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Die Welt · 1903-11-13 · 46 (13.11.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
46 (13.11.1903)
Article
Weg und Ziel
Date
1903-11-13
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bi* # weit" Nr. 46 angeführten Gründen auf dem Kongresse unter den sogenannten „Jasagern" war. Meine Bedenken sind seit dem Kongresse nicht kleiner geworden und ich habe alle Anstrengungen freudig fcegrüsst, die die absolute Intaktheit unseres Baseler Programmes sichergestellt haben. Das h#t aber weder mich noch meine engeren Gesinnungsgenossen jemals zu dem Glauben verleitet, wir dürften* die Grösse unserer Organisation irgendwie antasten. Unsere Gegner jubelten nach dem Kongresse, dass es nunmehr zu einer Spaltung im Zionismus kommen müsse. Ihre Schuld ist es nicht, wenn die Gegensätze zwischen Afrikafreunden und Afrikagegnern — man hat das in¬ Palästina freunde und Palästinagegner umgelogen — nicht viel schärf ere, sind als bisher. Wir haben wahrhaftig keine Ursache, ihnen irgendwelche Handlangerdienste zu leisten. Wir wollen die Frage wie bisher in würdiger Weise weiter diskutieren, nie aber vergessen, dass für uns die Früchte Jahre — Jahrzehnte langer Arbeit auf dem Spiele stehen. Kur ein Tor oder. Hasser wird uns darum bringen wollen. Darum wollen wir wieder einmal betonen: Der Weg, den wir dem Angebote Englands gegenüber einzuschlagen haben, mag vielen noch nicht klar sein. Unser Ziel aber war immer klar und wird hoffentlich immer klar., bleiben: Die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Dieses Ziel werden wir nur mit Hilfe einer grossen, kräftigen, angesehenen Organisation erreichen. Wie immer sich die Ostafrikasache daher auch gestalten möge — es ist ja überhaupt noch gar nicht sicher, wie das Ergebnis der Expedition ausfallen wird — wir werden alles aufwenden müssen, um unsere Organisation intakt zu erhalten. Das allein wird unsere Leitung in, den Stand setzen, mit dem Nachdrucke und dem Ansehen aufzutreten, die überhaupt zu einer Verhandlung, sei es mit Einzelpersonen, sei es mit anderen Korporationen oder einer Regierung unumgänglich nötig sind. Es lieisst wirklich recht wenig Logik bei uns voraussetzen, wenn man unsere Organisation untergräbt, unsere Leitung in den Staub zieht und uns dabei fortwährend versichert, dass es nur zum Besten der Sache geschehe. Geradezu komisch aber ist es und traurig zugleich, wenn man unter dem Vorgeben, eine Hurrahstimmung zu bekämpfen, mit Bedacht daran geht, alle massgebenden Faktoren unserer Bewegung der Autorität zu entkleiden, deren sie zu einer glücklichen Vollführung unseres Planes bedürfen. Es mag sein, dass das alles zum Besten einer Sache geschieht. Zum Besten der zionistischen sicher nicht. Und deshalb, wenn schon aus keinen anderen Gründen, derenes janoch einigegibt, wie ich meine, ist jeclerVersuch, unsere Leitung herabzusetzen und unsere Organisation zu spalten, ein Attentat auf unsere Bewegung und nach meiner Ueberzeugung auch ein Attentat auf das Wohl ungezählter Menschen, denen diese Bewegung Bettung und eine gesicherte Existenz, Freiheit und Kultur zu bringen berufen ist. Dr. Siegmund Werner. Das Türchen zur Judengasse. Jene Kaninchen, Gänse und Aerzte, die Anlagen zur Selbstgefälligkeit haben, fanden in den letzten zwei Wochen Anlass genug, ein bisschen eitel zu werden: denn alle Welt sprach von ihnen, man konnte keine Zeitung in die Hand nehmen, ohne in zahlreichen Spalten auf ein furchtbar verstümmeltes Kaninchen und einen zugehörigen grausamen Vivisektor zu stossen. Die Vivisektionsdebatte, die schliesslich Versammlungslokale, Amtsstuben, Hörsäle, Biertische überschwemmte, hatte vom niederösterreichischen Landtag ihren Ausgang genommen. Ein Mitglied des\JÄndesausschusses war