die Aufregung schadet den Magen nerven sehr, und deswegen treibt den Schlemiel sein gutes Herz zu folgendem .Ratschlag: Gislar, ärgere dich uiclii! Stets wenn sich die Zionisten Freudig und der Hoffnung voll Zum Kongress nach Basel rüsten. Da einsteht ein tiefer Groll. 1 n der A 11 g e m e i n e n Z e i t u n g, Fnd Herr G u s t a v K a r p e 1 e s daniniert über Yolksverleitung l ud verurteilt den Kongress. O Gustav, nimm dich doch in acht. Weil Gram den Mensehen hasslieh macht! Gustav, Gustav, ärgere dich nicht Fnd mach nicht solch Gesicht. Das schickt sich nicht. Gustav, Gustav, ärgere dich nicht Fnd mach nicht solch Gesicht, Sei nicht betrübt! Gustav, Gustav, du hast uns nie geliebt. Als er hörte, dass die Bösen Wiederum nach Basel gehn, Um die Judenfrag' zu lösen, Hopla, haste nicht gesehn, Fing er schmerzlich, an zu weinen, 'Und er ward vor Grarn so grün, Dass er seinem Allgemeinen Zeitiingsdeckel ähnlich schien, — Woran sich leider jedermann Ein warnend Beispiel nehmen kann. Gustav, Gustav, ärgere dicli nicht etc. In dem Eifer der Erregung Seh rieb der grosse Schreibersmann: Dieser jüdischen Bewegung Guten Kern erkenn'' ich an. Darinn auf, ihr Kampf gesellen, Auf im Kamen meines Herrn! Dass wir mutig niederfallen Den verdammten guten Kern. Ist erst der gute Kern vorbei, Adieu dann, Zionisterei. Gustav, Gustav, ärgere dich nicht etc. Wir haben schon eingangs von dem Unternehmungsgeist (n a %} pj) des Schlemiel gesprochen, der sich bis zum Misraehi und. ähnlichen Dingen versteigt. Das ist aber alles noch gar nichts. Der Schlemiel verspottet nämlich nichts mehr und nichts weniger als die „Welt". Er wagt es nämlich, eine Parodie unserer Enquete über die Ostafrikafrage zu bieten, eine Parodie, in der verschiedene Geister und ein Geist ihre Ansichten meist sehr vorsichtig niederlegen. Nichts Heiliges ist mehr — es lösen sich die Bande frommer Scheu". Aber alles was wahr ist — in dieser Eubrik kommen lauter Doktoren zu Worte und von Laien nur die vierte Dimension: der Geist Jochanan ben Sakkais. Wir wollen die tiefe geoffenbarte Weisheit unseres lieben Freundes Dr. Loewe sowie die des gelahrten Dr. Waldenburg für diesmal mit dem Mantel jüdischer Xäehstenliebc bedecken. Wir haben auch nicht den Mut, mit Dr. Klee anzubandeln und unsere Leser haben nicht die Geduld, den blühenden Hollerbusch, den ein Artikel des Berliner Tageblatt- Redakteurs und Zionistenmörders Dr. Kaftan -bedeutet, zu beaugenscheinigen. Dr. Gustav Karpelcs schreibt aus Karlsbad in zwei Abteilungen; zuerst als Zionist, dann als Missionär mit deutschem Gruss. Herr Dr. Max Kordau tritt uns ebenfalls in diesem Kähmen entgegen, und zwar in der Pose eines Jupiter tonans mit einem Bündel der saftigsten Blitze. Das kann gut werden, bis man in Mainz lesen wird, wie Jochanan ben Sakkai spricht. Armer Schlemiel! Zum Schlüsse statten wir noch Herrn Dr. Zlocisti unser tiefgefühltes Beileid ab zu der Kezension, die sein „Heimweg" im Schlemiel gefunden hat. Unser Herz hat sich verkrampft. Kurz und gut, der Schlemiel hat seine Sache gut gemacht und viele werden — lachen. Und so hoffen wir denn, dass er seine gefährliche Konkurrenz siegreich überstehen wird, die Assimilantenblütter, die auch einen reichhaltigen Humor entwickeln, wenn auch keinen freiwilligen. J. U. Beschwerdekästchen. Herrn J. Lewi, in B. Sie hatten die Absicht, sich den Namen ändern zu lassen, denn eine Visitkarte, auf der die ßuehstabenreihe „Lewi" steht, vermag Ihren Schönheitssinn nicht zu befriedigen. Da lesen Sie nun plötzlich im Abendblatt, dass im niederösterreichischen Landtag eine Interpellation eingebracht worden sei, die auf „die zahlreichen Aenderungen jüdischer Familiennamen11 hinweist und betont, dass die Abänderungen „eine Schädigung des Publikums mit sich bringen"; es wird die Anfrage gestellt, „was der Statthalter zu tun gedenke, um der behördlichen Unterstützung systematischer Irreführung des Publikums wirksam entgegenzutreten".