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Die Welt · 1903-11-06 · 45 (6.11.1903) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
45 (6.11.1903)
Article
Jüdische Rundschau [Kommentar]
Date
1903-11-06
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 „bis # weit11 Seite 7 die Kräfte des Zionismus nicht in Ostafrika gebunden werden dürfen, der Neinsager meint, das Projekt wäre eine schöne Tätigkeit für die nichtzionistische Masse. Sagen sie nicht im Grunde beide dasselbe? Nur betont der eine das Positive, der andere das Negative. Und kann denn auch ein Jasager verlangen, dass der Zionismus die Arbeit leistet? Kann ein Neinsager verlangen, dass das ganze Projekt vom Erdboden verschwindet? Die natürliche Vermittlerrolle zwischen den Gegensätzen, die viel weniger scharf sind, als man auf den ersten Blick glaubt, fällt vor allem den westeuropäischen Neinsagern zu, da nur sie das Vertrauen der osteuropäischen Zionisten haben. Was haben sie zu tun? Sie haben darauf hinzuarbeiten, dass der Zionismus seine reservierte Stellung in der Ostafrikafrage fest innehält, denn nur auf dieser Basis ist eine Einigung möglich» Diejenigen, welche den Zionismus für Ostafrika ins Zeug schirren, sind wieder einmal herzlianischer als Herzl. Und es ist nicht nur unzulässig, sondern töricht, mit Ostafrika als Köder in zionistischer Agitation an die philanthropischen Instinkte der Juden zu appellieren; denn wer so zu uns kommt, der ist kein Zionist und geht bald wieder. Gegen eine solche in diesem hochernsten Augenblick gefährliche Art „zionistischer Arbeit41, die eine Verständigung mit den Neinsagern unmöglich macht, haben wir energisch Front zu machen. # Mr. Greenbergs Leedser Rede. Wir haben in der Nr. 43 der „Welt" eine Kede abgedruckt, die Mr. L. J. Greenberg in Leeds hielt und haben diese Rede mit einer redaktionellen Fussnote begleitet. Wir bedauern es, wenn diese redaktionelle Bemerkung Missverständnisse hervorgerufen hat. Alles, was in der Rodaktionsnote gesagt werden sollte, war, dass Mr. Greenberg seine Rede nicht im Namen des Aktions- Komitees und nicht in offizieller Eigenschalt hielt. Mr. Greenberg gab dies auch gar nicht an, wir glaubten es aber dennoch ausdrücklich hervorheben zu sollen, weil der Londoner „Jewish World" Mr. Greenbergs Rede unter dem Titel „Offizielle Stellungnahme" brachte. Es ist wohl überflüssig, bei dieser Gelegenheit erst noch hervorzuheben dass Mr. Greenberg das volle Vertrauen seiner Kollegen im Aktionskomitee geniesst. Die Redaktion. Brief aus England. Der Winter wurde heuer mit ungewöhnlich sohlechtem Wetter inauguriert. Während der letzten drei oder vier Wochen hatten wir fortwährend Nebel- und Regenwetter. Im jüdischen Ghetto steht das Wetter in merkwürdiger Harmonie mit der Stimmung der Einwohner. Aus allen Ecken klingt das schreckliche Wort „ Arbeitsmangelu heraus. Ein schauerliches Wort ist es fürwahr. Es erinnert sofort an traurige Gesichter, Kälte, Hunger, an halbverhungerte, nackte Kinder . . . Die Lage des jüdischen Kleider- oder Pantoffelmachers, die auch sonst, sogar in der glücklichsten „Geschäftszeittf eine sehr unbefriedigende ist, wird in dieser Saison des Arbeitsmangels äusserst schwierig. Und was das schlimmste daran ist, die gedrückte materielle Lage schafft eine ungünstige moralische Atmosphäre. Die verzweifelnden Menschen geben sich dem Kartenspiel und sonstigen Allotriis hin, während allerhand Demagogen das herrschende Dunkel benützen, um im Trüben zu fischen. Die jüdische Arbeiterklasse befindet sich in dieser Beziehung in doppelt ungünstiger Lage. Für die eingeborenen arbeitenden Klassen werden alle Mittel angewendet, um ihr hartes Loos zu mildern, wenn nicht materiell, so doch wenigstens intellektuell. Es werden auf Gemeinde- oder Privatkosten während der Wintermonate für die ärmeren Klassen Volksunterhaltungen, unentgeltliche Konzerte, Theeabende u. s. w. veranstaltet, um durch diese wenigen glücklichen Momente die lange Reihe der monotonen Tage des harten Kampfes und des schweren Lebens zu erleuchten. Die jüdischen arbeitenden Klassen dagegen sind ganz ihrem Schicksal überlassen. Unsere Philanthropen geben zwar manchmal die schnorrerzüchtende „Zdoke", aber populäre Konzerte, Volksunterhaltungen stehen ausserhalb ihres Wirkungskreises. Kein Wunder dann, dass die Masse ihren eigenen Vergnügungen nachgeht, wie Kartenspielen u. s. w. In