eines Tages mit vor Erregung glühenden Wangen im Landtag aufgestanden und hatte in vibrierendem Tonfalle erzählt, dass in den Wiener medizinischen Instituten die Kranken von den herzlosen Äerzten sehlecht behandelt werden, ja dass auch Kaninchen und andere Versuchstiere ebenso arg gemartert werden-und in einem Institut wie gruselig! — gebe es sogar blau angestrichene"Gänse und Gänseriehe. ' ' Dieses Mitglied des Landesausschusses gehört der antisemitischen Partei an, aber gleichwohl kamen im Anfangsstadium der Debatte die „JudXk'-Zwischenrufe nicht vor. Da über die konfessionellen Verhältnisse der Meerschweinchen vorläufig niehtsiSIaheres bekannt ist und da die Leiter der gerügten medizinischenlnstitutelsrichtjuden sind, so zeigte dieDiskussion üebr das Vivisezieren zunächst einen auffallend „judenreinen" Charakter. Sicherlich hat auch der erwähnte Landesausschuss das Thema lediglich deshalb angeschnitten, weil bei Leuten seiner Art das Bedürfnis besteht, die wissenschaftliche Medizin scheel und misstrauisch anzuschauen, für ISTaturheilkunde und Vegetarismus zu schwärmen, gegen Impfung und „Vivisektion" zu wettern. Dieser Typus ist ja weit verbreitet und er findet sich in allen Parteilagern. Der Herr Landesausschuss hatte bloss die Absicht, die „Dokterleuf" ein wenig, anzuremr peln und dadurch den Beifall seiner gleichgestimmten Wähler zu erringen. Er wollte den Mitmenschen, die sich erdreisten, ein Maturitätszeugnis zu besitzen, im Vorübergehen eins am Zeug flicken, andere weiter reichende Absichten lagen ihm fern. Aber es stellte sich eine unerwartete Wirkung ein: die-gesamteAerzteschaft rückte in unverkennbar kriegerischer Stimmung gegen den Landtag vor, Pro1 fessoren, praktische Aerzte, Studenten der Medizin erklärten in drohendem Chorus, dass sie das unentbehrliche Versuchskaninchen bis zu dessen letztem Blutstropfen verteidigen würden, worauf dieLandtagskämpen in noch heftigerem Tone erklärten, die Aerzte seien Stümper, denn es sei ihnen nicht einmal möglich .— einen lebenden Grashalm auf synthetischem Wege herzustellen; dieser Vorwurf hatte eine neuerliche Flut ärztlicher Proteste zur Folge 'und die 'Landtagsantisemiten konnten. sich's jetzt nich mehr verhehlen, dass ihr Vorstoss gegen die Medizin ein arger Verstoss gewesen sei: sie hatten sich die Freundschaft sämtlicher Aerzte und eines grossen Teiles des Publikums verscherzt und sie mussten daher befürchten, dass die Stimmzettelfülle der antisemitischen Wahlurne demnächst etliche fühlbare Lücken aufweisen würde. In dieser fatalen Situation traten also die mit den kolorierten Gänsen und Kaninchen sympathisierenden Landtagsabgeordneten zu einem Kriegsrat zusammen: wie kommt man aus der Klemme, in die man sich da hereingeritten hat, rasch wieder hinaus? Das Konsilium währte nur wenige Minuten, aber trotzdem schienen die Tierfreunde, als sie das Beratungszimmer verliessen, mit ihrem Beschluss ausserordentlich zufrieden zu sein. Am nächsten Tage machte die Landtagsdebatte eine überraschende Schwenkung. Der Häuptling der Antivivisektionisten erhob sich und erklärte mit kaltblütigster Miene: „Es ist die ganze Angelegenheit wirklich nur eine J u d e n * frage!" Und er schloss seine Rede mit dem Aufschrei: „Hinaus mit den Juden aus der Universität und aus den Spitälern, damit wir Christen menschlich behandelt werden!" (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) So war denn der Weg aus der Verlegenheit glücklich gefunden. Aus der Vivisektionsfrage war über Nacht eine °Judenfrage" geworden, die blauen Gänse und rasierten Kaninehen waren in die Schuhe der Juden geschoben und das Wiener Publikum konnte jetzt nicht mehr daran zweifeln, dass die Landtagsleute im Bechte sind. Jtenn, wer

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