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Die Welt · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Article
Der Schlemiel
Date
1903-11-13
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 46 „bie & w^it Seite 13 sehen Meinungen hineinklingen lässt. Es ist ihm nichts heilig, nicht einmal der Misrachi und wir haben Angst, dass er sich sogar am Mainzer Israelit vergreifen könnte. Man kann sich also denken, wie übel wir gewöhnlichen armen Sünder erst hergenommen werden. Dem Schlemiel bleibt nichts verborgen, denn überall sind seine Spezialkorrespondenten, sogar in Ostafrika. Neu-Neuland nennt es der ehrsame Mbwapna Jumbo, Häuptling a. D, von Uganda und Misrachist mit Haut und Haaren, auch denen an den Schläfen, wie wir aus seinem wohl gelungenen Porträt sehen, womit er seinen gewissenhaften Bericht über die soeben stattgefundene erste jüdische Einwanderung in seine Heimat schmückt. Er schreibt sogar schon im Jargon — man beachte die kulturelle Wirksamkeit des Misrachi! — wenn auch nicht jüdisch-deutsch, so doch englischdeutsch. Wir wollen einige von den hochinteressanten Tatsachen seines Berichtes wiedergeben: „Well, nach kurzer Zeit ist gekommen die erste jüdische Karawane mit lauter Misrachi. Man sieht gleich, es sind alles gute Leute, die es meinen ehrlich. Und fromm sind sie, o, noch mehr fromm wie die Puritans, und sie brauchen nur zu erheben ein Geschrei, so bekommt der Himmel ein grosses Loch, und sie können sprechen direkt mit Gott. Man sagt, dass jeder Misrachi ist ein Heiliger und so gottesfürchterlich, dass der Engel Michael und der Engel Gabriel dagegen sind Sozialdemokraten. — Aber es hat gewesen bei der Gesellschaft ein Mann, der Doktor Christian Schmul aus Deutschland, ein celebrated Reform-Rabbi. Auf der ganzen Seereise er hat sich gehalten versteckt in einem cabin auf dem Schiff und ist erst herausgekrochen, als die Karawane den Dampfer verliess und hereinzog in das Land. Und dass man ihn nicht soll erkennen, sondern ihn halten soll für einen Misrachi, hat er sich verstellt und immer gegeben — wie sagt man — einen Knautsch mit dem Finger, wenn er hat geredet. So haben die Misrachi geglaubt, dass er auch ist ein Orthodoxer. Und am Plattfuss des Keniaberges haben sie Halt gemacht, wo alle nigger waren versammelt in festlicher Kleidung, da hat der Doktor betreten ein Podium und gegeben einen sermon, zu bekehren das Volk zu der. jewish religion. Er hat gesagt sehr schön von der jüdischen Mission, die in dem schmalen Zeitraum von 2000 Jahren hat erreicht so viel. Während vor 400 Jahren man hat Juden geschlachtet noch beinahe jeden Tag, tut man es jetzt nur alle vier Wochen. Das muss man danken der jüdischen Mission, die die Völker hat moralised und aufgeklärt. Meine Landsleute haben bekommen sehr begeistert über diese Sache und sind übergetreten zum jüdischen Glauben und sie haben versprochen, nicht mehr zu essen Schweinefleisch und Mensehenfleisch, sondern nur Lokschenkuggel und Gänseleber und Schalent. Das hätte gewesen ein grosser sueeess für den Doktor, dass er hätte können sein zufrieden. Aber da hat er verlangt, dass in jeder Woche ein holiday soll werden gefeiert am Sonntag. „Warum Sonntag?" fragten die Misrachi. „Meinetwegen Montag," sagte der Doktor. „Warum Montag?" haben die Misrachi geschrien. „Meinetwegen Dienstag," wieder der Doktor hat geantwortet. Und so weiter bis Freitag. Jetzt ist geworden ein grosser Lärm und die Orthodoxen haben gerufen: „Schabbes, Sehabbes!" Und sie haben mit den Fäusten zerschlagen die Luft und getobt und gerast, dass man musste taub werden vor Spektakel. Um sich zu verschaffen etwas Kühe, hat der Doktor wie in heiliger Andacht seine Augen verdreht und das hat er gemacht so geschickt, als hätte er es geübt schon viele Jahre. Indeed es ist geworden ziemlich still und Herr