dieser Beziehung, wie in vielen anderen, sind es die Zionisten, die diese vitalen Bedürfnisse zu befriedigen suchen. Und die Arbeit der zionistischen Vereine, die literarische und gesellschaftliche Abende, Demonstrationsvorträge u. dgl. veranstalten, entspricht einem stark empfundenen Bedürfnisse, den dunklen Horizont des Ghetto zu erhellen. Ich werde aber vielleicht unseren Philanthropen Unrecht tun wenn ich behaupte, dass sie keine Volksbelustigungen für ihre armen Brüder veranstalten, da sie für die Juden des East-End ein Amüsement eingeführt haben, das für diese eine Neuheit ist und „Jewish Religious Union" heisst. Zur Belehrung derjenigen Leser, die nicht das Glück hatten, von dieser „Union" zu hören, werde ich mir erlauben, einige Worte zur Erklärung zu sagen. Die „Jewish Religious Union" ist nicht im East-End, sondern im West-End von London entstanden. Ihre Urheber sind eine Anzahl „Engländer mosaischer Konfession", die Assimilation preiigten, und zwar so lange und mit solchem Eifer, dass sie im Momente, als sie Halt machten, um sich die Erfolge anzusehen, plötzlich zu ihrer Verwunderung fanden, dass die treuen Schüler die Meister selbst bei weitem überflügelt haben. Sie haben jedes nationale Gefühl ausgerottet und die jüdischen Ideale sind für sie zum toten Buchstaben geworden. Die trockenen religiösen Zeremonien, die man sie beobachten lehrte, wurden für sie bald eine sinnlose Bürde und sie sistierten sie. Diese Leute haben sich aus Mangel an Mut oder aus anderen Gründen noch nicht in den Schoss der Kirche geworfen und blieben in der Mitte zwischen dem Judentum und einem unbekannten X. Wir Zionisten sind überzeugt, dass das einzige Mitte], aus diesen „Luftmenschen" wieder Juden zu machen, das ist, ihnen das stärkende Serum des jüdischen Nationalismus einzuspritzen, ein Mittel, welches sich als ein wunderbares Prophylaktikum gegen den Abfall vom Judentum bewährte. Aber unsere „mosaischen Engländer" haben ein anderes Mittel entdeckt, das darin besteht, für diese Leute eine sogenannte religiöse Union zu gründen und Gottesdienste abzuhalten, die weder jüdisch noch christlich sind, jedenfalls mehr christlich als jüdisch. Diese Gottesdienste wurde beiläufig während eines Jahres in einem Hotel in West-End an Samstagnachmittagen abgehalten, wobei sich eine Anzahl von Damen und Herren versammelten und ihre Stimmen übten, indem sie englische Hymnen sangen. Warum diese Versammlungen, die mit einem jüdischen Gottesdienste nichts gemein hatten, „Jüdisch" genannt wurden, ist schwer zu sagen. Aber ich muss gestehen, dass wir uns nie die Köpfe darüber zerbrochen haben, und wenn sie am Anfange irgend welches Interesse hervorgerufen haben, so war es mehr wegen der Persönlichkeiten, die an der Spitze der neuen Bewegung standen — darunter mehrere hohe Beamte der Gemeinde und ein „orthodoxer11 Rabbiner. Dem jüdischen Geschichtsschreiber werden diese „Gottesdienste" in der Tat sehr interessant sein, als eine Illustration der absurden Assimilation, zu der man das Judentum reduziert hat Aber wir Zionisten haben ernstere Dinge gehabt, womit wir uns beschäftigten und zollten der „Jewish Religious- Union" geringe Aufmerksamkeit, besonders als die „Union" während der Sommerhitze zusammengeschmolzen war, und während der letzten Monate keine Gottesdienste abgehalten wurden. Wir haben ganz einfach das altmodische ^tsfcttf gemurmelt und sagten ihnen ein herzliches Lebewohl, aber „L'homme propose et Dieu dispose". Kaum bekundete der erste Nebel die Ankunft des Winters, so lasen wir eine Notiz in den Zeitungen, dass die Gottesdienste wieder aufgenommen werden und, was uns überraschte, dass eine Abteilung dieser halb-protestantischen Hymnensänger von den Urhebern der neuen Bewegung ins Londoner East-End dirigiert wird. Welch tiefer Einblick in die Bedürfnisse der East-End-Juden! Was liegt daran, dass London mit seinen 100.000 Juden keine jüdische Bibliothek besitzt, die den Namen verdiente, und dass die Juden in die Mission-Hall gehen müssen, um eine hebräische Zeitung zu lesen; was liegt daran, dass unsere hebräischen Schulen in einem elenden Zustande sind aus Mangel an intelligenten hebräischen Lehrern? Was liegt daran, dass die hebräische Literatur und Sprache, die neue und die alte, unter den eingeborenen englischen Juden ebenso bekannt sind, wie die

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