Christian Schmul hat gesprochen zu dem Volke: „Brüder, ich bitte euch, seid nicht fanatisch! Glaubt ihr, dass dem lieben Gott daran gelegen ist, welchen Tag in der Woche wir feiern? Warum wollt ihr denn so hartnäckig am Sonnabend festhalten? Das ist ein Tag, den freilich unsere Glaubensgenossen im grauen Altertum dem Herrn geweiht haben; aber bedenkt doch, dass wir moderne Menschen sind, die gewisse Kulturpflichten erfüllen müssen. Wie wollen wir das tun, wenn wir selbst in kleinlichen Dingen noch am Althergebrachten hängen? Soll denn in unserem neuen Staate wirklich wieder die intolerante Orthodoxie herrschen?" Und da haben die strenggläubigen Misrachi gerufen: „Nieder mit ihm! — Afrika für die Schwarzen! Afrika für die Schwarzen!" Und sie haben den Doktor gepackt an seinem Bart und ihn geschleppt an den Victoria Nyanza und hineingeworfen in den See. Dort hätte er können oben schwimmen wegen seines Fettes, aber ist doch untergegangen, weil er hat getragen in seiner Brust ein Herz von Stein. Jetzt ist er tot und niemand weint um ihn." }Yir müssen an dieser Stelle dem Schlemiel einen ernsten Verweis für seine politische Unklugheit erteilen. Denn später einmal werden die ostafrikanischen Antisemiten, die es doch sicher geben wird, den Zionisten mit Recht den Vorwurf machen, den Victoria Xyanza dadurch vergiftet zu haben, dass sie einen Berliner Reformprediger hineinwarfen. Solche Tatsachen verschweigt man lieber oder man druckt sie in die Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des i^ntisemitismus, damit sie nicht in die Oeffentlichkeit gelangen. Etwas mehr Diskretion hätten wir auch beim nächsten Bilde gewünscht, auf dem verschiedene Heimlichkeiten schonungslos aufgedeckt werden, indem sich darauf ein sehr, sehr bekannter Herr — es tut uns herzlich leid, seinen Namen nicht nennen zu können — als strenger Schulmeister produziert, wobei er zwei Bambusse benützt, einen tätigen und einen leidenden und wobei verschiedene aus letzter Zeit bekannte Leute vorkommen, die augenscheinlich ein brennendes Gefühl dab-i empfinden, nicht am richtigen Orte sitzen zu können. Und da gerade von Berlin die Rede ist, wo die strammen Soldaten, die strammen Antisemiten und die strammen Doehdeutschen zu Hause sind, wird uns der Werdegang dieser letzteren Deutschen in drei Stadien der Entwicklung vor Augen geführt: Zuerst passieren Chaskel und Fabisch den Schlossplatz. „Was meinste, Chaskel, wenn dir wollt gehören das Schloss?" — „Gott soll hüten; ich hätt nicht gehabt das Geld, for was zu kaufen die Mesuses." Im zweiten Witz befinden sich Chaskel und sein Freund wahrscheinlich schon unter dem Publikum, vor dem ein Berliner Prediger am Jomkippur folgendes betet: „Und so danken wir dir, o Herr, dass du nur die Juden in Kischinew und Hornel hast hinschlachten lassen, uns aber gnädig verschont hat. So hast du wiederum die Wahrheit des alten, herrlichen Sprichwortes erwiesen, das da lautet: Gott verlässt die Preussen nicht. Willst du aber, allmächtiger Vater, noch einmal deinen Zorn über die Juden ergiessen, o so verschone stets die preussi sehen, und wenn auch unter diesen sich Sünder befinden, dann halte wenigstens das Verderben ab von der heiligen Gemeinde Berlin. Amen." Als Drittes produziert sich das Judentum mit den überwundenen und gewundenen Standpunkten (Tiergarten Berlin) mit folgender Bemerkung über den Juden, den die Unkenntnis des Vaterunsers in Schlochau das Leben kostete: „Da bin ich besser dran,"' dachte ein Schüler des Herrn Rathenau; „unsereinem kann so was nicht passieren." Schliesslich kommt der geistige Nährvater des Berliner Judentums zu Worte, der schneidige Vorkämpfer der Devise: „Durch Liberalismus zum Protestantismus" — das Berliner Tageblatt. Der Dorfälteste, der zuerst Worte

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